Uhingen Ein Akt der Befreiung für contergangeschädigte Künstlerin

Beim Malen und Zeichnen passen Körper und Geist zusammen. Für die aus Uhingen stammende Reni Lipp ist die Bildende Kunst ein Akt der Befreiung.
Beim Malen und Zeichnen passen Körper und Geist zusammen. Für die aus Uhingen stammende Reni Lipp ist die Bildende Kunst ein Akt der Befreiung. © Foto: Hans Steinherr
HANS STEINHERR 21.03.2014
Sie malt vorzugsweise Akte und abstrakte Bilder. Malen nennt sie einen Akt der Befreiung und ein Stück weit Persönlichkeitsentwicklung. Die contergangeschädigte Reni Lipp stellt im Uhinger Rathaus aus.

Was ist schon normal. Einen Elektrostecker drückt Reni Lipp für gewöhnlich mit dem Mund in die Steckdose. Menschen mit gesunden Armen und ohne Behinderung machen es mit den Händen. Die 51-jährige Reni Lipp ist contergangeschädigt. Ihre Hände setzen an der Schulter an. Ein Handicap, aber kein unüberwindbares Hindernis, um im Alltag zurechtzufinden. Es verlangt ihr mehr Willenskraft, mehr Selbstüberwindung ab, ein selbständiges Leben führen zu können. Reni Lipp, die Bürokauffrau und Malerin, fährt Auto, arbeitet am Computer oder befüllt die Waschmaschine - nur eben anders. Wenn etwas zu Boden fällt, geht sie in den Spagat, um es aufheben zu können. "Mein Verstand", sagt sie, "produziert etwas anderes, als ich körperlich tun kann."

Beim Malen und Zeichnen passt beides zusammen. Es gelingt ihr ausgezeichnet mit den Händen und mit dem Mund. Dann ist sie in der Lage, mit dem Körper umzusetzen, was der Geist ihr vorgibt. "Malen ist für mich ein Akt der Befreiung", sagt die gebürtige Uhingerin. Vor elf Jahren kam sie dazu. Doch erst zwei Jahre später, als ihr ein Bekannter die Adresse der Göppinger Künstlerin Helma Ettmayer für einen Privatunterricht vermittelte, begann sie sich intensiv mit der Malerei zu beschäftigen. Reni Lipp malt mit Acryl und Pastell, zeichnet mit Kreide und Bleistift. Vorzugsweise abstrakte Bilder und Aktzeichnungen. Ihre Emotionen und Gefühle lassen sich dabei, sagt sie, am besten zur Wirkung bringen. Rot, schwarz und weiß dominieren, verstärken im Kontrast den Ausdruck.

Nach 15 oder 20 Minuten Arbeit braucht sie Abstand. Inneren und äußeren. Um den stillen Dialog, der sich beim Malen eingestellt hat, zu verarbeiten. Ihr Malduktus ist ein reduzierter. Ob abstrakt oder konkret gemalt und gezeichnet, Linien und Striche sind überzeugend sicher und voll ausgewogener Ästhetik gezogen. Die Bilder der Reni Lipp sind sensibel und offen wie sie selbst. Aktbilder und Porträts von ihr sind bewusste Auseinandersetzungen mit dem eigenen Körper. Anstrengend, aber wohltuend. Die Wirkung auf den Betrachter trägt dazu bei, Berührungsängste abzubauen. Sich selbst akzeptieren zu können, ist nicht immer einfach. Nicht für behinderte und nicht für nichtbehinderte Menschen.

Am Freitagabend wird im Uhinger Rathaus die dritte große Ausstellung in Reni Lipps künstlerischer Laufbahn eröffnet. Den Bildern sieht man ihr persönliches körperliches Handicap nicht im Geringsten an. Der Titel lautet: "LebensArt! Barrierefrei". Kunst kann frei machen. Sie wolle sich noch auf andere Herausforderungen einlassen, sagt Reni Lipp. Auf Tanz und Fotografie. Das ist für sie so wie für jeden anderen auch: etwas völlig Normales.

Die Ausstellung im Rathaus Uhingen wird am Freitag ab 19 Uhr eröffnet. Öffnungszeiten sind: Mo. bis Fr. 9-12 Uhr, Mi. 14-18 Uhr, Do. 16-16 Uhr (bis 16. Mai)