Agenda Ein Füllhorn der Nachhaltigkeit

Da waren die Wände noch nicht voll geschrieben: Die Bürgerwerkstatt für die Nachhaltigkeit im Raum Bad Boll brachte eine intensive Diskussion.
Da waren die Wände noch nicht voll geschrieben: Die Bürgerwerkstatt für die Nachhaltigkeit im Raum Bad Boll brachte eine intensive Diskussion. © Foto: Staufenpress
Bad Boll / Jürgen Schäfer 11.05.2018
Ressourcen schonen, das Miteinander fördern: Die Ideen sprudeln nur so für die Nachhaltigkeitsregion im Raum Bad Boll.

Die Boller Bahn soll wieder fahren, ein Expressbus zum Flughafen kommen. Das sind wohl die weitreichendsten Vorschläge, die der 13-köpfige Beirat für die Nachhaltigkeitsregion im Verbandsgebiet Raum Bad Boll enwickelt hat und die jetzt in einer Bürgerwerkstatt ergänzt wurden. Der Bogen spannt sich bis zu dem Vorschlag, Radfahrer und Fußgänger sollten beim Bäcker den Vortritt haben, weil sie ökologisch unterwegs sind. Die Ressourcen schonen, das Miteinander weiterentwickeln – das sind wesentliche Ziele. Oder, wie es der Gammelshäuser Bürgermeister Daniel Kohl bei der Begrüßung im Gemeindehaus sagte: „Dass wir so leben, wie wir es uns und unseren Nachfahren wünschen.“

Viele Denkansätze bringen die Beiräte mit, die aus mehr als 100 Bewerbern ausgelost wurden. Rüdiger Kopper fand es eigenartig, als er vor 18 Jahren vom großen Esslingen ins kleine Aichelberg zog: Warum hat jedes Dorf hier ein Rathaus und  eine Feuerwehr? Warum arbeiten sie nicht enger zusammen? „Von Bad Boll aus hätte es die Feuerwehr im Verbandsgebiet nicht weiter als im Stadtgebiet Esslingen.“  Da könnte man Geld für anderes sparen.

Samia Gherbaoui kommt aus Hattenhofen, der Klimabündnisgemeinde. Dort gibt es das Streuobstwiesenparadies und den Steinkauz, die Gemeinde macht einen Nachhaltigkeitsbericht. Wie Bad Boll auch. Aber sie ärgert sich über soviel Plastikmüll, den die Gesellschaft produziert.  Ein Laden für unverpacktes Einkaufen, das wäre es doch. Samia Gherbaoui ist 17 Jahre jung, ökobewusst aufgewachsen, ein Auto will sie nicht. Sie bringt sich beim Thema Heimat ein.

Das blüht schon auf: Eine Streuobstbörse und eine Regio-Kiste werden vorgeschlagen, Kindergärten und Schulen könnten brachliegende Streuobstwiesen bewirtschaften und dafür das Obst haben. Man könnte auch Äpfel für ein soziales Projekt sammeln, und wer am meisten sammelt, gewinnt etwas. Trinkt mehr Sauerwasser: Es solle in Vereine, Schule und Kindergärten Schule machen. Die Nachbarschaftshilfe solle man stärken. Über Apps könnte man sich kennenlernen.

Hans Hohlbauch sorgt sich um das Bienensterben. „Ein Riesenthema.“ Daran hingen auch Milliarden Euro für die Volkswirtschaft. Was können Gemeinden tun? Wenigstens selber auf Glyphosat und Pestizide verzichten, fordert er.  Bürgermeister Kohl will den Austausch der Generationen fördern. „Alt lernt von Jung und umgekehrt.“ Der Dürnauer Schultes Markus Wagner  fragt: „Wie kriegen wir junge Leute zum Ehrenamt?“ Kurt Ulmer ist ein Energiespartüftler, dem die Ideen nicht ausgehen. Er hat für Zell auch schon ein Repaircafé vorgeschlagen – jetzt steht es auf der Themenliste.

Die Mobilität ist ein großes Thema. In jedem Auto sitzt meist nur einer – eine Mitfahrzentrale soll weiterhelfen. Und ein Mitfahrbänkle, wie es im Nassachtal schon steht. Carmen Ketterl von der Evangelischen Akademie Bad Boll bringt ungeahnte Perspektiven ein. Die großen Betriebe im Bad Boller Kurareal planen eine Mitfahrbörse, ein Potenzial von 165.000 Gästen im Jahr steht dahinter. Das gehört zu deren Initiative „Gemeinsam weiterkommen“, für die sie in Berlin einen Preis bekamen. Lässt sich das auf das Verbandsgebiet ausweiten? Mehr machen könnte man aus dem E-Bürgerauto „Lorenz“, meint der Nachhaltigkeitsbeirat. Nicht nur Fahrdienst, auch Car-Sharing und „Boller Wagen“, der Einkäufe auf Bestellung bringt. Für die E-Mobilität müsse Infrastruktur her, und umrüsten könnte man doch die Flotte der Diakoniestation. Nach einem Rad- und Fußwegekonzept wird gerufen. Nach straßennahen und direkten Radwegen, ohne Ampelstopps. Auch über leerstehende Häuser und den Flächenverbrauch wird diskutiert.

Bürgerbeteiligung hält sich in Grenzen

Interesse: Alle Einwohner im Verbandsgebiet Raum Bad Boll waren zur Bürgerwerkstatt eingeladen, knapp 100 wurden persönlich angeschrieben. Die hatten sich für den Nachhaltigkeitsbeirat interessiert, kamen aber nicht zum Zug. Es sind dann aber nur etwa 20 Interessierte nach Gammelshausen gekommen.

Wechselbad: „Erst war ich enttäuscht“, sagt Marion Sippel,  die mit Jörg Hiller den Prozess zur Nachhaltigkeitsregion betreut. Aber das Ergebnis sei gut: „Wir haben zehn bis 15 neue Mitstreiter.“ Beide Moderatoren vom Büro „Ideen“ finden den Abend inhaltlich gelungen. „Es war eine intensive Diskussion.“

Arbeitsgruppen: Die Neuen werden nun eingeladen, sich in Arbeitsgruppen einzubringen. Dazu ist jeder weitere willkommen, Anmeldung im Internet unter www.n-region-raum-bad-boll.de. Der Fahrplan: Eine Themenliste wird erstellt, der Verband der sechs Gemeinden beschließt im November über die Umsetzung.