Geschichte Ein letztes Bild der Idylle

Eislingens Archivar Martin Mundorff hat den Weg des Bildes akribisch nachverfolgt.
Eislingens Archivar Martin Mundorff hat den Weg des Bildes akribisch nachverfolgt. © Foto: Margit Haas
Eislingen / Margit Haas 07.09.2018

Prachtvoll gerahmt, in kräftigen Farben gibt ein Ölgemälde einen lebendigen Eindruck von Groß-Eislingen zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, als der Ort an der Wende stand vom Bauerndorf zur Arbeiter- und Industriestadt. Wer dieses „tolle Zeitdokument gemalt hat, ist leider nicht bekannt“, bedauert Stadtarchivar Martin Mundorff. Vor ein paar Jahren hat er das Bild restaurieren lassen, das interessante Einblicke in ein Eislingen an der Schwelle von einer bäuerlich-handwerklich geprägten zur Industriegesellschaft gibt.

Der Blick des Betrachters geht von Süden aus über den Ort nördlich der Fils hinweg ins Lautertal hinein. Es zeigt „ein Paar im Sonntagsstaat“. Zwei junge Männer – vielleicht zwei Hütejungen? – sind gemeinsam unterwegs. Die Landschaft ist kaum zersiedelt. Am linken Bildrand „ist der alte Turm der Markus-Kirche vor dem grundlegenden Umbau der Kirche Ende des 19. Jahrhunderts zu sehen“. Gegenüber, am rechten Bildrand, ist der Turm der Lutherkirche gut zu erkennen. Ein weiteres wichtiges Detail ist am rechten unteren Bildrand zu sehen. Es ist die sehr frühe Darstellung der Papierfabrik J. C. Schwarz & Söhne, die in den 1830-Jahren entstanden war. Der langgestreckte Bau mit dem hohen Kamin ist eindeutig zuzuordnen. In der Bildmitte, vor dem heutigen Ortsteil Krummwälden, ist eine weitere kleine Fabrik zu erkennen. „Es ist das 1859 gebaute Zweigwerk der Papierfabrik“, weiß Martin Mundorff.

Das Bild wurde dem Stadtarchiv vor ein paar Jahren von einer alteingesessenen Eislinger Familie überlassen. Es war für den Leiter des Stadtarchivs eine kleine Detektivarbeit, seine Ursprünge und seinen Weg nachzuzeichnen. „Der prächtige Rahmen weist auf das Großbürgertum hin“. Es war in den Besitz der Eislinger Familie über eine Großtante gekommen, die beim Papierfabrikanten Fleischer in Diensten gestanden hatte. „Sie hatte es als Geschenk zu ihrer Pensionierung von der Familie Fleischer erhalten“. Der jüdischen Unternehmerfamilie gehörte die Papierfabrik seit dem Ende des 19. Jahrhunderts.

Es erschien Mundorff aber wahrscheinlicher, dass das Gemälde vom früheren Besitzer Rudolph Schwarz in Auftrag gegeben wurde. Und tatsächlich: Martin Mundorff fand den Nachweis dafür in den Unterlagen des Stadtarchivs. Im Oktober 1865, zum Tode des Fabrikanten, war eine sogenannte Inventur und Teilung aufgestellt worden. Sie enthielt den gesamten Besitz des Unternehmers. Und dort findet sich der Eintrag: „1 Ölgemälde Groß-Eislingen vorstellend – 5 Gulden“. Damit ist für Martin Mundorff der Beweis erbracht, dass Rudolph Schwarz einen Maler beauftragt hatte. „Das Ölgemälde ist eine sehr schöne Momentaufnahme, ein letztes Bild der Idylle“. Eine Aufgabe für die Zukunft sei es, „die einzelnen Häuser zu erforschen. Das wäre wichtig für die Besiedlungsgeschichte von Groß-Eislingen“.

Info In der von der Stadt Eislingen herausgegebenen Publikation „Eislingen und seine Fabriken“ zeichnet Martin Mundorff ein detailliertes Bild der Industriegeschichte seiner Heimatstadt.

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