Trauer Trauerrednerin wählt Worte für ein ganzes Leben

Gerda Schauer in ihrem Haus in Wäschenbeuren. Treffen mit Angehörigen finden hier nicht statt, dafür kommt sie zu den Trauernden in deren gewohnte Umgebung zum Vorgespräch.
Gerda Schauer in ihrem Haus in Wäschenbeuren. Treffen mit Angehörigen finden hier nicht statt, dafür kommt sie zu den Trauernden in deren gewohnte Umgebung zum Vorgespräch. © Foto: Tilman Ehrcke
Von Kristina Betz 09.01.2018
Gerda Schauer schreibt Trauerreden und plädiert für einen offeneren Umgang mit dem Sterben.

Die Unzufriedenheit begann bereits vor zwanzig Jahren, als Gerda Schauers Mutter starb. Ihre Mutter habe acht Kinder großgezogen, im Krieg ihre Heimat verloren und der Pfarrer habe nicht mehr als fünf Sätze für sie übrig gehabt, erzählt Gerda Schauer kopfschüttelnd. Es folgten weitere Beerdigungen, auf denen Gerda Schauer war. Sie erzählt von solchen, bei denen der Name des Toten verwechselt wurde oder herzlose Floskeln statt persönliche Worte gesprochen wurden. „Die Menschen haben ein ganzes Leben hinter sich“, sagt Gerda Schauer mit Nachdruck. Solch ein Abschied werde dem nicht gerecht. Deshalb begann sie selbst, Trauerreden zu schreiben und sich bei Bestattungsunternehmen vorzustellen.

Über 50 Beerdigungen hat die 66-Jährige aus Wäschenbeuren seitdem begleitet, organisiert, gestaltet und die Trauerreden verfasst. Ihre Kunden sind nicht nur Angehörige alter Menschen, sondern häufig auch Eltern, Partner oder Kinder jung Verstorbener oder Angehörige von Suizid-Opfern. Das Treffen vor der Beerdigung, bei dem Gerda Schauer mit den Angehörigen über den Verstorbenen spricht, ist meist sehr emotional. „Das ganze Leben wird aufgearbeitet“, erklärt Gerda Schauer. Mindestens drei Stunden dauere so ein Vorgespräch. Häufig werde dabei viel geweint, aber auch mal gelacht. Dass die Redenschreiberin ihr Auto, auf dem die Reklame für ihre Dienstleistung prangt, auch mal drei Straßen weiter weg parken muss, kommt dabei häufig vor. „Vor allem bei Fällen von Suizid ist es den Angehörigen unangenehm“, weiß sie aus Erfahrung. „Angst, Scham, Schande“, glaubt Gerda Schauer, sind die Gründe.

Im Vorgespräch macht die Beerdigungs-Organisatorin auch klar: „Es gibt viele Möglichkeiten eine Beerdigung zu gestalten.“ „Es kann auch mal Helene Fischer oder Andrea Berg gespielt werden – auch ganz laut“, erklärt sie und erzählt von einer Beerdigung, bei der die Musik laut durch die Aussegnungshalle gedröhnt habe, weil der Verstorbene Musik am liebsten in voller Lautstärke gehört hatte.

Nicht immer stößt sie mit ihren unkonventionellen Beerdigungen auf Gegenliebe. „Die Friedhofswärter schauen schon komisch, wenn ich komme. ’Da gibt’s immer Extras, wenn die kommt’, sagen sie“, erzählt Schauer und lacht laut. Viele Beerdigungen, die Gerda Schauer abhält, finden frei und ohne Pfarrer statt. Obwohl viele ihrer Kunden nicht gläubig sind, darf das Vaterunser auf vielen Beerdigungen nicht fehlen. „Das gehört dann einfach dazu, wie ein Ritual. Es beruhigt die Menschen, hat etwas Medidatives.“

Wenn sie ihre Trauerreden schreibt, kann das auch mal vier Stunden dauern. 350 Euro nimmt Gerda Schauer für das Komplettpaket aus Organisation und Trauerrede. Reich werde sie damit nicht, so die 66-Jährige, aber die Arbeit als Redenschreiberin erfülle sie.

Ihre eigene Trauerrede will Gerda Schauer selbst verfassen. „Notfalls, wenn sie niemand vortragen kann oder will, nehme ich sie auf Band auf“, sagt sie ganz pragmatisch. Sie bedauert, dass der Umgang mit dem Tod, dem Sterben und der eigenen Beerdigung kein offener ist. Mit dem Tod beschäftigen sich die meisten nicht gern, weiß Gerda Schauer aus ihren Gesprächen. Nur wenige bereiten sich vor, kommunizieren ihre Wünsche für die eigene Bestattung oder kümmern sich gar selbst um die Art und Weise ihrer Beerdigung.

Bisher bekam sie noch nicht die Gelegenheit, eine Trauerrede mit einem Kunden vor dessen Tod zu besprechen und zu verfassen, bedauert die 66-Jährige. Sie erzählt von einem 86-Jährigen aus dem Ort, der zu vielen Beerdigungen kommt, um sich ihre Trauerreden anzuhören. „Er will sehen, was da auf ihn zukommt“, vermutet Gerda Schauer. Doch das Angebot, seine Trauerrede vor seinem Tod mit Gerda Schauer vorzubereiten, habe er immer abgelehnt.