Sonett Dichter Bertolt Brecht ergriff Partei für einen Mörder

Uwe Geiger hat in den Unterlagen des Stadtarchivs nur eine Meldung über die Hinrichtung von Otto Klein gefunden. In der lokalen und überregionalen Presse dagegen fand sie ein großes Echo.
Uwe Geiger hat in den Unterlagen des Stadtarchivs nur eine Meldung über die Hinrichtung von Otto Klein gefunden. In der lokalen und überregionalen Presse dagegen fand sie ein großes Echo. © Foto: Margit Haas
Roßwälden / MARGIT HAAS 29.08.2018
Das Sonett über den verurteilten und hingerichteten Mörder Otto Klein aus Roßwälden war erst vor wenigen Jahren in einem Nachlass aufgetaucht.

Ich widme dies Sonett Herrn Josef Klein, für den ich sonst nichts tun kann“ – so beginnt ein Gedicht Bertolt Brechts, das erst vor wenigen Jahren in einem Nachlass als Durchschrift auftauchte. Doch wer war dieser Josef Klein?

Richtig hieß er Otto mit Vornamen und stammte aus Roßwälden. Dass er von Brecht ein literarisches Denkmal erhielt, hat er einem dramatischen Ereignis zu verdanken. Otto Klein hatte einen Mord begangen und war dafür 1927 in Augsburg guillotiniert, also enthauptet, worden. „Das Ereignis war damals das Gesprächsthema in Augsburg“, weiß der Ebersbacher Stadtarchivar, Uwe Geiger. Und so war es auch in der lokalen wie überregionalen Presse ausgiebig behandelt worden.

In Ebersbach dagegen kaum. „Nur eine Meldung findet sich am 21. Februar 1927, die vom Todesurteil berichtet“, so der Ebersbacher Stadtarchivar. Zeuge der Ereignisse in seiner Heimatstadt war Bertolt Brecht, „der damals öfter in Augsburg war“. Er scheint mit dem medialen Echo auf den Prozess und auch mit dem Todesurteil nicht einverstanden gewesen zu sein. Einige Zeitungen „berichteten sehr unseriös“.

Heute unvorstellbar – damals wurden alle Protagonisten mit Namen und Wohnort genannt. Jedenfalls scheinen den Lyriker und Dramatiker die Ereignisse so nachhaltig beeindruckt zu haben, dass er die Hinrichtung in seinem Sonett thematisierte. „Sie fand zwar nicht öffentlich statt, aber nachdem das Totenglöckchen geläutet hatte, wussten alle Augsburger Bescheid“, so Geiger. Mehrere Tausend sollen dann zur Hinrichtungsstätte gekommen sein.

Der Mord und das Gedicht sind Gegenstand einer Forschungsarbeit geworden. Der Augsburger Literaturwissenschaftler und Leiter der Brecht-Forschungsstätte der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg hat Zeitungsberichte akribisch aufgearbeitet und in einem Buch veröffentlicht. Wer war nun dieser Otto Klein?

Uwe Geiger hat sich auf seine Spuren gemacht und bedauert, „dass es im Stadtarchiv so gut wie keine Unterlagen gibt“. Er weiß aber, dass Otto Klein 1902 in Roßwälden in einer Bauernfamilie zu Welt kam. Mit 13 Jahren wurde er Waise, erhielt einen Onkel als Vormund. Ein Jahr später wurde er aus der Schule entlassen und kam als Knecht zu Bauern in Oberschwaben. Er besuchte die Landwirtschaftsschule in Reutlingen „und war ein guter Schüler. Es trifft also nicht zu, was in der Augsburger Allgemeinen Zeitung stand.“ Die hatte ihn als dumm und arbeitsscheu beschrieben.

Der Ebersbacher Stadtarchivar denkt vielmehr, dass Otto Klein „ein Opfer der Zeitumstände war“. In den zwanziger Jahren war die Not groß; er konnte der Versuchung nicht widerstehen, beging kleinere Diebstähle und trat regelmäßig unter falschem Namen auf. Die Strafen waren drakonisch: Mehrere Monate saß Klein immer wieder ein.

Als er sich als Gutspächter für einen Hof am Ammersee bewerben wollte, gab es zwei Hindernisse: Er war vorbestraft und hatte keine Ehefrau. Auf eine Anzeige im „Schwarzwälder Boten“ meldete sich eine Frau. Jetzt brauchte er nur noch eine andere Identität.

Eine vermeintliche, allerdings dramatische Lösung bot sich ihm in seinem Kollegen Albert Blau. Er ermordete ihn und verscharrte die Leiche im Wald. Allerdings wurde die bald gefunden und schnell klärten sich die Umstände. Im Remstal wurde Klein verhaftet und kam nach Augsburg ins Gefängnis. Bei der Gerichtsverhandlung im Februar 1927 sagten ein älterer Bruder und der Roßwälder Pfarrer zugunsten von Otto Klein aus – vergeblich. Am 2. Juli vollstreckte der Scharfrichter Johann Reichhardt das Todesurteil. Er war es auch, der am
22. Februar 1943 die Geschwister Scholl enthauptete.

Auch wenn das Schicksal von Otto Klein dank des Sonetts nicht ganz dem Vergessen anheimfiel – es gibt bislang kein Foto von ihm. Und so hofft Uwe Geiger, dass sich vielleicht in der einen oder anderen Ebersbacher Familie noch ein Konfirmationsfoto aus dem Jahre 1916 findet, auf dem der „Bauernbub aus Roßwälden, der in die Weltliteratur eingegangen ist“, zu identifizieren ist. Er hat übrigens auch eine am 11. Januar 1925 unehelich geborene Tochter hinterlassen. „Sie ist verschollen.“

Der Mordfall in der Literatur

Bücher: „So machten die’s mit was aus Fleisch und Bein“ von Jürgen Hillesheim erschien in der Schriftenreiche der Brecht-Forschungsstätte Augsburg (ISBN 978-3-8260-5940-7). In „Tod durch das Fallbeil – Der deutsche Scharfrichter Johann Reichhart“ hat Johann Dachs das Wirken des Henkers aufgearbeitet (ISBN 978-3-5483-6243-4).

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