Böhmenkirch Ein veritabler Rundumschlag

Heidelgart (Katrin Birker) macht sich an den Aufseher Justus Sorglos (ganz links: Gerd Kummer) ran, im Hintergrund Bahnarbeiter und eine Dorffrau. (Günter Rau, Manfred Schneider und Ina Köpf).
Heidelgart (Katrin Birker) macht sich an den Aufseher Justus Sorglos (ganz links: Gerd Kummer) ran, im Hintergrund Bahnarbeiter und eine Dorffrau. (Günter Rau, Manfred Schneider und Ina Köpf). © Foto: Sabine Graser-Kühnle
Böhmenkirch / SABINE GRASER-KÜHNLE 14.07.2015
Mit "Daniel Straub" hat die "Theatergruppe Obere Roggenmühle" die Geschichte dieser Geislinger Persönlichkeit informativ und amüsant aufbereitet. Und dies vor dem Hintergrund der Industriealisierung.

Autor Claus Bisle hat den Spagat hervorragend geschafft: In dem Stück "Daniel Straub" verknüpfte er historisches Geschehen in Geislingen, ja eigentlich in der ganzen westlichen Welt, mit der schillernden Persönlichkeit Daniel Straubs und spannte gar den Bogen bis in die Gegenwart. Das Ganze - eine Dokumentation des Zeitalters der Industrialisierung mit dem damit verknüpften Wohlstandsboom sowie Biografie eines Geislingers, die in einer Tragödie endet - verpackte er in ein spannendes Theaterstück, dem es weder an informativen Fakten noch an Heiterkeitsausbrüche auslösenden Szenen mangelt. Das Spiel der Laiendarsteller der "Theatergruppe Obere Roggenmühle" in den ernsten wie auch den komödiantischen Szenen und Dialogen gab dem Stück den letzten Schliff. Am Wochenende wurde es auf der Theaterbühne der Oberen Roggenmühle bei Eybach uraufgeführt.

In Kostümen vom Kostümverleih des Naturtheaters Heidenheim, die der Vorstellung von Kleidung um 1840 nachempfunden wurden, standen die Darsteller auf der Bühne. Requisiten waren nur sparsam eingesetzt, anstelle einer Kulisse sorgte farbiges Licht für den atmosphärischen Hintergrund.

In kurzen Spielszenen hatte Autor Bisle 42 Jahre Historie wie Perlen aneinandergefügt, was zusammen eine abgerundete Geschichte ergab. So thematisiert er: die Umstrukturierung der Kapellmühle mit Einrichtung einer modernen Walzenmalzbruchmaschine, was zu einer Nutzung des bisher nur landwirtschaftlich oder für die Mühle gebrauchten Wassers der Rohrach als Wasserkraft führte; den Eisenbahnbau mit Sprengungen und Schienenlegen im "steilsten Stück Europas" bei Geislingen; die Gründung einer Reparaturwerkstatt für den Bahnbau als "Keimzelle" der späteren MAG sowie die Anfänge der WMF, wo die "silbernen Töpfe" produziert wurden; und schließlich Straubs persönliche Tragödie, der frühe Tod seines Sohnes, der ihm jegliche Energie raubt.

Passende Musik, wie etwa Wagners "Rheingold" zu Ambossschlägen, Hintergrundgeräusche, wie eine Felssprengung, Lieder, vorgetragen von den "Stadtratten" und eine Erzählerstimme aus dem Off runden das Geschehen ab.

In dessen Mittelpunkt steht der Geislinger Daniel Straub; eine Figur, die Bisle sehr menschlich gezeichnet hat, und die Roland Funk sensibel spielt: Hier als der verantwortungsbewusste Ehemann und Vater, dort als harter Geschäftsmann und schließlich als Visionär und damit Wegbereiter des Geislinger Wohlstands.

In den Dialogen von Bahnarbeitern, Entscheidungsträgern, aber auch einfachen Dorffrauen spiegelt sich der Zwiespalt, der sich im Volk ob der Entwicklungen im Zusammenhang mit dem Bau der Eisenbahnstrecke durch Geislingen auftat. Darunter diejenigen, die ihr Fähnchen stets in den Wind hängen um zu profitieren (herrlich: Gerd Kummer) und der Bürgermeister, meist Wachs in den Händen der Voranschreitenden (Michael Birker).

Für Lachsalven sorgte Katrin Birker als zänkische Heidelgart, die die Geislinger mit Verve gegen Daniel Straub und die Entwicklungen in ihrer Heimatstadt aufbrachte. Nicht wenigen Theaterbesuchern drängte sich da der Vergleich mit den Aufständen zu Stuttgart 21 auf. "Die Leut' sind halt immer gegen neue Entwicklungen", meinte eine Besucherin in der Pause.

Und es gab noch mehr Parallelen zur Gegenwart: In Dialogen zwischen Arbeitern und dem heutigen WMF-Chef Peter Feld (Joachim Jörke) - die "Arbeiter" sprechen mitten aus dem Publikum zu Feld, der inmitten der Zuhörer steht - lässt Bisle die aktuelle Situation der WMF mit Entlassungen geschickt einfließen. Nicht minder sind es die Kinder im Stück, die zugleich Metapher für eine Generation sind, die das starrköpfige Sträuben der Älteren gegenüber Neuerungen nicht nachvollziehen kann - einerlei in welchen Zeiten Kinder leben.

Seine ganz persönliche Botschaft, sein Fazit aus der Aufarbeitung der Geschichte des Daniel Straub als Persönlichkeit und Wohlstandsbereiter Geislingens, überbrachte Bisle in der Schlussszene: Da liegt er selbst, als fiktive Gestalt, die als "das Geislinger Wohl" immer wieder während des Stücks aufgetaucht ist, am Boden. Straub lässt den unbeteiligt scheinenden Feld nicht gehen, ehe dieser ihm auf die Frage antwortet: "Was wird aus ihm, dem Wohl Geislingens?"

Dichtung und Wahrheit

Mit dem Stück über den berühmten Geislinger Daniel Straub (1815 - 1889) wollte Autor Claus Bisle mehr als von dessen Leben erzählen. Er nahm Leben und Wirken seines Protagonisten zum Anlass einer Bestandsaufnahme: Wie steht es um "das Geislinger Wohl" heutzutage?

Straub führte, im Nachhinein betrachtet, Geislingen bekanntlich zum Wohlstand, er wird nicht umsonst "zweiter Gründer Geislingens" genannt. Letztlich gehen sowohl die Mag als auch die WMF auf Firmengründungen Straubs zurück. Bisle lässt in seinem Stück Straub mit dem heutigen WMF-Chef Peter Feld zusammentreffen und stellt ihm unangenehme Fragen; auf die Feld antworten muss.

Die Tatsache, dass Bisle und Co-Autor Roland Funk vor Fertigstellung des Stückes ein Gespräch mit den Öffentlichkeitsarbeitern der WMF hatten, ließ manchen aufhorchen. Zensur? Nein, überhaupt nicht, sagte Norbert Barf auf der Nachfrage unserer Zeitung. Bei dem Treffen hätte Pressesprecher Kai Hummel immer wieder betont, dass er in keiner Weise Einfluss nehmen wolle auf die künstlerische Freiheit der Autoren. Nur wolle er die Dinge aus Sicht der WMF darlegen. Auch sei es darum gegangen, dass es in der WMF, die vor allem 2014, als das Theaterstück geschrieben wurde, in negative Schlagzeilen geraten war, sich mittlerweile weiter entwickelt habe.

VER

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