Neun Uhr morgens. Die Wolken hängen tief. Im Hof der Gaststätte Zachersmühle packt Bruno Nagel noch eine Flasche Most ein, dann zieht er los. Hoch nach Hohenstaufen will er wandern, um dort seine neue Wirkungsstätte, ein Atelier für sein Label "Sprachbehausung", zu beziehen. Mit einem Leiterwagen, randvoll mit Sprachriegeln, mit geschriebenen Worten, Sätzen, Gedankenverbindungen auf Holzlatten, Gummiringen, Pinseln, Eiskratzern, Bonbons, sogar ein paar blütenzarte Flügel hat er dabei. Zwölf Stunden soll seine Lesereise vom bisherigen zum künftigen Arbeitsort dauern - über Börtlingen, Breech, Rattenharz, Unter- und Oberkirneck, Lindenbronn, Wäschenbeuren, Spielburg, Hohenstaufen zieht er sein klapperiges Gefährt. Ihm zur Seite gehen mal wenige, mal viele Bekannte und immer wieder auch neugierig gewordene Unbekannte.

Der Weg ist für Bruno Nagel nicht nur Ziel sondern Inspiration, Schatztruhe und ein Stück lebendige Heimat sowieso. Nach dem ersten steilen Stich, hoch nach Börtlingen, hängt der Dichter Worte in blühende Obstbäume, singt unter einem Balkon einen Liedgruß in russischer Weise, während der Hausherr flüssiges Gold in Schnapsgläser gießt. Beim Metzger trägt er vor, beim Bäcker tauscht er ein Gedicht gegen einen Laugenwecken.

Auf Straßen und Wegen hinterlässt er Großbuchstaben aus Kreidestaub, die zu Gedanken, wenigstens aber zu einem Lächeln anregen, wie beispielsweise: "Gehe durch alles hindurch bis es durch dich hindurch geht." Ein Schwatz auf dem Hof, ein denkwürdiger Balanceakt zwischen alpenländischem Jodeln und Gackern vor einer staunenden Hühnerschar, ein kurzer Geschichtenaustausch an der Haustür.

Bruno Nagel greift auf, was ihn umgibt, und wendet es durch Zeit und Raum, in Silben und Worten, bis einzigartige Poesie entsteht. Anagramme und Oden fliegen über den Dorfplatz von Unterkirneck, "der Sprache des Grundes einen weiteren Muskel hinzufügen", rund 50 Menschen sind mittlerweile Publikum, genießen gestifteten Hefezopf und Most neben den Sprach-und Gedankenkapriolen des Dichters.

Weiter geht's, "Wiesen, Wege und Felder poetisieren", wie er erklärt. Seine wechselnden Weggefährten machen mit, säen beispielsweise Leinsaat und Buchstabennudeln wie einen Tanz auf ein Feld. In frühlingsgrüne Bäume hängt der Sprachkünstler Pinsel, Eiskratzer und Kochlöffel mit Versen oder einzelnen Worten "atem" oder "wachse wirke werde".

Den letzten steilen Anstieg noch, dann ist sie erreicht, die Spielburg unterm Hohenstaufen. Nach über zwölf Stunden wandern und poetisieren, nach der Abschlussleserede vor zauberhaftem Abendrotpanorama, strahlt er: "Ankunst."