Weiß, langschwänzig und kopflos, so klettern sie die Wände hoch. Übergroße, wie genmanipulierte Horror-Krabbeltierchen. Scheinbar vollgesaugt und sattgefressen.

Kleider machen Leute. Und Leute wie der Landschaftsplaner und Bildhauer Reinhold Engberding aus alten Kleidern Kunst: etwa, wenn er alte, abgelegte T-Shirts mit Nylon und Holzwolle vollstopft, verbindlich aneinander näht und damit neuer Deutung und Bestimmung zuführt. Wenn er Herrenhosen nach Gebrauch Wendungen und Bündnisse eingehen lässt, sie mit Wissen – also altem, zusammengeknülltem Zeitungspapier – füllt und aus alt wieder neu macht. Kunst kann auch ressourcensparend aus recycelter Materie entstehen und zyklisch und zeitlos werden. Wiederbelebtes macht neugierig und zieht die Blicke an.

Die erste Ausstellung im Jahreszyklus des Eislinger Kunstvereins ist eine Doppelschau unter dem Genese-affinen Titel „Schöpfung und Grundwasser“ und mit Arbeiten von Engberding und Peter Nikolaus Heikenwälder, der schwarz malt, aber nicht schwarz sieht. Heikenwälder arbeitet schichtweise mit Ölfarbe. Auch die Schwarzmalerei macht neugierig. Seine hat sogar einen Touch von visionärer Erleuchtung, ist andererseits orientierungslos. Wenn Erfahrung nicht weiterhilft, müssen Empathie und Empfindung aktiviert werden, um wieder Richtung zu finden.

Wenn es richtig dunkel wird in Heikenwälders Räume negierenden Bildern, zeigt sich das Bunte. Dann dringt Farbe durch die zahlreichen schwarz darüber gemalten Schichten. Man muss nur lange genug ins Bilderdunkel starren, um das Assoziierende in den namenlosen Arbeiten zu entdecken. Fische, Muscheln, Ein- und Mehrzeller, Sporen und Spiralnebel, geometrisch-galaktische Formen tummeln sich, schwerelos verortet in den unendlichen Tiefen des Meeres und des Weltenraumes. Alles zugleich und gemeinsam. Zeitgleich mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, so dass Apokalypse und immer wieder wiederkehrende Genesis zusammentreffen. Herkömmliche Größenverhältnisse untereinander werden ignoriert. Der Verstand beginnt zu dominieren, sieht mehr als die Augen.

Heikenwälders und Engberdings Arbeiten, die zwischen realer Fiktion und naturwissenschaftlichem Mythologisieren hin- und herpendeln, verlangen geradezu vom Betrachter, sich eigene Geschichten einfallen zu lassen. Zusätzlich und alternativ zu denen, die die Arbeiten von sich aus schon erzählen. Wie die – wieder mit Holzwolle aufgepäppelten – Herren-Oberhemden und die mit Schellack überzogenen, gebündelten Boxershorts, die schon in Zürich und Kairo waren und auch schon Lissabon gesehen haben. Oder die Aquarelle und ölfarbigen Bilder mit ihren organischen Formen aus makro- und mikrokosmischen Welten.

Info Ausstellung in der Alten Post, Bahnhofstr. 12, in Eislingen. Öffnungszeiten: Di. bis Sa. 16-18 Uhr; So. 14-18 Uhr. Ausstellungsdauer: bis 10. März mit Finissage und Rundgang ab 16 Uhr.

Zwei Hamburger in Eislingen


Herkunft Der studierte Bildhauer und Landschaftsplaner Reinhold Engberding (Jahrgang 1954) lebt und arbeitet in Quickborn-Heide bei Hamburg. Peter Nikolaus Heikenwälder (Jahrgang 1972) hat an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig studiert. Er lebt und arbeitet in Hamburg.