Es ist kalt in der Ebersbacher Veitskirche. Und es scheint noch kälter zu werden, als Esther Bejarano zu lesen beginnt. „Eine der letzten Zeitzeuginnen und Überlebende des Konzentrationslagers Auschwitz“, so Ingrid Scheer bei der Begrüßung, überlebte dank des Mädchenorchesters in dem Konzentrationslager. Die Koordinatorin der Flüchtlingshilfe bei der Stadtverwaltung, Andrea Schiller, hatte die Veranstaltung am vergangenen Donnerstagabend initiiert. Die Idee dazu war im vergangenen November bei der Verlegung von drei Stolpersteinen entstanden.

Die zierliche Esther Bejarano sitzt vor dem Altar, der gekreuzigte Christus – auch er war Jude – scheint sie umarmen zu wollen. Sie spricht mit klarer Stimme, berichtet von der Zeit ihrer Deportation im April 1943 bis zu ihrer Befreiung im Frühjahr 1945, „meiner zweiten Geburt.“ Unbeschreibliches hat die heute 95-Jährige erlebt. Die Zuhörer in der vollbesetzten Kirche erhalten eine Vorstellung vom Grauen, das der jungen Frau und Millionen Leidensgenossen während der Nazi-Herrschaft widerfuhr. „Die SS hatte gelernt, wehrlose Frauen zu prügeln und war auch noch stolz darauf,“ musste sie erleben. Und: „Niemand wusste, ob und wann man ins Gas geschickt wird.“

Mädchen mussten mit Musik neue Transporte begrüßen

Das galt auch für die Musikerinnen des Mädchenorchesters. „Wir mussten morgens Märsche spielen, wenn die Arbeitskolonnen das Lager verlassen haben.“ Vielleicht noch traumatisierender: „Wenn neue Transporte ankamen, mussten wir sie spielend empfangen. Sie dachten sicher, wo Musik gespielt wird, kann es so schlimm nicht sein.“

Es fällt schwer, die Bilder auszuhalten, die ihre Erinnerungen heraufbeschwören. Da tut es gut, am Ende der Konzert-Lesung gemeinsam mit ihr einen alten deutschen Schlager zu singen: „Du hast Glück bei den Frau’n, Bel Ami“. „Dieses Lied hat mir das Leben gerettet“, sagte Bejarano. Sie hatte es in Auschwitz auf dem Akkordeon gespielt und wurde ins Orchester aufgenommen.

„So lange singen, bis es keine Nazis mehr gibt“

Esther Bejarano war nicht alleine nach Ebersbach gekommen. Gemeinsam mit der Rap-Band „Microphone Mafia“ rappen sie und ihr Sohn Joram seit Jahren durch die ganze Republik. Kutlu Yurtseven war im Deutsch-Unterricht auf die Idee gekommen, mit Rap komplexe Themen Jugendlichen zu vermitteln und rappte die Werke Schillers. „Auch Erinnerungsarbeit müsste so funktionieren.“ In Esther Bejarano fand er die Partnerin, die mit ihm gemeinsam erinnert auf Deutsch, auf Jiddisch und auf Türkisch oder mit dem italienischen Partisanenlied „Avanti popolo“. Sie erinnern nicht nur an Auschwitz. Auch an Hoyerswerda. Oder Rostock-Lichtenhagen. Oder Solingen. „Ich werde so lange singen, bis es keine Nazis mehr gibt“, bekräftigen er und Esther Bejarano. Und bekommen Beifall.

Bejarano hat Freude am Leben nicht verloren

Allen Widrigkeiten ihres Lebens zum Trotz – Esther Bejarano hat die Freude am Leben offensichtlich nicht verloren und auch nicht die an der Musik. Ihr Engagement gegen rechts, gegen ewig Gestrige, die Sündenböcke suchen und vermeintlich einfache Lösungen versprechen, würdigten die Besucher mit langanhaltendem Applaus.

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Worte und Musik gegen rechts


Lesen Esther Bejarano schildert ihr Engagement in dem Buch „Erinnerungen: Vom Mädchenorchester in Auschwitz zum Rap gegen Rechts“. Es ist im Laika-Verlag erschienen.

Hören Musik der Hip-Hop-Band „Microphone Mafia“ können Interessierte über deren Homepage auf CD kaufen: www.microphone-mafia.com