Porträt Pflegepreis für die Kraft der Liebe

Karin Gaus-Reichelt und ihr Mann Udo Gaus lachen gerne und viel. Mit Humor lasse sich der nicht immer einfache Alltag besser bewältigen, sagt das Ehepaar.
Karin Gaus-Reichelt und ihr Mann Udo Gaus lachen gerne und viel. Mit Humor lasse sich der nicht immer einfache Alltag besser bewältigen, sagt das Ehepaar. © Foto: Giacinto Carlucci
Eislingen / Karin Tutas 23.12.2017
Die Eislingerin Karin Gaus-Reichelt meistert neben ihrem Beruf die Pflege ihres schwerkranken Mannes.

Wie schafft sie das alles? Diese Frage hat Karin Gaus-Reichelt schon oft gehört, aber die Eislingerin hat keine Antwort darauf. Die weiß ihr Ehemann: „Karin ist eine sehr starke Frau, aber sie redet nicht gerne darüber“, meint Udo Gaus mit leiser Stimme. Das Sprechen bereitet dem 59-Jährigen sichtlich Mühe, Udo Gaus ist gezeichnet von seiner schweren Multiple-Sklerose-Erkrankung. Gemeinsam mit einem Pflegedienst stemmt Karin Gaus-Reichelt die Versorgung ihres Mannes und geht dabei noch ihrem Beruf nach. Dafür wurde die 54-Jährige jüngst mit dem Pflegepreis der Amsel-Stiftung ausgezeichnet.

Sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, ist so gar nicht das Ding der schlanken Frau, die eine große Fröhlichkeit ausstrahlt. „Ein bissle erschrocken“ sei sie gewesen, als sie von dem Preis erfuhr. „Warum gerade ich, das machen doch so viele andere auch?“, habe sie sich gefragt und war drauf und dran, die Auszeichnung abzulehnen. Letztendlich sei sie ihrem Mann zuliebe, der ihr zugeredet habe, zur Preisverleihung nach Stuttgart gefahren, „er hat sich so gefreut“, sagt sie und lächelt ihn liebevoll an.

Udo Gaus und Karin Gaus-Reichelt, das ist eine ganz besondere Beziehung. Als sich die beiden kennenlernten, saß er schon im Rollstuhl und benötigte umfangreiche Hilfestellung. Es war vor 13 Jahren, an Gaus’ Geburtstag. Karin Reichelt begann ihre Tätigkeit bei einem Pflegedienst, er war ihr Patient. Sie waren sich von Anfang an sympathisch, teilten die selben Interessen und Humor. „Aber alles auf einer professionellen Ebene, wir haben uns immer gesiezt“, betont Udo Gaus.

Dass er aber alles andere als unglücklich war, als seine Pflegerin nach einem Jahr zum Medizinischen Dienst wechselte, muss nicht extra betont werden. „Ab jetzt sag’ ich nemme Sie zu Dir“, habe er dann gesagt, sagt der 59-Jährige mit einem verschmitzten Lächeln. Aus Sympathie wird Liebe. „Die Krankheit hat für mich nie im Vordergrund gestanden, sondern der Mensch“, erzählt Karin Gaus-Reichelt. In den ersten Jahren war ihr Partner noch relativ selbstständig, konnte selbst Auto fahren und war als Vorsitzender der Göppinger Amsel-Kontaktgruppe und im Landesverband aktiv. Beide eint die Liebe zu Italien.

Auf einer ihrer gemeinsamen Reisen macht Udo Gaus Karin Reichelt einen Heiratsantrag – von langer Hand vorbereitet, in romantischem Ambiente. Seit sieben Jahren sind die beiden verheiratet. Der Zustand von Udo Gaus hat sich stetig verschlechtert. Inzwischen kann er nicht einmal mehr seine Hände benutzen und ist rund um die Uhr auf Unterstützung angewiesen. Seiner Frau ist es wichtig, bei seiner Pflege so viel wie möglich selbst zu übernehmen. Um 5.30 Uhr klingelt der Wecker, Karin Gaus-Reichelt holt ihren Mann aus dem Bett und gibt ihm Frühstück. Kurz vor acht geht sie aus dem Haus. Waschen und anziehen übernimmt ein ambulanter Pflegedienst, dessen Mitarbeiter fahren Udo Gaus auch zu seinen Therapien.

Zwischen 13 und 14 Uhr kommt Karin Gaus-Reichelt, die zu 75 Prozent arbeitet, nach Hause. Sie ist froh, dass sie ihre Schreibarbeiten im Home-Office erledigen kann. Es sei ihr wichtig, möglichst viel Zeit mit ihrem Mann zu verbringen. Beruf, Pflege, Haushalt und die gesamte Organisation des Alltags – wie sie das alles unter einen Hut bringt, darüber staunt die quirlige Frau selbst. „Hin und wieder wird mir das alles schon zu viel“, räumt die Eislingerin ein. „Dann motzt sie“, sagt ihre Ehemann mit einem innigen Blick.

Aber Karin Gaus-Reichelt klagt nicht. Das nütze eh nichts, „wir versuchen, das mit Humor zu nehmen“, man müsse die Aufgaben annehmen, sagt sie. Und letztendlich „tue ich es auch für mich selbst“. Wenn es ihrem Mann schlecht gehe, belaste sie das sehr. „Wir versuchen, soweit wie möglich ein normales Leben zu führen“, fügt sie hinzu.

Trotz seines schweren Handicaps ist Udo Gaus ein lebensfroher Mensch geblieben, ein Mann, der Charme versprüht. „Wir sind Genussmenschen“, sagt er mit einem verschmitzten Lächeln. Wenn seine Frau vorschlägt auszugehen, ist er gleich dabei. Gemeinsame Konzertbesuche oder Essen gehen, vorzugsweise italienisch – die beiden schätzen diese kleinen Auszeiten – auch wenn es jedes Mal eine größere Aktion ist. Aber Liebe überwindet ja bekanntlich viele Hürden.

Herausragendes Engagement gewürdigt

Amsel Jedes Jahr vergibt die Amsel-Stiftung Ursula Späth Preise an Menschen, die sich herausragend für Multiple-Sklerose-Erkrankte engagieren. In diesem Jahr waren es fünf Preisträger.

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