Eschenbach – viel mehr als Albtrauf.  So wirbt die 2200 Seelen-Gemeinde unterm Fuchseck für ihre Lebensqualität. Sie liegt im idyllischen Streuobstgürtel und hat ein ertragreiches Gewerbegebiet. Aber ein Schatten liegt über dem Dorf. Die neue schmucke Technotherm-Halle ist mit 250 besorgten Bürgern, auch viele von auswärts, gut besetzt, als Bürgermeister Thomas Schubert einen Informationsabend eröffnet, den er sich nicht wünschte. Die Kinderkrebsfälle am Ort liegen weit über dem Durchschnitt. Von einer 6,4-fachen Erhöhung spricht Dr. Peter Kaatsch vom Deutschen Kinderkrebsregister in Mainz.

Schon seit Februar 2014 weiß Bürgermeister Thomas Schubert von einer signifikanten Erhöhung, hörte aber auch, dass es fast unmöglich wäre, dass bei einer „so kleinräumigen Häufung“  genau eine Ursache auszumachen sei. Dagegen spreche auch, so Kaatsch, dass es unterschiedliche Erkrankungen seien. Man solle die Entwicklung weiter beobachten und nicht kleinreden.

„Weiter beobachten“ – das sagt auch Dr. Karlin Stark vom Landesgesundheitsamt, die ihre Zuhörer mit Mathematik konfrontiert. Kinderkrebs sei relativ selten. Wenn es acht Kinder in einem langen Zeitraum treffe, sei die Wahrscheinlichkeit 28 Prozent, dass dies eine zufällige Schwankung sei. Falsch sei aber der Umkehrschluss: dass es zu 72 Prozent kein Zufall sei. Man könne nur über die Wahrscheinlichkeit der Häufung eine Aussage machen. So wie bei dem Beispiel: Wenn man zwei Reiskörner sind auf Quadrat mit vier Feldern wirft, wie hoch ist dann die Wahrscheinlichkeit, dass beide Reiskörner auf einem Feld liegen? Sie kann nur sagen: „Die Erkrankungszahl könnte zufällig sein. Auch ein signifikantes Ergebnis könnte zufällig sein.“

Zahlen sprechen keine klare Sprache

Was heißt signifikant? Ein alter Eschenbacher weiß von drei Kindern, die in Eschenbach an Krebs gestorben sind. Im Zeitraum von etwa 25 Jahren. Ein Zugezogener aus Heiningen findet es schon auffällig, dass hier immer wieder Kinder an Krebs gestorben seien. Das kannte er so nicht. Aber was heißt das. Bürgermeister Schubert nennt Zahlen: Sechs erkrankte Kinder in den letzten zehn Jahren, zwei sind gestorben. Davor war zehn Jahre nichts, und weitere zehn Jahre zurück gab es zwei Todesfälle. In den 38 Jahren seit Beginn der Aufzeichnungen sind es acht Fälle. Kaatsch: „Das wäre nicht signifikant.“  

Wie sieht es mit Krebs bei Erwachsenen aus? Da läuft das Register erst zwei Jahre, sagt Schubert. Für Eschenbach sei es bisher nicht signifikant, zuletzt scheine es anzusteigen. Aber für die Beurteilung man sollte einen Fünfjahreszeitraum haben.

Die Gemeinde hat untersucht: Wie sieht’s mit dem Trinkwasser, der Strahlenbelastung aus Natur und Richtfunk, mit Holzschutzmitteln in Kindergarten und Schule aus? Dr. Sandra Wittorf und Dr. Nadja Mürter vom Gesundheitsamt sowie Harold Neubrand, Ingenieur und Baubiologe, gaben Entwarnung. PCP und Lindan, Formaldehyd, flüchtige organische Verbindungen: nicht nachweisbar, weit unter dem Richtwert, unbedenklich. Neubrand greift auf, was aus dem Publikum kommt: Fertighäuser aus früheren Zeiten hätten Holzschutzmittel, die bis heute ausgasten. Aber auch das ist offenbar keine Erklärung. Die Familien der krebskranken Kinder wohnten ganz verschieden, sagt Schubert: „neue Häuser, alte Häuser, Umzüge“.

Blickpunkt Müllheizkraftwerk. Ganz Eschenbach sieht den Ausstoß des Müllofens mit Misstrauen,  die Gemeinde hat sich heftigst gegen eine Erhöhung der Verbrennungsmenge gewehrt. Wahrnehmung eines Eschenbachers: „Im Herbst, wenn es Nebel hat, ist es zu riechen. Es riecht nach Abfall.“ Der Leitende Regierungsdirektor Frank Obermüller vom  Regierungspräsidium, der Genehmigungsbehörde, zeigt die Windausbreitung des Müllofens auf. Man habe hauptsächlich Westwind, ein ganz geringer Teil sei Nordwind, der Eschenbach betreffe. Die Belastung für das Dorf sei „sehr gering bis unmerklich.“ Ein Zuhörer aus Hattenhofen moniert: „Es gibt auch regionale Windrichtungen.“ Die seien stark abhängig von der Topografie, der Thermodynamik, dem Luftdruck. „Da fließt Luft vom Müllheizkraftwerk genau Richtung Eschenbach.“ Obermüller glaubt, dass dies in seiner Grafik berücksichtigt sei. Für Bürgermeister Schubert ist es ein neues Thema.

Bei Dioxin vom Müllofen sind die Zuhörer besonders hellhörig. Das werde nur an einzelnen Tagen gemessen, sagt Obermüller, und dem Betreiber vorher auch angekündigt. Was das Publikum mit Heiterkeit quittiert. Es werde bei Volllast gemessen, sagt ein Techniker des Regierungspräsidiums, der Betrieb könne auch nichts anderes machen. Schubert hakt ein: Man wolle ständige Dioxinmessungen wie in Italien, das würde an die 50.000 Euro kosten und müsse dem Betreiber und dem Landkreis etwas wert sein. Obermüller sagt, das Regierungspräsidium habe das auch schon gefordert. „Durchsetzen können wir’s nicht.“  

Werte „absolut nicht besorgniserregend“

Jochen Weinbrecht vom Umweltschutzamt des Landkreises legt dar, dass der „Fingerabdruck“ der Dioxine, die im Müllofen entstünden, anders sei als Befund an Bodenprüfungen bei Eschenbach. Dort habe man die gleiche Zusammensetzung wie im ganzen Land. Eschenbach gehöre einfach zum Ballungsraum, und die Werte seien „absolut nicht besorgniserregend“. Ein Boden- und Pflanzen-Grenzwert für Dioxin, der allenfalls für Selbstversorger relevant sei,  solle im übrigen gelockert werden. Was Bürgermeister Schubert haarsträubend findet. Weniger sei besser bei diesen „politischen“ Grenzwerten.

Einen Zusammenhang von Müllofen und Kinderkrebserkrankung stellt niemand der zehn, zwölf Referenten und Fachleuten auf dem Podium her. Lea von Conta vom Landratsamt gibt Entwarnung bei Altlasten auf Eschenbacher Markung, das Backhäusle wird kritisch beleuchtet, weil beim Anfeuern Rauch durchs halbe Dorf zieht. Christoph Weber  vom Regierungspräsidium  nimmt die Firma AHC im Gewerbepark unter die Lupe. Da habe es vor Jahren eine Verpuffung gegeben und auch mal Stickoxide rausgehauen, weil man die Galvanik-Bäder in zu langen Abständen gereinigt habe. „Wir sind dran, die Firma weiterhin engmaschig zu überwachen.“

„Es löst sich alles in Wohlgefallen auf“, sagt eine Zuhörerin nach drei Stunden Information und Diskussion. Über die Krebsursachen wisse man jetzt auch nicht mehr, sagt ein Ehepaar. Es scheint, als ob Bürgermeister Schubert seinem Ziel nahegekommen ist, „den Himmel wieder aufzuhellen“. Geblieben ist das Misstrauen gegenüber dem Müllofen.