Es ist die reinste Völkerwanderung, die sich am Sonntag in Richtung Brückenbaustelle an den Bahngleisen bewegt. Alt und Jung kommen per pedes oder mit dem Fahrrad. Alle wollen miterleben, wie die bereits fertig gestellte Eisenbahnüberführung, ein massives Stahlbetonrahmenbauwerk, an Ort und Stelle gebracht wird. "Die muss passen, da gibt es kein Nachschaffen mehr." Gespannt verfolgen und kommentieren Hunderte von Zuschauern, wie die Brücke, unter der ab Sommer 2017 der Verkehr auf der B 466, der neuen Süßener Ortsumgehung, rollen soll, eingeschoben wird. Die 3700 Tonnen Stahl und Beton bewegen sich so langsam fort, dass es mit dem Auge kaum erkennbar ist. Die Bewegung ist eher wie eine Art Schwindel zu spüren. Wie die 38,40 Meter lange, 11,60 Meter breite und rund 9,40 hohe Brücke auf einer Verschubbahn mittels Hydraulikpressen in ihre endgültige Position gebracht wird, ist auch für Projektleiter Gerd Abert vom DB-Projektbau ein spannender Moment. Wurde alles sauber ausgemessen, sitzt die Verschubbahn richtig? Abert hat keinen Zweifel, dass der Einschub klappt. Ein paar Überraschungen hat er jedoch schon erlebt. "Bis letztes Jahr haben wir ohne die Oberleitung geplant, die mitten in der Achse liegt", verrät er. "In fünf Tagen haben wir die Planung geändert."

So manch einer hätte sich über ein Baustellenfest gefreut

Da der Verschub der Brücke seine Zeit dauert, beginnt sich so mancher Zuschauer nach einem Getränk und einer Grillwurst zu sehnen. Doch außer einem einsamen geschäftstüchtigen Crepeswagen ist keine Verpflegungsstation zu sehen. "Schade, da hätte die Gemeinde Süßen ein bisschen was organisieren können", wird bemängelt. "Ein Baustellenfest oder so." Doch dann ist es endlich so weit. Applaus brandet auf. Die Brücke sitzt. Ordentlich feiern können die Verantwortlichen und die Bauarbeiter jedoch noch nicht. Es steht die nächste Herausforderung an. Heute Morgen ab 5 Uhr sollen bereits die Züge der Hauptstrecke Stuttgart-Ulm über die Brücke rollen. Das bedeutet: So schnell wie möglich die Böschung wieder herstellen und die Gleiskörper verlegen.

Der Kraftakt, die Brücke zu positionieren, hatte in der Nacht von Freitag auf Samstag begonnen. Ganze 80 Stunden Streckensperrung hatte die Bahn Zeit gegeben. Auf einer Länge von etwa 65 Metern mussten die Gleise, die Schwellen, der Schotteroberbau und der Bahndamm ausgebaut werden. Ein wahres Baggerballett bewegte mit einer exakt ausgeführten Choreographie rund 5500 Kubikmeter Bodenmaterial. "Die Bagger standen wie die Ameisen, bis das Stellwerk in Süßen die Strecke frei gab", erzählt Gerd Abert. "Jeder Einzelne wusste genau, was er zu tun hat, sonst wäre das nicht machbar gewesen." Um die Zeit einzuhalten, wurde Tag und Nacht in Schichten gearbeitet. Auch einige interessierte Zuschauer schlugen sich die Nacht um die Ohren, um ja nichts zu verpassen.

Süßener freuen sich über Entlastung für den Ort

"Eine Riesenleistung", loben zwei Rentner aus Donzdorf, die schon den Brückenbau neben der Bahnlinie verfolgt hatten und die nun auch das Finale beobachten. Auch ein ehemaliger Kellerbau-Mitarbeiter zieht den Hut vor der von den Mitarbeitern der Firma Bögl erbrachten Leistung, der Süßener freut sich schon auf die Erleichterung, die die Umfahrung für den Ort bringen wird. Wie ihm geht es vielen Süßenern. Kein Wunder, dass den Bauarbeiten, wie Gerd Abert erzählt, mehr Verständnis entgegen gebracht wurde als erwartet. "Die Bürger waren alle sehr freundlich und interessiert, obwohl wir ja Tag und Nacht Lärm gemacht haben."

Brückenspektakel legt am Wochenende die Filstalbahn Lahm

Endstation Den wenigen Reisenden, die am Wochenende von Geislingen aus mit der Bahn fahren wollten, verhießen die Anzeigentafeln auf den Bahnsteigen zunächst nichts Gutes: "Dieser Zug fällt heute aus" verkündeten sie auf den Gleisen zwei und drei unisono. Der Streik der Lokführer war zwar abgesagt, dafür brachte das spektakuläres Brückenspektakel die Filstalbahn aus dem Takt: Weil die Brücke für die neue Ortsumfahrung in Süßen über den Bahndamm geschoben werden musste, war die Bahnstrecke zwischen Geislingen und Süßen von Freitagabend bis Dienstagmorgen stillgelegt. In Geislingen stranden musste trotzdem niemand: Ein Schienenersatzverkehr mit Bussen sorgte für Abhilfe. Schilder und Lautsprecherdurchsagen lotsten die Menschen, die in Geislingen in den Zug steigen wollten zum ZOB, wo der Bus nach Süßen wartete.

STS