Bad Boll / JÜRGEN SCHÄFER  Uhr
Demenz ist ein Schicksal, das die Gesellschaft angeht. So sieht das die Stadt Esslingen und hat sich auf den Weg zur demenzfreundlichen Kommune gemacht. In Bad Boll stellte sie ihre Erfahrungen vor.

Die Fakten sind düster: Bundesweit 1,3 Millionen Menschen sind von Demenz betroffen, Tendenz steigend. Denn mit der zunehmend älteren Gesellschaft steigt auch das Risiko dieser tückischen Krankheit, die das Gedächtnis auslöscht und dem Menschen die Orientierung nimmt. Bisher hatten Demenzkranke keinen Platz in der Öffentlichkeit, auch nicht die Angehörigen, die sie im Stillen pflegen.

In Esslingen hat sich das geändert. Dort hat die Stadtverwaltung einen Impuls aufgegriffen, der von einem großen Alzheimer-Kongress ausging und die Hilfestellung rund um die Demenz zu einer sozialen Aufgabe erklärt - mit beachtlichen Erfolgen, berichtete Renate Schaumburg bei einer Tagung in der Evangelischen Akademie Bad Boll. 80 Leute aus sozialen Institutionen, Kirchen, Vereinen, Bürgerbewegungen, dem öffentlichen Leben, aber auch Angehörige kamen zu einer Zukunftswerkstatt, die dem Thema Demenz "gesellschaftliche Akzeptanz" verleihen wollte. Das weitere hat dann ein Arbeitskreis von 25 Teilnehmern in die Hand genommen und fast ein Jahr an einem Konzept gefeilt. Dann die Überraschung: 60 Institutionen folgten dem Aufruf, Veranstaltungen für eine Kampagne beizutragen. "Wir sind völlig überrannt worden", berichtet Renate Schaumburg. Ebenso erstaunlich war, dass die Finanzierung überhaupt kein Problem war. "Wir haben ganz viele Sponsoren gefunden", sagt Schaumburg, "viele Firmen haben sich engagiert". Eine Werbeagentur übernahm gleich das Layout für Broschüren.

Pfiffig und originell sollten sie sein, die sage und schreibe 68 Veranstaltungen, und dafür sorgten schon mal postkartengroße Schrifttafeln, mit denen sich die Besucher in die Welt der Demenzkranken hineindenken konnten. Da stand zu lesen: "Kennen wir uns?" "Waren wir verabredet?" oder: "Ich will heim." Die Besucher machten gerne davon Gebrauch, auch mit der "Ich will heim"-Karte, schmunzelt Renate Schaumburger.

Schüler waren als Feldforscher in Sachen Demenz unterwegs, sie malten Bilder über ihre Begegnungen mit Altenheimbewohnern oder sangen mit alten Menschen. Menschen mit und ohne Demenz gingen gemeinsam in die Kirche, ins Kino, in ein Konzert oder zum Tanzen - alles bisher nicht denkbar. Oberbürgermeister Zieger begrüßte Demenz-betroffene und Angehörige bei einem Frühlingscafé im Alten Rathaus. Das Museum kam ins Pflegeheim mit einem Koffer aus alten Zeiten, auch Ausstellungen weckten Erinnerungen bei Betroffenen. Vorträge informierten über die Krankheit und Früherkennung, gaben Hilfestellung für die Angehörigen. Die Bilanz: 3600 Besucher hatte die Veranstaltungsreihe, die über zehn Monate lief. "Das kann man natürlich nicht jedes Jahr stemmen", sagt Renate Schaumburg.

Die Offensive hat auch das Betreuungsangebot belebt. Es entstanden fünf Betreuungsgruppen für Demenz, es gibt eine Alzheimer-Sprechstunde und einen Stammtisch für Frühbetroffene, eine Gesprächsgruppe für Angehörige. "Kümmerer" vom Bürgerschaftlichen Engagement helfen alten Menschen beim Schriftverkehr.

"Beispielhaft" findet die Altenhilfe-Fachberaterin des Landkreises Göppingen Isolde Engler die Demenzoffensive Esslingen. Sie ist dran an dem Thema, eben jetzt hat sie einen Wegweiser für Menschen mit Demenz in Arbeit und bereitet ein Konzept für ein Demenznetzwerk im Landkreis vor. Sie erinnert auch an die Demenzkampagne der Stadt Göppingen, die auf Stadtebene zu einem Netzwerk Demenz geführt hat. Auch in Geislingen gibt es eins. Veranstaltungen will sie auch auf den Weg bringen - von 68 kann sie bisher nur träumen.

"Fantastisch" findet auch Anita Riehle die Erfolge in Esslingen. Es sei bitter nötig, eine gesellschaftliche Akzeptanz für die Demenz zu erreichen, sagt sie. Demenzkranke würden gemieden, auch Angehörige in Begleitung der Kranken. Anita Riehle muss es wissen. Sie leitet an der Diakoniestation Bad Boll Betreuungsgruppen für Senioren mit und ohne Demenz. Pflegende Angehörige bringen die Kranken ein- oder zweimal in der Woche für einen Nachmittag zur Diakoniestation; das ist für sie eine wertvolle Entlastung und tut den Demenzkranken gut. Beide Nachmittage sind mit bis zu 15 Gästen immer gut belegt, sagt sie.