Soziales Die Freud’ an der Arbeit im Wald

In die Rolle von Waldarbeitern geschlüpft: Schüler der Berufsvorbereitenden Einrichtung in der Öde beim Falten von Wuchshüllen, die junge Eichen gegen Wildverbiss schützen.
In die Rolle von Waldarbeitern geschlüpft: Schüler der Berufsvorbereitenden Einrichtung in der Öde beim Falten von Wuchshüllen, die junge Eichen gegen Wildverbiss schützen. © Foto: Jürgen Schäfer
Schlat / Jürgen Schäfer 12.05.2018

Arbeit gibt’s genug. Groß ist die Lichtung in dieser westlichen Ecke des Schlater Waldes, wo die Fichten einen schweren Stand haben. Von „Lothar“ wurden sie damals noch verschont, da waren sie noch klein, aber seither haben hier die Stürme gewütet. „Bei jedem größeren Sturm ist wieder eine Ecke weg“, sagt Förster Erich Staib. Erst jetzt wieder, im Winter. Der Borkenkäfer nagt auch an dem Bestand.

14 Schüler der Berufsvorbereitenden Einrichtung (BVE) haben hier eine super Abwechslung zum Schulalltag. Schon das zweite Mal in diesem Jahr sind sie gekommen, um den Wald wieder aufzupäppeln und das Arbeiten zu üben. Was nur in Schüben geschehen kann. Die Lichtung ist mehr als einen Hektar groß. Da werden 4000 bis 5000 Bäume gesetzt, sagt der Förster. Die meisten sind schon drin.

Es ist auch eine kleine Herausforderung für die Jugendlichen, die an der Justus-von-Liebig-Schule in der Öde fürs Leben lernen und aus den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren „Lernen“ oder „geistige Entwicklung“ kommen. Zwei Sonderschullehrer begleiten sie. Aber schon die Anfahrt müssen die Schüler selbständig meistern, mit dem Bus ab ZOB nach Schlat. Schließlich bereiten sie sich aufs Berufsleben vor. „Das ist für alle ganz arg wichtig“, sagt Lehrerin Tina Reutter. Jeder macht Praktika. Florian (16) war zum Beispiel schon in einer Bäckerei und in der Industrie beim Druckfarbenversand. Andere Schüler haben das Arbeiten im Edeka, in der Mensa und am Kiosk an der Öde erprobt oder bei Dienstleistungsunternehmen und Handwerkern aus der Region.

Der Waldeinsatz ist ein Arbeitsprojekt der BVE, mal etwas anderes.  Die Schüler erleben hier, wie es ist bei der Arbeit in freier Natur. Gut machen sie das, loben Tina Reutter und Matthias Breckle. Die Schüler helfen einander: Wer schon letztes Jahr dabei war, zeigt den Neulingen, wie es geht.

Natalie gehört zur Vorhut der Truppe. Zusammen mit Tamara markiert sie die Jungpflanzen. Die muss man erstmal entdecken auf diesem Flickenteppich von Waldboden. Was einmal ein Baumriese werden soll, ist ein so  dünner und unscheinbarer Zweig, dass man aus Versehen drüberstiefeln kann.

Die anderen packen an. Jeder schnappt sich eine Wuchshülle, ein sperriges Kunststoffteil, faltet es und klappt die Laschen aus, durch die ein Robinienstab gesteckt wird. Es sind dann mehr die Jungs, die den Stock in den Boden hämmern, auf dass die zarten Pflänzchen von einem Schutzmantel umgeben sind. „Hämmern ist nicht so mein Ding“, sagt Christina. Auch für die Jungs ist es kein Zuckerschlecken. Aber sie kommen klar.  Und dann heißt es: Eine Wuchshülle nach der anderen setzen. „Am Anfang war’s schwer, aber nach ein paar Stunden gewöhnt man sich dran“, sagt Samuel.

„Jeder schafft im Rahmen seiner Möglichkeiten“ – lobt einer der beiden Waldprofis, die die Schüler begleiten. Sie stecken die Jungpflanzen und haben ein Auge drauf, ob die Schüler alles richtig machen. Sie tun das mit Zurückhaltung, lassen sie am langen Zügel, alle sind ein Team und jeder hat seinen Part. Auch die Lehrer. Die sind mittendrin. „Das Schöne ist: Auch wir Lehrer haben Spaß“, sagen Reutter und Breckle, während sie Wuchshüllen falten und hämmern.

Alle sind konzentriert bei der Sache und erleben die schönen Seiten der Arbeit. Sie sehen den Wert ihrer Arbeit, was sie schaffen und auch, was  die Vorgänger geschafft haben. Deren Bäume ragen grün aus der Landschaft heraus. Gemeinsam arbeiten macht Spaß. Es wird erzählt, gescherzt und kommentiert. Kurzes Staunen, als Samuel einen Stock so reinhaut, dass er oben splittert. Was kann man da machen? Wäre das schon das Berufsleben, hätten die Klassen ein gutes Betriebsklima. „Das haben wir immer“, sagt Tina Reutter. Die Schüler erleben Pausen, in denen der Förster vorbeikommt und etwas mitbringt, sie erleben, wie es ist, wenn man mal keinen Mittag macht. Und das alles bei schönstem Sonnenschein. Florian packt am letzten Arbeitstag die Wehmut.

Man könnte sagen: Ein Euro zahlt der Forst für das Setzen einer Wuchshülle, wenn er die Arbeiten vergibt. So gesehen haben diese und frühere Schüler dem Forst viele hundert Euro gespart. Seit Jahren kommen sie in den Schlater Wald. Sie waren auch schon im Gingener Wald, berichtet Reutter. Aber so glatt wäre die Rechnung nicht, weil es die Betreuung auch gibt, und betriebswirtschaftlich wird das nicht gesehen. Es ist ein soziales Projekt. Förster Staib ist gerne Partner einer Schule, die ihre Schüler aufs Arbeitsleben vorbereitet. Angefangen hat das vor Jahren beim Waldaktiv-Pfad, da haben Schüler der Bodelschwinghschule geholfen.

 Was nur der Fachmann sieht: Die Schüler helfen beim Umbau des Waldes. Eichen werden für die anfälligen Fichten gepflanzt. Die trotzen den Stürmen anders als die Flachwurzler und sind robust bei der Klimaerwärmung.