Eislingen Die Welt bunter machen

Eislingen / DANIEL GRUPP 23.12.2014
Die Firma Weckerle in Eislingen blickt zuversichtlich ins neue Jahr. Nach schwieriger Zeit, glauben die Betriebsleiter, dass die Wende geschafft ist. Die Auftragsbücher seien für die ersten drei Quartale 2015 voll.

50 Millionen Tuben Zahnpasta, 3,5 Millionen Lipgloss-Stifte: Die Maschinen bei Weckerle Cosmetics in Eislingen sind gut ausgelastet. Teilweise wird im Drei-Schicht-Betrieb gearbeitet. "Die Zahlen sprechen für sich", betont Randolf Lehmann-Tolkmitt. "Wir werden 2014 den Turnaround schaffen und aus dem roten Bereich raus kommen." Man dürfe jetzt nicht so oft nach hinten schauen. "Wir sind auf sehr gutem Weg", stellt auch Bernhard Starzer fest.

Sie sind Betriebsleiter bei Weckerle-Cosmetics in Eislingen und vertreten sich gegenseitig, wobei sich Starzer vor allem um die Produktion kümmert, während Lehmann-Tolkmitt für Vertrieb und Marketing zuständig ist. Geschäftsführer, das betonen beide, sei aber Firmeninhaber Thomas Weckerle.

Auch in den schwierigen Jahren habe Weckerle nie beabsichtigt, das Eislinger Werk zu verkaufen. Schließlich sei dies der größte Standort der Weckerle-Gruppe, versichert Lehmann-Tolkmitt: "Weckerle hat soziale Verantwortung und will Arbeitsplätze weitestgehend erhalten." Lehmann-Tolkmitt kennt seinen Chef ganz gut. Er arbeitet seit sechseinhalb Jahren für die Firma und war einige Zeit Weckerles Assistent in der Firmenzentrale im oberbayrischen Weilheim. Starzer ist seit eineinhalb Jahren bei Weckerle. Er kam als Sanierungsberater und Produktionsexperte.

Nach schlechten Erfahrungen in den Jahren davor, wollte Thomas Weckerle keinen externen Betriebsleiter mehr. Starzer musste ganz in die Firma eintreten. Er hat es offenbar nicht bereut: "Ich bin froh, hier zu sein." Es sei ein Glücksfall, dass sich beide gut verstehen, erklären Starzer und Lehmann-Tolkmitt. Sie teilen sich ein Büro: "Da muss Zahn in Zahn greifen", sagt Starzer.

Als die beiden Betriebsleiter vor etwa eineinhalb Jahren nach Eislingen kamen, war die Stimmung am Boden, erzählt Lehmann-Tolkmitt. "Das Problem war, man hat den Leuten nichts mehr zugetraut." Nach Einschätzung der jetzigen Chefs lag das schlechte Klima an ihren Vorgängern, in der Regel Leihmanager, die seit der Übernahme des früheren Scheller-Produktion durch Weckerle das Werk geleitet haben. Seither habe sich Thomas Weckerle von mehreren Führungskräften getrennt. Starzer und Lehmann-Tolkmitt wollen einen neuen Führungsstil verkörpern. Jetzt werde teamorientiert gearbeitet. Schließlich säßen die Experten des Werks in den Teams. "Die Meinung der Mitarbeiter ist uns wichtig." Lehmann-Tolkmitt setzt auf Eigenverantwortung, flache Hierarchien und offene Türen: "Man muss delegieren." Die Folge sei, dass die Mitarbeiter Verbesserungsvorschläge machen und sich im Betrieb wohlfühlten.

Nachdem sich nicht nur die Stimmung, sondern auch die Zahlen nach Angaben der Betriebsleiter verbessert haben, sollen davon alle profitieren. "Das Tal der Tränen haben alle mit durchlaufen. Dann sollen alle teilhaben, wenn es uns besser geht", erklärt Lehmann-Tolkmitt.

Bei Weckerle in Eislingen arbeiten etwa 200 Personen. Dies entspricht etwa der Größenordnung, die Weckerle von Dr. Scheller übernommen hat. Darunter sind jetzt auch Leiharbeiter. Der Eislinger Kosmetik- und Zahnpastahersteller ist nicht tarifgebunden. Die Firma orientierte sich aber am Tarif, sagt Lehmann-Tolkmitt. In den vergangenen Jahren gab es allerdings keine Sonderzahlungen wie Urlaubs- oder Weihnachtsgeld. Im laufenden Jahr hätten die Mitarbeiter aber ein halbes Monatsgehalt extra bekommen. "Für 2015 streben wir das komplette 13. an. Sobald wir es uns leisten können", kündigt Lehmann-Tolkmitt an.

Die Eislinger Firma hat einen Jahresumsatz von etwa 40 Millionen Euro. Etwa jeweils die Hälfte entfalle auf die Produktion von Zahnpflegemittel, die andere Hälfte auf die Farbkosmetika: "Wir machen die Welt halt etwas bunter", so Lehmann-Tolkmitt.

Weckerle produziert Eigenmarken für die Discounter, hat aber auch Lohnaufträge. Das heißt, in Eislingen werden im Auftrag von Kosmetikfirmen bestimmte Markenprodukte hergestellt. Zum Beispiel immer noch die Scheller-Kosmetikreihe Manhattan. Die Marke ist inzwischen im Besitz von Coty. Zu Kalina, dem früheren Scheller-Eigner, bestehe keine Verbindung mehr. Die einstige Scheller-Zahnpastamarke Durodont gibt es noch. Sie wird allerdings nicht mit mehr in Deutschland verkauft. Im Schnitt kann Weckerle im Zweischichtbetrieb auf vier Maschinen 1,2 Millionen Tuben Zahnpasta in der Woche befüllen.

"Die Schlecker-Insolvenz hat uns getroffen. Es war unangenehm und hat weh getan", nennt Starzer eine Ursache für die schwierigen Jahre. Bei den Eigenmarken für die Drogeriemärkte und Discounter müsse der Produzent immer sofort liefern können. Entsprechend müssten stets größere Mengen des Produkts auf Lager sein, erläutert Lehmann-Tolkmitt. Gehe der Kunde Pleite, bleibe der Produzent auf der Ware sitzen. Anders sei es bei der Lohnherstellung. Da sei das Risiko weit geringer, weil es in den Verträgen klare Abmachungen über die Zahlungsbedingungen gibt. Während bei der Lohnherstellung der Auftraggeber selber für Marketing und Logistik sorgt, müsse man bei den Eigenmarken den Kunden mit einem Konzept helfen.

2013 hatte Weckerle immer wieder Liquiditätsengpässe. In der Zeit hätten die Kontakte zu den Kunden und Lieferanten, von denen viele schon zu Scheller-Zeiten bestanden haben, weiter geholfen. Die Betriebsleiter hätten die Lieferanten besucht, den Sanierungsplan vorgestellt und Vertrauen aufgebaut. Als sich die Firma mit den Lieferanten auf einen Zahlungsplan geeinigt habe, sei dieser auch immer eingehalten worden. Entscheidend war jedoch, dass Thomas Weckerle zu seinem Eislinger Standort gestanden ist und Geld nachgeschoben hat, um die Engpässe zu beseitigen.

Schon Anfang 2014 war wieder investiert worden, um Naturkosmetik herstellen zu können. Der Auftrag war da und habe sich gut gerechnet, erklärt Lehmann-Tolkmitt. Auch 2015 sind weitere Investitionen geplant, kündigt Starzer eine weiterhin bunte Zukunft an.

Von Scheller über Kalina zu Weckerle und Coty

Geschichte 1944 hat Dr. Karl-Heinz Scheller in Eislingen die Firma Scheller gegründet. Produziert werden Salben und Tinkturen, später Zahncremes. 1948 wurde die Marke Durodont gekauft. 1999 brachten die Söhne Alexander und Hans-Ullrich Scheller die Firma an die Börse. Im Frühjahr 2005 gaben beide Familien ihre Anteile an den russischen Kosmetikkonzern Kalina ab. Kalina kauft nach und nach fast alle Anteile auf und nimmt die Scheller Cosmetics AG 2007 von der Börse.

Weckerle Im Frühjahr 2009 hat Kalina die Scheller-Produktion in Eislingen an Thomas Weckerle verkauft. Rund 200 Arbeitnehmer wechseln dabei zu Weckerle. Die Firma aus dem bayrischen Weilheim produziert Kosmetik und Hygieneprodukte und Maschinen zur Befüllung von Tuben.

Coty Im November 2010 verkauft Kalina an Coty die Manhattan-Reihe. Mitte 2011 hat Coty den Scheller-Standort in Eislingen geschlossen. Seither gibt es nur noch Weckerle. dgr

SWP

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