Toleranzwochen Diskussion zum Abschluss der Toleranzwochen

Uhingen / SABINE ACKERMANN 28.10.2016

Die Fratze der Intoleranz zeigt sich in vielfältiger Weise“, sagt Moderator Tobias Krickl zu Beginn. Nein, hitzige Wortwechsel gab es weder auf noch vor der Bühne und ja, jüngeres Publikum war auch bei der Abschlussveranstaltung der Toleranzwochen unter der überschaubaren Zahl von etwas über 40 Zuschauern dünn gesät.

Breit gestreut waren dagegen gleichwohl der Wirkungskreis sowie die Aussagen der fünf Persönlichkeiten, denen der Fragesteller je zehn Minuten Redezeit einräumte; was freilich schon beim ersten Podiumssprecher Matthias Wittlinger Wunschdenken war. Ausführlich ging der Bürgermeister auf die Flüchtlingsunterbringung ein, die im Gemeinderat nur gemeinsam lösbar sei und dort gleichwohl ein Umdenken bewirkte. Gestalte sich diese in Nassachmühle am besten, setze man andernorts wie in der Eisenbahnstraße auf Kommunikation. Dort wünsche man mehr Beachtung der „schwäbischen Kehrwoche“, die Einhaltung der Straßenverkehrsordnung sowie weniger nächtliche (Grill-)Aktionen. „Angst, dass etwas passiert ist kein Thema“, gibt der Schultes die einhellige Auskunft der Bürger wider.

In Uhingen leben über 2000 Muslime, wie weit sei da der „auf Eis gelegte“ Antrag des Ortvereins Ditib zum Bau einer Moschee, wollte Tobias Krickl noch wissen. Einerseits fehle es an einer ebenen Fläche und andererseits mache das Verhalten des türkischen Präsidenten Erdogan die Sache nicht einfacher, lautete die Antwort des Schultes.

„Toleranz stellt sich nicht von selber ein, Toleranz muss gelernt werden“, betonte Claudia Leber. Die Rektorin der Hieber-Gemeinschaftsschule berichtete von den vielen Aktionen, die auch zum Zertifikat „Schule ohne Rassismus“ geführt hatten. Über 70 Prozent der Lehrer sowie mehr als 500 Schüler aus 25 Herkunftsländern verpflichteten sich per Unterschrift dazu. „Wir sind der festen Überzeugung, dass echte Toleranz die aktive Auseinandersetzung auf Augenhöhe nötig macht. Man muss den Anderen verstehen, um auch seine anderen Reaktionen und sein anderes Verhalten zu verstehen“, so die Schulleiterin. Für den evangelischen Pfarrer Martinus Kuhlo hat der christlich-muslimische Dialog im Kirchenbezirk längst begonnen, zum ersten Mal nehme auch ein Iman daran teil. Jede Religion habe einen absoluten Wahrheitsanspruch, aber alle Religionen seien sich eigentlich darin einig, dass „Gott der ganz Andere ist“. „Als Christen sind wir verpflichtet ins Gelingen verliebt zu sein“, sagt der Seelsorger. Die Burka würde ihn wie das Handgebeverbot zwar stark befremden, allerdings nütze ein schnelles Verbot in der Regel nichts, insofern müsse man es eben aushalten. Schließlich sei es auch noch nicht lange her, dass auch bei uns ältere Frauen nur mit Kopftuch aus dem Haus gingen.

Erfrischend kurz und knackig nannte Frank Weigele, Geschäftsführer von EWS Tools Technologies, die „Zauberformel“ seiner produktiven und harmonierenden Belegschaft. Allein im Betrieb Uhingen seien von rund 250 Beschäftigten 38 Ausländer und 77 Menschen mit Migrationshintergrund: „Unsere Leute sind gut miteinander zurecht gekommen“, verrät der Firmenchef. „Nur einmal hat ein Verantwortlicher mit lauter Landsleuten eine Abteilung aufgebaut, bis dort kein Deutsch mehr gesprochen wurde, doch daraus haben wir gelernt“, verrät er. Heike Baehrens, MdB, sieht Deutschland nicht gespalten, sondern mit einer freiheitlichen demokratischen Grundordnung und einer offenen Gesellschaft, in der jeder seine Meinung sagen kann. „Ich finde es ganz wichtig, die Erfahrungen vom letzten Jahr nicht so sehr zu dramatisieren. Aufregen müssen wir uns über all die Dinge, wo Menschen über die Stränge geschlagen haben und zwar auf allen Seiten. Dass Menschen angegriffen werden, das sind alles Dinge, das passt nicht zu unseren Grundwerten“, sagte die Politikerin.

Auf die Flüchtlingswelle konnte man sich nicht vorbereiten, da musste man Schritt für Schritt damit umgehen, so Baehrens. Das klare Signal der Humanität war genau das Richtige, fern von Ausgrenzung und Zurückweisung. Als Fehler sieht sie, dass die Kanzlerin erst Wochen danach den Schulterschluss mit der europäischen Gemeinschaft gesucht habe, hebt allerdings „die historisch einmalige Situation“ hervor. Nachdem die Gespräche immer mehr ins Politische abdrifteten, gab es eine Pause, in der die Zuschauer Fragen zum eigentlichen Thema „Toleranz“ stellen konnten. Auch für Werner Lorenz kam dieses Thema im Hinblick auf Uhingen zu kurz. Bürgermeister Matthias Wittlinger sieht in der fehlenden Toleranz ein „Wohlstandsproblem“, bei Fehltritten müsse man früher Konsequenzen zeigen. AfD-Kreisvorsitzender Volker Münz will anders als der Pfarrer  verschleierte Frauen nicht aushalten, während  sein Parteimitstreiter Sandro Scheer muslimische Männer unter der Gürtellinie attackierte. Abgesehen von solchen Ausrutschern verlief die Diskussion sehr sachlich und aufschlussreich.

30 Veranstaltungen mit hochkarätigem Inhalt

Bilanz Martina Bartos, die Koordinatorin der Uhinger Lokalen Agenda 21 zieht Bilanz über die Toleranzwochen: „Hat man eine Idee, finden sich in Uhingen rasch viele Gleichgesinnte aus unterschiedlichen Institutionen. Als Bereicherung sehe ich unter anderem die Bildung neuer Netzwerke sowie persönliche Erkenntnisse für die Zukunft.“

Schule Eine tolle Erfahrung war für die Agenda-Koordinatorin der Nachmittag in der Nassachtal-Grundschule, wo es um den Alltag der Contergan-geschädigten Zwillingsschwestern ging. Rita Lipp stellte sich zahlreichen Fragen, Reni Lipp agierte in einem Film. Anfangs noch scheu, beeindruckten 25 Kinder fast zwei Stunden lang mit ihrer ungeteilten Aufmerksamkeit, zeigten sich sehr konzentriert und interessiert.

Inhalt Inhaltlich waren die rund 30 Veranstaltungen aus Sicht von Martina Bartos keine Enttäuschung, Themen und Meinungsbildung zeigten sich vielfältig. Ernüchternd waren die Zuschauerzahlen bei der Lesung des Autors André Biakowski ,„Randnotizen“, sowie bei der Aufführung „Tschick“ des Tübinger Landestheaters. ack

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