Es war eine ausgelassene, unbeschwerte Feier am Samstagabend in Reichenbach: Im Rahmen des 67. Tälesmusikertreffens spielten die „Zillertaler Schürzenjäger“ und sorgten für Stimmung im proppenvollen Festzelt. Gegen 2.30 Uhr erhielt Julian Drexler, der sich zu diesem Zeitpunkt im Zelt aufhielt, die Hiobsbotschaft: Per Handy teilte ihm ein Kumpel mit, dass auf dem Hexensattel zwischen Reichenbach und Unterböhringen Rauch aufsteigt. „Ich dachte, er will uns foppen“, erinnert sich Julian Drexler. Doch es war kein Witz: Wie bereits kurz berichtet, haben Unbekannte in der Nacht zu Sonntag die 14 Meter hohe Holzpyramide auf dem Hexensattel mutwillig in Brand gesetzt. Diese war von der Reichenbacher Dorfjugend für das Sonnwendfeuer am kommenden Freitag mühsam aufgebaut worden.

Acht Wochen lang hatten die rund 20 jungen Leute täglich drei Stunden geschuftet und Unmengen an Holz auf die Ebene zwischen Reichenbach und Unterböhringen geschafft. Es war alles vorbereitet für die bereits traditionelle Veranstaltung, die alljährlich tausende Menschen anlockt. Dass jemand den Holzstapel eigenmächtig vor der Feier anzünden könnte, damit hatte niemand gerechnet.

„Wir sind alle geschockt. So etwas ist bisher noch nie passiert“, sagt Julian Drexler. Zusammen mit Patrick Maier harrte er am Sonntag auf dem Hexensattel aus, um nach dem Rechten zu sehen. Die einst beeindruckende Holzpyramide mit einem Durchmesser von 13 Metern war zerstört. Noch immer loderten einzelne Flammen aus dem Ascheberg, der eine enorme Hitze ausstrahlte. Glut und Wut schwelten. Einige Wanderer, Radfahrer und Besucher des Tälesmusikertreffens fanden ebenfalls den Weg auf den Hexensattel, um sich von dem Drama mit eigenen Augen zu überzeugen. Sie alle waren bestürzt, aufgebracht und wütend. „Wer macht denn so etwas?“ - dieser Satz war immer wieder zu hören. „Das muss doch geplant gewesen sein“, mutmaßte eine Frau. Schließlich könne man mit einer Zigarette kaum einen solch‘ gewaltigen Holzstoß entzünden.

Auch in besagter Nacht waren die Besucher und Helfer, die sich noch im Festzelt befanden, auf den Hexensattel geströmt. „Viele hatten Tränen in den Augen“, erzählt Julian Drexler. „Wohl oder übel mussten wir mitanschauen, wie das Ding niederbrannte. Man konnte nichts mehr tun“, ergänzt Patrick Maier. Die Feuerwehren von Deggingen und Bad Überkingen waren vor Ort – ebenso die Polizei, die die Ermittlungen aufgenommen hat. Man gehe von einem Sachschaden von mehreren Tausend Euro aus, informiert Rudi Bauer, Pressesprecher der Polizeidirektion Ulm. Derzeit gebe es noch keine Hinweise auf den oder die Täter. „Wir sind noch ganz am Anfang der Ermittlungen.“ Am Sonntag sorgte der Vorfall freilich auch im Festzelt des Tälesmusikertreffens für Gesprächsstoff. Die Redner beim Tälesmusikertreffen – Bürgermeister Karl Weber, Landrat Edgar Wolff, die SPD-Bundestagsabgeordnete Heike Baehrens und Roland Ströhm, der Vorsitzende des Blasmusik-Kreisverbands – waren fassungslos. „Wir brauchen jetzt Holz und Helfer. Unterstützen Sie die Reichenbacher Jugendlichen“, sagte der Bürgermeister an die Gäste gewandt. Die Sonnwendfeier solle trotzdem stattfinden. „Jetzt können wir zeigen, dass wir zusammenhalten.“

Die Reichenbacher Dorfjugend will sich jedenfalls nicht geschlagen geben: „Wir veranstalten das Fest auf jeden Fall – das Feuer wird halt nicht so groß sein wie geplant“, sagt Julian Drexler. Schließlich sei es nicht machbar, eine ähnlich hohe Holzpyramide innerhalb weniger Tage aufzuschichten. Die Dorfjugend wolle das Beste aus der Situation machen. Dies tat sie übrigens auch beim Festumzug am Sonntag mit einem großen Schild an ihrem Wagen kund. Darauf war zu lesen: „Reichenbacher Sonnwendfeuer, 23. Juni – Jetzt erst recht“.

Info Wer die Reichenbacher Dorfjugend mit Holz und Muskelkraft unterstützen will, kann sich mit Patrick Maier unter der Telefonnummer (0157) 32 11 36 91 in Verbindung setzen.