Göppingen Der Super-GAU in Göppingen

Gökhan Gürsoy, Damian Kania, Prof. Dr. Tomas Raiber (von links)
Gökhan Gürsoy, Damian Kania, Prof. Dr. Tomas Raiber (von links) © Foto: Privat
Göppingen / Maximilian Haller 20.08.2018
Zwei Studenten der Hochschule Ulm haben den Landkreis auf Langzeitfolgen der Tschernobyl-Katastrophe untersucht.

Am 26. April 1986 ereignete sich eine der größten Nuklearkatastrophen der Geschichte. Mit der Explosion des Atomkraftwerks Tschernobyl nahe der ukrainischen Stadt Prypjat gelangten große Mengen radioaktiver Stoffe in die Erdatmosphäre. Durch Regen wurden diese über hunderte von Kilometern verteilt. Auch in Deutschland, insbesondere im Süden, sind die Folgen von Tschernobyl noch heute bemerkbar. Damian Kania und Gökhan Gürsoy, zwei Studenten der Hochschule Ulm, haben diese Langzeitfolgen im Kreis Göppingen untersucht.

Im Rahmen einer praktischen Studienarbeit sollten die beiden Reste radioaktiver Belastung in Süddeutschland durch den Reaktorunfall nachweisen. Dazu sind Gökhan und Kania, die beide im siebten Semester Produktionstechnik und Organisation studieren, zwei Tage jeweils zehn Stunden lang durch den Kreis gefahren und haben zahlreiche Bodenproben entnommen.

Kein Spaziergang, wie die beiden schnell bemerkten: „Wir mussten erstmal zehn bis 15 Zentimeter graben, bis die ganzen Wurzeln und Würmer aus dem Weg waren“, berichtet der 26-jährige Gürsoy. Anschließend gruben sich die beiden einen Meter tief in den Boden und entnahmen jeweils ein bis zwei Kilo Erde.

An 45 Stellen im Landkreis wiederholten Kania und Gürsoy diese Prozedur. Mit einem Kofferraum voller Erde ging es zurück an die Hochschule Ulm, wo die Bodenproben in einem Gammaspektrometer untersucht wurden. Durch das Gerät lasse sich erkennen, welche Arten von Radionukliden in der Erde stecken, darunter Cäsium-137. Das Element entsteht als Spaltprodukt bei der Kernspaltung von Uran und lasse sich daher zweifelsfrei der Tschernobyl-Katastrophe zuweisen, erklärt der 27-jährige Kania. „Cäsium-137 hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren — die Hälfte von dem, was damals in der Erde gelandet ist, ist jetzt noch da“.

Seit mehreren Jahren leitet der Dozent von Kania und Gürsoy, Professor Doktor Tomas Raiber, das Projekt um die Untersuchung von Resten radioaktiver Belastung in Bayern und Baden-Württemberg. Jedes Jahr untersuchen mehrere von Raibers Studenten die Landkreise Süddeutschlands. Die Ergebnisse der Untersuchungen werden in einer Datenbank gesammelt. Für den Kreis Göppingen können Gökhan Gürsoy und Damian Kania Entwarnung geben: „Die Region ist total unauffällig“, versichert Kania. Bedenklich werde es erst ab einem Wert von 300 Becquerel pro Kilogramm (Bq/kg) Erde. Mit einer Cäsium-137-Menge von maximal 18 Bq/kg weise der Kreis Göppingen dagegen nur eine sehr geringe Belastung auf.

Auch wenn minimale Cäsium-137-Mengen im Landkreis zu erwarten waren, sei eine Untersuchung trotzdem notwendig gewesen. Selbst 32 Jahre nach der Katastrophe lasse sich das Radionuklid nach wie vor in Pilzen und Wildschweinen nachweisen. Letztere werden vor dem Verkauf immer erst auf Strahlung untersucht. „Cäsium-137 ist immer nachweisbar, aber das ist nicht besorgniserregend“, erklärt Kania. Die beiden Studenten wollen auch mit dem Vorurteil aufräumen, Strahlung sei immer etwas Negatives: „Es gibt natürliche Strahlung und die ist auch nötig“, sagt Gürsoy.

Interessant werde auch eine erneute Untersuchung in 30 Jahren sein. Zu diesem Zweck haben Gürsoy und Kania die Koordinaten der von ihnen untersuchten Stellen genau dokumentiert. In drei Jahrzehnten wird sich dann zeigen, wie viel Tschernobyl noch im Kreis Göppingen steckt.

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