Leitartikel Jürgen Schäfer zum Autobahnlärm und Stau in Gruibingen Der Staat duckt sich weg

Jürgen Schäfer 01.09.2018

Es ist ein Jammer, dass die Autobahn bei Gruibingen nicht in den Berg gelegt wurde. Der Tunnel durch den Rufstein, um den man vor 20 und mehr Jahren gerungen hat, wäre zwar richtig teuer gewesen, aber das einzig Richtige. Und nicht mal die bessere der Behelfslösungen war den Gruibingern vergönnt. Kein Lärmschutzdeckel über beide Fahrtrichtungen, nur ein einseitiger.  So wurde es Flickschusterei. Entstanden ist ein halber Lärmschutztunnel, der auch noch eine Engstelle ist, weil man mit „Blockabfertigung“ arbeiten muss, und drumherum Lärmschutzwände und -wälle, die es nicht wirklich packen. Autobahnlärm gehört noch immer zu Gruibingen. Je nach Wohnlage.

Der Staat zeigt Gruibingen die kalte Schulter. Er hat gebaut und ist dann wieder gegangen. Die Lärmwerte seien eingehalten. Die Gemeinde hat keine Handhabe.

Aber vielleicht hat sie jetzt mal die Chance, richtig Druck zu machen. Eine Bürgerin ruft zu einer Unterschriftenaktion wegen all der Begleiterscheinungen der Autobahn auf, unter denen die Gruibinger leiden: Der regelmäßige Ausweichverkehr, der sich durch den Ort wälzt und alles verstopft, der Lärm von der Autobahn alle Tage. Da muss doch was zu machen sein, denkt die Bürgerin, und macht Vorschläge, die mindestens diskussionswürdig sind: Flüsterbelag, Tempolimit, schallschluckende Materialien am langen Rufsteinsockel.

Gut möglich, dass viele Gruibinger mit grimmiger Freude unterschreiben. Schon einmal ist im Ort eine Bürgerinitiative über Nacht entstanden, die dem Regierungspräsidium einiges an Beachtung abverlangt hat. „Gegenwehr“ nannte sie sich – und darin spiegelte sich große Enttäuschung über die Haltung in Stuttgart. Um den Verkehr in der Ortsdurchfahrt ging es damals auch.

Beachtung und mehr – das ist der jetzigen Initiative zu wünschen. Von einer Regierung oder ihrem Behördenapparat kann man erwarten, dass sie sich für die Verhältnisse interessiert, die sie mit ihrem Autobahnausbau geschaffen hat. Der Staat war knausrig zu Gruibingen; er sollte sich dem stellen. Es wird zutreffen, was die Initiatorin der Unterschriftenaktion glaubt: Mit gutem Willen kriegt man Verbesserungen hin. In Stuttgart sollte doch die Politik des Gehörtwerdens kein Fremdwort sein. Das Regierungspräsidium ist aufgefordert, mit den Gruibingern zu diskutieren. Übrigens auch ohne Bürgerinitiative. Einfach der Sache wegen.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel