Dem Stein auf der Spur Wolfgang Keßler Bildhauer, Kunst- und Gestaltungstherapeut

VON SABINE ACKERMANN 06.08.2016
Alleinstehende, Paare, Familien, Menschen mit und ohne Besonderheiten. Das Leitbild „So wie wir eben sind“ zeichnet seit rund 20 Jahren das Miteinander der Kreativen Ferienwoche in der evangelischen Akademie in Bad Boll aus. Werken und den Horizont erweitern stehen auf dem Programm, heuer unter dem Motto „In Be“Weg“ung sein“.

Es geht los: „Alles an den Start. Linker Fuß nach vorne, rechter nach hinten. Konzentrieren, Ruhe gewinnen, Pfeil einnocken. Ich schaue zum Ziel, bin bereit, führe den Bogen zum Ziel, nehme die Kraft, führe die Hand zur Sehne, spanne den Bogen, ankere, ziehe und schieße. Ich schau dem Pfeil nach, löse, ich habe geschossen“, leitet Brigitte Rauth die moderne, neu entwickelte Form des meditativen Bogenschießens an. „Nur wenn der Geist im Einklang mit Körper und Seele bewusst das Ziel vor dem inneren Auge hat, spannt sich der Bogen auf wunderbare Weise zum Kreis“, erklärt die Erlebnispädagogin.

Etwa zehn Schützen unterschiedlichen Alters haben sich für diesen Workshop entschieden. Obwohl Michael Frank aus Gerlingen mit seinen Eltern seit zwölf Jahren ins Voralbgebiet kommt, hat er sich heuer zum ersten Mal mit Pfeil und Bogen „bewaffnet“. Die Bogenschützen sind nur eine der Gruppen, die bei Workshops von erfahrenen Künstlern oder Sonderpädagogen in der „Ferienwoche kreativ“ der Evangelischen Akademie Bad Boll mitwirken.

Bereits im Vorfeld konnte man sich aus zwölf Freizeitaktivitäten unter dem Motto „In Bewegung sein“ seine Lieblingsbeschäftigung aussuchen. Seit zwei Jahrzehnten bietet das gastliche Tagungshaus immer in der ersten Sommerferienwoche eine ganz besondere Entspannung für Alleinstehende, Paare, Familien mit und ohne Besonderheiten an. „So, wie wir eben sind. Bei uns werken Menschen aller Altersstufen, egal ob jung oder alt, dick oder dünn, mit oder ohne Behinderung. Alle lernen voneinander, genießen das Beisammensein und auch das Anderssein. Und man ist nicht allein, der Geist der Akademie ist allgegenwärtig“, versichert Studienleiterin Sigrid Schöttle.

Gleichfalls auf der grünen Wiese lehrt Sporttherapeut Sören Philipzik das „Spiel der fünf Tiere“, eine der ältesten und bekanntesten Übungsformen des Qigong in China. „Ich muss mich jetzt für ein Bein entscheiden, das Gewicht bitte nur auf einem Fuß“, macht es der Qigong-Lehrer in einer beneidenswerten Langsamkeit vor.

Wem das zu ruhig oder zu wenig kreativ ist, powert sich ein paar Meter weiter beim kollektiven Steineklopfen aus. Wenngleich es dort heißt „der Stein ist ein Gegenüber, ein zu befragendes Objekt, ein Widerstand, den es mit Geduld und Ausdauer zu überwinden und zu erlösen gilt“, herrscht im „Steinbruch“ allerbeste Stimmung. Das liegt unter anderem an Wolfgang Keßler, der die gut aufgelegten Damen als Kunst- und Gestaltungstherapeut fachmännisch auf ihre Spurensuche am Stein begleitet.

„Jetzt sag bloß nix Falsches“, heißt es während des Klopfens. Gemeint ist allerdings nicht der zu bearbeitende Werkstoff, sondern das Urteil über den einzigen Herrn, den man als Bildhauer und Kursleiter freilich immer bauchpinseln muss. „Interessant und anstrengend“, ist sich das halbe Dutzend einig, aber das Ergebnis und die schöne Atmosphäre mache die schweißtreibende Arbeit wieder wett.

„Das ist hier wie heimkommen, wie eine Familie“, beteuert Heike Bertsch-Nödinger, die seit über einem Jahrzehnt aus Nagold anreist. Heute begleiten sie ihre zwei Kinder. Während sie sich mit dem Speckstein beschäftigt, haben Jannik (17) an Qigong und Helen (15) am Nähkurs „Flinker Faden – Flotte Klamotte“ Freude.

Silvia Hecker hat sich für einen schweren Alabaster entschieden, möchte diesem Stein eine gewisse abstrakte Leichtigkeit verleihen. „Ich bin nur Tagesgast, fahre abends immer heim“, verrät die bekannte Künstlerin aus Hattenhofen. Natürlich finden sich drinnen in verschiedenen Räumen jede Menge kreative Grüppchen.

Bei Elke Widenmann wagen sich etliche Frauen im Workshop „Mosaik – Glück in Scherben“ an ganz unterschiedliche Scherbenobjekte. Brigitte Hissnauer aus Hofheim/Taunus kreiert einen außergewöhnlichen Outdoor-Beistelltisch und verrät: „Beim Steinchenkleben vergisst man richtig die Zeit“. Das kann natürlich auch beim „Kreativen Schweißen und Schmieden“ mit Herbert Häbich, Hannes Michls Theaterkurs „Der Weg ist das Spiel“ oder den zwei Angeboten für die Jüngsten passieren.

„Ha, leg halt los!“, motiviert Patricia Netti, eine Künstlerin mit Down Syndrom, die aus Leutkirch angereist ist. Ein erster Urlaub ganz alleine hier. „Es muss klar sein, dass man nicht vom Verstand her malen kann, sondern dass das vom Gefühl her kommen muss“, motiviert sie direkt ihre sogenannten „normalen“ Mitstreiter, die sich mit dem ersten Pinselstrich schwer tun.

„Gestalterische Komposition in Acrylmalerei“ lautet der Workshop von Kunsttherapeutin Sabine Brenner. Was bewegt mich? Was bewegt sich? Experimente rund um die Bewegung, auf dem Bild, durch Material oder im Auge des Betrachters.

Tag drei der kreativen Ferienwoche, mittlerweile kennt man sich. Viele auch aus den vorherigen Jahren, denn von den insgesamt 120 Teilnehmern übernachten 93 hier und etwa zwei Drittel sind treue Stammgäste. Die meisten davon sind bereits am Sonntag angereist und genießen die Vorzüge einer Vollpension. „In guter Atmosphäre und bei bester regionaler ökologischer Küche, immer nach der Morgenandacht“, unterstreicht Sigrid Schöttle.

Apropos Mittagessen, es ist kurz davor und eine gute Zeit, die Bilder gemeinsam zu beäugen und zu analysieren. Und wer möchte, sagt frank und frei seine Meinung dazu. Natürlich wertfrei, Noten oder Preise gibt es auch nicht. Aber dafür den einen oder anderen Tipp. „Bist du zufrieden?“, möchte die Kursleiterin von Gaby wissen? „Ja, doch“, antwortet diese kurz und knackig. Egal wie alt, welcher Kurs, man duzt sich.

Weiter geht`s zu Hannah. Die Sechzehnjährige ist mit ihrem Vater hier, „nicht zum ersten Mal, seit 2005 kommen wir regelmäßig“, wie Papa Dieter Beck aus Zwingenberg (Südhessen) verrät. „Wenn du möchtest, können wir das korrigieren, damit es ähnlicher aussieht. Außerdem ist es mit einer Staffelei besser, da tust du dich leichter als auf dem Boden“, erklärt Sabine Brenner der Jugendlichen die Punkte, die man an ihrem Porträt verbessern könnte.

Ganz anders dagegen beim Thema „Malen nach Musik“, da wurden die Bilder mit lockerem Pinsel gestaltet. Beethoven, Wiener Walzer und Klänge aus Afrika, ergibt Giselas bunte Komposition auf dem Papier. Völlig andere Bewegungsabläufe werden beim „Afrikanischen Tanz“ mit Mary Ann Fröhlich angesprochen. „Ama i bu oh i ee, oh je oh i eh ja“ steht auf dem Flipchart in der Ecke, gegenüber bringen etwa ein Dutzend Frauen ihre Lebensfreude zum Ausdruck. Lernen zu mitreißender Musik elementare Bewegungen und traditionelle Schritte kennen und entdecken dabei ihren Körper neu.

Wer von diesen intensiven Klängen nicht genug kriegen kann, muss nur ein paar Schritte weiter gehen. „Trommeln, Rhythmus, Lied“ lautet Chris Porteles Workshop. Eine kreative Einheit die hilft, Dinge auszuprobieren, die man sich bislang vielleicht nicht zutraute: so sitzt Ursula Hub mit ihren neunzig Jahren zum ersten Mal an einer afrikanischen Trommel.

„Das ist doch richtig klasse“, findet Christine Dessup, die heuer zum vierten Mal in Folge in Bad Boll Entspannung sucht. Bildung und Urlaub zu kombinieren sowie den Reiz, Menschen aus allen Generationen und Berufen kennenzulernen, liebt die Ebersbacherin genau so, wie das vielseitige Kursangebot, die abwechslungsreichen Nachmittags- und Abendprogramme und das rundum leckere Essen. Trotz der heimatlichen Nähe übernachtet die 62-jährige hier. Da könne sie abends noch gemütlich sitzenbleiben und plaudern oder wie früher Stockbrot ins Feuer halten, respektive sich an Programmpunkten wie Kultfilm, israelische Tänze oder Nachtwanderung erfreuen. Jeder wie er möchte, lautet die Devise.