Ebersbach Ebersbachs vergessener Held

Ebersbach / DIRK HÜLSER 02.05.2012
Sein Name ist nahezu in Vergessenheit geraten: Heute jährt sich der Geburtstag des gebürtigen Ebersbachers Fritz Wandel, einer der Anführer des Mössinger Generalstreiks 1933 und Überlebender des KZ Dachau.

Einzelhaft, KZ Dachau, Strafbataillon 999 - Fritz Wandel aus Ebersbach verbrachte während der zwölfjährigen NS-Diktatur nur wenige Wochen in Freiheit und gehörte damit zu den am längsten inhaftierten Widerstandskämpfern im Dritten Reich. Seine Geschichte ist weitgehend in Vergessenheit geraten, heute jährt sich sein Geburtstag zum 114. Mal.

Am 2. Mai 1898 erblickt Fritz Wandel in Ebersbach das Licht der Welt, sieben Geschwister sollen noch folgen. Die Arbeiterfamilie zieht 1900 nach Reutlingen, der Vater stirbt früh und der junge Fritz muss als Tagelöhner Geld verdienen. 1919 kehrt er aus der Kriegsgefangenschaft nach Reutlingen zurück, als 18-Jähriger ist er zur Wehrmacht eingezogen worden. 1923 heiratet Wandel, 1931 wird das KPD-Mitglied in den Reutlinger Gemeinderat gewählt. Zwei Jahre später schreibt der gebürtige Ebersbacher Geschichte - er gehört zu den Rädelsführern des Mössinger Generalstreiks.

Nachdem Paul von Hindenburg am 30. Januar 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt hatte, war für Wandel und andere klar: Es muss etwas getan werden. Generalstreik schien eine effektive Lösung, im ganzen Reich riefen Kommunisten dazu auf. Dies hatte schließlich 1920 nach dem Kapp-Putsch auch funktioniert. Doch sonderbarerweise fiel der Aufruf nur im kleinen, südlich von Tübingen gelegenen Mössingen auf fruchtbaren Boden.

Rund 100 Regimegegner versammelten sich am 31. Januar bei einer Turnhalle und liefen von Fabrik zu Fabrik, um die Arbeiter auf ihre Seite zu ziehen. Aus Reutlingen angereist war KPD-Unterbezirksleiter Fritz Wandel, der als Hauptredner auftrat. "Wenn die Hitler-Regierung am Ruder bleibe, gebe es wieder Krieg, und da wolle er lieber auf der Straße verrecken", zitieren historische Quellen einen Zeitzeugen, der Wandel in Mössingen hatte reden hören. Insgesamt 800 Demonstranten waren es, als die Polizei erschien und den Antifaschisten dämmerte, dass wohl einzig in Mössingen gestreikt wurde. Die meisten Demonstranten flohen über die Felder.

80 Teilnehmer am Generalstreik wurden im selben Jahr zu Haftstrafen zwischen drei Monaten und zweieinhalb Jahren verurteilt. Am härtesten traf es Fritz Wandel: Viereinhalb Jahre Einzelhaft lautete das Urteil gegen ihn. Danach kam er allerdings nicht auf freien Fuß: Nachdem er die Haftstrafe abgesessen hatte, brachten die Nazis Wandel ins Konzentrationslager nach Dachau, wo er fünfeinhalb Jahre bis 1943 einsaß. Seine Erlebnisse verarbeitete der Widerstandskämpfer nach dem Krieg in dem Buch "Ein Weg durch die Hölle . . . Dachau - wie es wirklich war".

1943 war Wandel dann kurz in Freiheit, die Nazis wollten ihn für Spitzeldienste rekrutieren. Zum Schein machte er das Spiel mit, schrieb darüber: "Ich habe gelogen, dass sich die Balken bogen. Ich glaube, dass ich damals besser gelogen habe als die Nazis." Doch nach wenigen Wochen durchschaute die Gestapo das Spiel und griff zu einer drastischen Maßnahme: Fritz Wandel wurde ins berüchtigte "Strafbataillon 999" gesteckt. Sein Glück war vermutlich, dass er in sowjetische Kriegsgefangenschaft geriet - Wandel gehörte zu den Wenigen, die das Strafbataillon überlebten.

Nach dem Krieg wurde Wandel dritter Stellvertreter des Reutlinger Oberbürgermeisters Oskar Kalbfell (SPD) und Leiter des Wohnungsamts. Für die KPD zog er wieder in den Gemeinderat ein, zudem engagierte er sich als Vorsitzender der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), hielt auch Vorträge über seine Zeit in Haft, die auf sehr großes Interesse stießen.

In dieser Zeit kam Fritz Gemeinhardt nach Württemberg. Der 20-jährige Dachdecker war auf Wanderschaft und "in Reutlingen gelandet", wie er heute sagt. Dort gründete der Berliner unter anderem mit Wandels Tochter Anita die Ortsgruppe der 1951 wieder verbotenen Freien Deutschen Jugend (FDJ), saß auch im Landesvorstand. Er erinnert sich auch heute noch gut an den aufrechten Kommunisten: "Fritz Wandel hat sich gefreut, dass die Jugend nachzieht, dass wir die Tradition am Leben erhalten", erzählt der 84-Jährige, dessen Vater mit Erich Mühsam im KZ Oranienburg gefangen gehalten wurde. Zurzeit schreibt Gemeinhardt, der längst wieder in Berlin lebt, an seiner Autobiografie - als Zeitzeuge hat er viel zu erzählen.

An Fritz Wandel erinnert heute nichts mehr, weder in Ebersbach noch in Reutlingen. Der mutige Widerstandskämpfer starb 1956 unter der Achalm.

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