Bad Ditzenbach Die Angst vor Terroristen-Tourismus

Bad Ditzenbach / MARCUS ZECHA 15.08.2014
Nicht alle denkmalgeschützte Bauwerke sind in der Bevölkerung beliebt. Zu einem der unbequemsten Bauten gehört das sogenannte Schlageter-Denkmal, eine merkwürdige Steinpyramide in Auendorf.

"Oh, nicht schon wieder!" Nein, Bad Ditzenbachs Bürgermeister Gerhard Ueding ist nicht begeistert, dass wir über das Schlageter-Denkmal schreiben wollen. "Da werden doch die Terroristen wieder hoffähig gemacht", so der Schultes.

Nicht wenige in Auendorf dürften sich wünschen, dass diese als unsäglich empfundene Steinpyramide im Mittelpunkt eines Kriegerdenkmals für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges verschwindet, so wie die zugehörige Tafel einst verschwand. Oder dass zumindest ihr Name endgültig getilgt wird.

Es hat einen Grund, dass man auf das Denkmal hoch über dem Dorf, umgeben von geschützten Orchideen, alles andere als stolz ist. Denn sein Namensgeber ist Albert Leo Schlageter. Dieser verübte in den 1920er Jahren als Terrorist während des "Ruhrkampfes" Anschläge auf französische Besatzungstruppen. Schlageter wurde gefasst, 1923 durch ein französisches Kriegsgericht zum Tode verurteilt und erschossen. Die Nationalsozialisten feierten Schlageter bald als Vorkämpfer und Märtyrer. Mitte Mai 1933, also gleich nach der "Machtergreifung", stimmte der Auendorfer Gemeinderat dem Antrag der neu gegründeten NSDAP-Ortsgruppe zu, für Albert Leo Schlageter ein Denkmal zu errichten. Es wurde in Pyramidenform ausgeführt, gut fünf Meter hoch, und besteht aus Tuffsteinfindlingen mit Betonkern.

Die Gedenktafel, die auf den zu Ehrenden verwies, wurde 1945 kurz vor Einmarsch der US-Truppen entfernt. Dieser Umstand hat wohl eine Sprengung des Denkmals - wie für alle Denkmale der Nationalsozialisten gesetzlich festgeschrieben - verhindert. Später wurde die Gedenktafel wieder angebracht - und erneut entfernt. Inzwischen ist sie im Giftschrank der Gemeinde gelandet ("an sicherer Stelle"). Sie enthalte Nazi-Symbole, so Ueding. Eine neue Gedenktafel wolle man nicht anbringen, der Gemeinderat sei auch dagegen. Damit locke man nur die falschen Leute nach Auendorf, sagt Gerhard Ueding. Immerhin werde das Schlageter-Denkmal im Heimatbuch erwähnt. Und neben dem Denkmal habe die Gemeinde einen Grillplatz angelegt.

Aber auch wenn der alte Name dort nirgends zu lesen ist: Von einigen im Ort wird die Bezeichnung Schlageter-Denkmal bis heute verwendet. Auch die Denkmalbehörde hat reagiert: Im Jahr 1986 wurde das Schlageter-Denkmal in die Liste der historischen Kulturdenkmäler als Beispiel aus der NS-Zeit aufgenommen. Der ortsunkundige Wanderer allerdings erfährt davon nichts, denn ein Hinweis auf die problematische Geschichte der Steinpyramide fehlt. Und dem Touren-Radler geht es wohl nicht anders, selbst wenn er mit Kartenmaterial ausgestattet ist. Denn 1982 wurde der ursprüngliche Name auch aus der offiziellen Radwanderkarte des Landkreises entfernt. Aus dem Schlageter-Denkmal wurde die politisch unverfängliche "Steinpyramide".

"Schlageter-Kult" in Nazi-Deutschland führte zu etwa 100 Denkmälern

Schlageter-Denkmäler: 1923 wurde der 29-jährige Albert Leo Schlageter von der französischen Besatzung im Rheinland wegen Sabotage zum Tode verurteilt und hingerichtet. Rechte Kreise erhoben ihn bald zur Märtyrerfigur. Der "Schlageter-Kult" im nationalsozialistischen Deutschland führte seit 1927 zur Errichtung von schätzungsweise 100 Schlageter-Denkmälern, von denen heute noch etwa 20 existieren. Entsprechend oft wurden Straßen und Orte nach Schlageter benannt, nach 1945 jedoch meist wieder umbenannt.

Umbenennungen: Ein Schlageter-Denkmal in Eislingen wurde 1959 zum Schillerdenkmal. In Göppingen gab es einen Schlageterplatz, und das heutige Mörike-Gymnasium hieß von 1936 bis zum Kriegsende Schlageter-Schule.

Hitler-Hain: Die Umbenennungen nach 1945 betrafen selbstredend nicht nur Schlageter. NS-Denkmäler zu Hitler, Horst Wessel und Hindenburg bekamen nach 1945 überall im Landkreis schnell neue Namen und Schilder. Die Hermann-Göring-Siedlung in Süßen etwa heißt heute Staufeneck-Siedlung. Und auch der Hitler-Hain in Aichelberg verschwand - allerdings nicht nur der Name, sondern auch der Hain selber. Vermutlich wurde das Eichengehölz in Notzeiten verfeuert. Dies zumindest vermutet Kreisarchivar Stefan Lang. QUELLE: KREISARCHIV GÖPPINGEN

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