Ausstellung Dinge auf der Netzhaut auf den Kopf gestellt

Der in Stuttgart lebende israelische Künstler Abi Shek zeigt derzeit in der Städtischen Galerie Donzdorf sein „Bestiarium“.
Der in Stuttgart lebende israelische Künstler Abi Shek zeigt derzeit in der Städtischen Galerie Donzdorf sein „Bestiarium“. © Foto: Hans Steinherr
Donzdorf / Hans Steinherr 21.09.2017

Das Schwarz verstärkt das Weiß, das Weiße fokussiert das Schwarze. Wenn Blau mitmischt, wird es transparent, nicht mehr greifbar. „Bestiarium“ heißt die Ausstellung von Abi Shek in der Städtischen Galerie in Donzdorf. Darin zeigt der israelische, in Stuttgart lebende Künstler Bilder in Anlehnung an eine mittelalterliche Tierdichtung, die tatsächliche oder vermutete Eigenschaften von Tieren allegorisch mit der christlichen Heilslehre verbindet und moralisiert.

Abi Shek will irritieren. Zum Beispiel mit dem dreibeinigen Hirsch und seinem dreiteiligen Geweih, mit der züngelnden Schlage und dem schnäbelnden Raben, mit dem schwarzen Vogel, der kopfüber am Ast hängt und dessen drei blaue Blätter von unten betrachtet. Ist er falsch herum aufgehängt? Oder doch absolut gesehen real, weil uns ja das Auge immer etwas vorgaukelt, durch die Lichtbrechung die Dinge auf der Netzhaut andauernd auf den Kopf stellt. Oben ist immer auch unten.

Abi Shek ist Bildhauer. Kein Maler, wie er betont. Die Arbeiten, die er in Donzdorf zeigt, sind Zeichnungen. Grafische Arbeiten. Zweidimensionale Skulpturen, gezeichnet von der Kunst des Weglassens. Schlangen, Raben, Tiere mit Hörnern ­– sie alle treten kraftvoll, aber laut- und geräuschlos in Erscheinung, tauchen auf wie Fabelwesen. Ihre Formen sind Ausdruck, sind Körpersprache, sind visuelle Formen von Emotionen und Eigenschaften. Namenlos und wertfrei. Abi Shek gibt ihnen keine Titel, weil sie in aller Stille für sich selbst sprechen. Es sind reduzierte und pointierte, schwarze und schwerelose Kleckse mit markanten Konturen. Keine Bilderrätsel, aber rätselhafte Bilder. Magisch irgendwie. Wie Zeichen von hieroglyphischer Symbolik und in kalligrafischer Schönheit. Moderne Höhlenmalerei? Also zeitlose Kunst?

Ein Bild zeigt zwei Rabenvögel, die Zweige in den Schnäbeln halten – erkennbar nicht die Tauben Noahs und auch nicht geziert von frischem Grün. Auch keine weißen Tauben, die Hoffnung auf gefundenes Land und Frieden symbolisieren. Eher schon Geier mit nichts anderem als Visionen. Solche Assoziationen ergeben sich ganz von alleine.

Abi Sheks Bilder sind uralte traditionelle Stilmittel, um Aussagen über Menschen und Gesellschaften zu machen. Dabei sind Tiere nichts anderes als Platzhalter für den Menschen selbst, und die Bilder sind das, was sie sind. Nichts anderes als schöne ästhetische Bilder. Hans Steinherr

Info Öffnungszeiten der Ausstellung im Alten Schloss und im Rathaus: Mo. bis Fr. 8-18 Uhr (bis 27. Oktober)

Zur Person Abi Shek

Biografie Abi Shek studierte von 1990 bis 1998 Bildhauerei an der Kunstakademie Stuttgart bei Prof. Micha Ullman. Er erhielt 1991 ein Stipendium des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst Baden-Württemberg, 1993 den Akademiepreis „Ateliergemeinschaft Feuerbach“ und 2016 die Atelierförderung der Stadt Stuttgart. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Stuttgart. Einmal im Jahr fliegt Abi Shek heim nach Israel. Ein inneres Muss. Heim zu seinen Eltern.

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