Musik-Comedy Ein kleiner Pianist hat Großes vor

Wofür Musiker Jahre oder Jahrzehnte benötigen, packt David Harrington in ein Zwei-Stunden-Programm: Mit viel Tempo stellt er den Weg auf der Karriereleiter vor.
Wofür Musiker Jahre oder Jahrzehnte benötigen, packt David Harrington in ein Zwei-Stunden-Programm: Mit viel Tempo stellt er den Weg auf der Karriereleiter vor. © Foto: Sabine Graser-Kühnle
Wiesensteig / Sabine Graser-Kühnle 05.11.2018

Er kam, musizierte und palaverte, und er siegte: Mit stehenden Ovationen, des höchsten aller Künstler Löhne, huldigte das Publikum im Kreuzgewölbesaal des Wiesensteiger Residenzschlosses dem Musik-Comedian David Harrington.

Der Weg dorthin war allerdings steinig, so zumindest war die Botschaft seines Programms „Der Barpianist“. Das Diplom des Konzertpianisten in der Tasche, träumt der frischgebackene Künstler von seiner Karriere, „ich werde der größte Pianist der Welt“ – und wartet stündlich auf den Anruf seines Agenten.

Derart beflügelt setzt sich der Pianist ans Schimmel-Klavier und haut in die Tasten: „Schatzi“, „Baby“, mit solcherlei Operettengassenhauern legt er los, ambitioniert, stimmgewaltig und mit dröhnendem Klavier. Bis dem geneigten Publikum klar wird, diese Vorstellung findet im Pflegeheim statt.

Der Musiker unterbricht seine Darbietung, „nur Geduld, gleich gibt es Kaffee und Kuchen“, er steckt den Tadel des „über 90-Jährigen“ weg, „was, Sie können Tschaikowskis Klavierkonzert Nummer eins in b-Moll nicht auswendig spielen?“ Immerhin erntet er dort stehende Ovationen, ein hintersinniger Hinweis, den nur eine Besucherin aus dem Publikum aufgreift, „aahh“ – und so wartet der Künstler sehnsüchtig auf Nachricht seines Agenten, träumt weiter: „Von der Villa Sonnenschein in die Elbphilharmonie“, seufzt er.

Wofür Musiker Jahre, ja wohl auch Jahrzehnte benötigen, Harrington packt es in sein rund zweistündiges Programm. Die Stufen der Karriereleiter führen ihn vom Seniorenheim ins Einkaufszentrum, er musiziert zu früher Morgenstunde in leeren Bars und wähnt sich am Höhepunkt seiner Karriere, als Schokoladen-Gräfin Suchard ihn zu sich auf das Kreuzfahrtschiff MS Troubadour holt. Dort steigt er ab als „Wrack“. „Jeden Abend eine Flasche Rotwein, zwei, drei, dazu etwas Kokain – das schaff‘ ich, das ist der Weg nach oben.“

Es folgt die Zeit der Besinnung. „When I get older, loosing my hair“, singt er und legt eine Klavierperformance hin, dass man nur noch staunt, er denkt über die Rente nach, was er als Künstler ja gar nicht bekommt, schmettert den Song „Ich brauche keine Millionen“ und schiebt ein Lied in düsteren Mollakkorden nach. Doch dann bahnt sich Hoffnung ihren Weg, der Song mutiert in die Dur-Tonart – der Konzertpianist, der seinen eigenen Stil kreiert, entwickelt sich, präsentiert  ein feinfühliges und dynamisch prickelndes Spiel.

Ende des Weges bleibt geheim

Wohin ihn seine Karriere schließlich führt, sei hier nicht verraten, doch so viel sei gesagt: David Harrington überzeugte mit dröhnenden Klavierklängen, düsteren Bassläufen zu wirbelnden Melodien. Er spielte nicht nur mitreißend bekannte Melodien aus Operette, Musical, Schlager und Pop, sondern servierte spannende Arrangements. So packte er das „Phantom der Oper“ in 60 Sekunden, aus „My fair Lady“ performt er den Song „Mit nem kleenen Stückchen Glück“ zu einem Schmachthit von Udo Jürgens, die Ballade „Für Elise“ mutiert unter seinen Händen zu einer Mischung aus Pop, Jazz und einem kraftvollen Rachmaninov. Dazu singt er, mal in feiner Operettenmanier, dann im Frank-Sinatra-Charme oder wie ein stimmgewaltiger Operntenor.

Verwöhnt von allen Seiten

Mit derselben Hingabe, mit der er die Klaviertasten bearbeitet und singt, schlüpft er in unterschiedlichste Rollen, entlockt seinem Publikum heiteres Gelächter. Derweil David Harrington sein Publikum musikalisch und verbal verwöhnte, servierte der Wirt vom Gasthof Selteltor in der Pause eine kreative Mahlzeit, der Saison angepasst und den Gaumen verwöhnend.

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