Porträt Ein Chefarzt mit Forscherdrang

Chefarzt Dr. Martin Kimmel hat viel vor: Er will den Schwerpunkt Autoimmunkrankheiten ausbauen und sich der Herausforderung stellen, die Dialyse verstärkt als Heimverfahren anzubieten.
Chefarzt Dr. Martin Kimmel hat viel vor: Er will den Schwerpunkt Autoimmunkrankheiten ausbauen und sich der Herausforderung stellen, die Dialyse verstärkt als Heimverfahren anzubieten. © Foto: Staufenpress
Kreis Göppingen / Susann Schönfelder 09.05.2018
Dr. Martin Kimmel ist seit Anfang des Jahres Chefarzt der Klinik für Nephrologie am Eichert. Sein Ziel ist es, für Patienten die Dialyse zu Hause verstärkt anzubieten.

Die künstliche Niere rettet seit 75 Jahren Leben beziehungsweise hilft dabei, dass Patienten länger leben können. Dieser Geburtstag verschafft der Dialyse in diesem Jahr eine besondere Aufmerksamkeit. Eine Tatsache, die Dr. Martin Kimmel wohlwollend zur Kenntnis nimmt. „Nierenerkrankungen haben nicht den Stellenwert, den sie haben sollen“, meint der Chefarzt der Klinik für  Nephrologie, Hochdruckkrankheiten und Dialyse in der Klinik am Eichert. Immerhin litten zwei Millionen Menschen in Deutschland an einer Krankheit der wichtigen Ausscheidungsorgane – Tendenz steigend. Gründe dafür seien die älter werdende Gesellschaft, aber auch Volkskrankheiten wie Diabetes und Bluthochdruck, sagt Kimmel.

Wenn der Privatdozent über sein Fachgebiet spricht, schwingt Begeisterung mit. In der Regel kommen die Patienten drei Mal die Woche zur Dialyse. „Kein Arzt sonst sieht seine Patienten drei Mal in der Woche“, sagt Kimmel und spielt auf die enge Beziehung an, die sich dadurch im Laufe der Zeit entwickelt. Daher sei er auch ein stückweit „Hausarzt“, das heißt er stehe den Patienten auch bei anderen medizinischen Fragen mit Rat und Tat zur Seite. „Wichtig ist es, die Patienten in dieser Phase behutsam zu betreuen“, betont der 47-Jährige. Einerseits seelisch-moralisch, aber auch rein medizinisch: „Es geht zunächst darum, die Dialyse so lange wie möglich herauszuzögern“, unterstreicht er. „Und dann ist es das Ziel, die Nierenrestfunktion so gut es geht zu erhalten. Es geht um den Patienten, der liegt uns am Herzen.“ Doch auch Aufklärung und Vorbeugung seien wichtig, betont der Mediziner, um zusätzliche Schäden zu vermeiden: „Frei verkäufliche Schmerzmittel zum Beispiel können für  Nierenkranke fatal sein.“

Damit nierenkranke Menschen möglichst lange mit möglichst viel Lebensqualität leben können, beschäftigt sich der Chefarzt tagtäglich mit neuen wissenschaftlichen Themen. „Die aktuelle Entwicklung soll schnell dem Patienten zugute kommen“, ist sein oberstes Ziel. Er selbst forscht auf dem Gebiet des akuten Nierenversagens, hält viele Vorträge bei Kongressen, tauscht sich mit Kollegen aus der ganzen Republik aus und publiziert wissenschaftliche Beiträge. „Ich habe eine sehr volle Arbeitswoche“, fasst er schmunzelnd zusammen. „Aber es macht mir Spaß, ich mache das gerne.“

Der gebürtige Esslinger hat am 1. Januar die Nachfolge von Dr. Klaus-Dieter Hanel angetreten, der jetzt im Ruhestand ist. Vorher war Kimmel im Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart, hat dort als Assistenzarzt begonnen, eine breite Facharztausbildung für Innere Medizin genossen, wurde Oberarzt und 2008 schließlich Leitender Oberarzt. Die Chefarzt-Stelle am Eichert sei „schon reizvoll“ gewesen, weil es bundesweit nur wenige nephrologische Schwerpunktabteilungen gebe und damit solche Stellen rar sind, sagt der 47-Jährige, der in Tübingen studierte, promovierte und habilitierte.

„Ich kenne die Region gut, das passt also“, sagt Martin Kimmel. Er habe sich bereits gut eingelebt am Eichert, „das Haus hat mich sehr offen empfangen und mir damit den Start erleichert“. Der neue Chefarzt sprüht förmlich vor Tatendrang: „Es gibt schon einige Dinge, die anzupacken sind“, sagt er. Die Nephrologie in der Göppinger Klinik sei „gut repräsentiert“, es gebe aber durchaus „Entwicklungspotenzial“. Kimmel will beispielsweise den Schwerpunkt Autoimmunkrankheiten ausbauen und sich der Herausforderung stellen, die Dialyse verstärkt als Heimverfahren anzubieten – so wie es am Robert-Bosch-Krankenhaus geschehen ist.

Martin Kimmel scheint sich kaum Zeit zu nehmen, sein Büro einzurichten. Die Nephrologie bestimmt sein Leben, er findet es reizvoll, einerseits Generalist für die unterschiedlichsten medizinischen Fragen zu sein, andererseits aber auch Spezialist, was seltene Erkrankungen wie Autoimmun- oder genetische Krankheiten angeht. Rund 30 Buchkapitel in dem Standardwerk „Nephrologie“ stammen aus der Feder des neuen Göppinger Chefarztes.

Bei aller Begeisterung und Aufopferung für die Medizin bezeichnet sich der 47-Jährige als Familienmensch. Mit seiner Frau und den drei Kindern, die zwischen 9 und 16 Jahre alt sind, lebt er in Stuttgart.

Wenn es die Zeit zulässt, geht er auf Reisen – meist in Europa. „Ich bin gerne in der Natur unterwegs, fahre gern Fahrrad, laufe gern“, zählt der 47-Jährige seine Hobbys auf. Um dann gleich wieder auf die Arbeit zu kommen: „Die Tage hier sind sehr lang“, sagt er. „Aber man hat jeden Tag mit etwas Neuem zu tun, denn kein Patient ist gleich.“ Dieses Neue weckt tagtäglich seine Neugier und seine Motivation, nierenkranken Menschen zu helfen und dazu beizutragen, dass seine Abteilung „Medizin auf höchstem Niveau“ bieten könne.

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