Zwischenbilanz Bürgermeister Daniel Kohl: Blumendorf ist nicht auf Rosen gebettet

Schwarzmalen ist nicht sein Ding: Bürgermeister Daniel Kohl will auch mit wenig Geld etwas bewegen.
Schwarzmalen ist nicht sein Ding: Bürgermeister Daniel Kohl will auch mit wenig Geld etwas bewegen. © Foto: Giacinto Carlucci
Jürgen Schäfer 21.06.2017
Schultes in einer armen Gemeinde: Bürgermeister Daniel Kohl musste den Gammelshäusern jüngst bittere Pillen zumuten. Sparen ist für ihn Ansporn, Zuwachs ist Programm.

Vier Jahre ist er in Gammelshausen: Eine sehr intensive Zeit, sagt Bürgermeister Daniel Kohl, weil so viel passiert sei. Er sieht direkt vom Amtszimmer auf die Baustelle eines Achtfamilienhauses der Kreisbau Filstal, das durch Grunderwerb der Gemeinde möglich geworden ist. Das gemeindeeigene Wohn- und Geschäftshaus oberhalb des Rathauses ist saniert, eben jetzt wird das Gemeindehaus energetisch saniert und das Wasserwerk ertüchtigt. Der Friedhof ist erweitert und manche Straße ausgebaut worden. Beim Almabtrieb im Herbst ist die Gemeinde erstmals Festorganisator. Und das Geld ist chronisch knapp.

Herr Kohl, wie steht‘s um Ihre Gemeinde, wenn Sie neulich 15 000 Euro einsparen mussten – mit Kürzungen an allen Fronten?

KOHL: Wir haben dieses Jahr vermutlich eine für uns rekordverdächtige Gewerbesteuer von 130 000 Euro – 2013 lag diese bei gerade mal 83 000 Euro –, haben Ende des Jahres Rücklagen von voraussichtlich 260 000 Euro, und haben die Verschuldung seit 2013 um fast 200 000 Euro senken können. Ende des Jahres sind wir bei ­657 000 Euro, pro Kopf ging sie runter von 600 auf 460 Euro. Die Einsparung aufgrund einer außerplanmäßigen Ausgabe für die Öffnung einer achten Kindergartengruppe im laufenden Haushalt war dennoch zwingend, das Landratsamt hat uns das daher zu Recht auferlegt, und ich bin dankbar für dieses Zeichen. Notwendig, weil wir einfach sehr viel ausgeben für die Kinderbetreuung. Wir haben hohe Kinderzahlen, was aber natürlich auch sehr erfreulich ist.

Wächst Gammelshausen?

Wir hatten 2013 um die 1430 Einwohner. Das hat sich weitgehend gehalten. Und es entsteht neuer Wohnraum. Das Achtfamilienhaus im Schulweg, neue Bauplätze im Haldenweg und in der Kirchstraße – da werden um die 40 Personen einziehen.

Sie schließen Baulücken im Ort. Brauchen Sie irgendwann wieder ein Baugebiet?

Ja. Wir sind eine relativ alte Gemeinde und müssen immer auf Einwohner schauen. Das Baugebiet Letten wurde vor elf Jahren realisiert. Eine Fläche am Schulweg würde sich in der Zukunft anbieten. Zum Kindergarten und zur Schule sind es von dort knapp 800 Meter.

Wie schnell kommt das?

Die Fläche ist nicht im Eigentum der Gemeinde und auch noch nicht im Flächennutzungsplan ausgewiesen. Ich hoffe, dass es in meiner „zweiten Halbzeit“ gelingt, einen Knopf dran zu machen. Die vorsichtige Perspek­tive: Bauland für 2027/2028.

Wie sieht‘s mit Zuwachs an Gewerbe aus? Wenn Sie im Moment eine gute Gewerbesteuer haben und trotzdem noch hart sparen müssen.

Gammelshausen und Gewerbe – das ist ein bisschen wie Tag und Nacht. Mir hat ein Bürger 2013 vor meiner Wahl gesagt, dass er mich wählt, wenn ich kein Gewerbe an den Ort bringe. Schließlich wären wir Wohngemeinde. Das kann ich so nicht teilen. Gewerbe brauchen wir dringend und ich bin froh um jeden Gewerbetreibenden, den wir haben.  Als ich anfing, ist der Gewerbesteuerzahler Nummer eins weggebrochen. Es fehlte uns eine größere fünfstellige Summe.

Wie sind Sie damit klargekommen?

Wir haben die Friedhofserweiterung komplett überarbeitet und den Umfang um gut die Hälfte reduziert. Dafür sprach auch die sich wandelnde Bestattungskultur. Wir sparen an vielen Stellen. Als ich gekommen bin musste für das Gemeindehaus keine Benutzungsgebühr bezahlt werden. Das ist unser „Hallenbad“ für andere Gemeinden. Wir müssen reinigen, herrichten, immer wieder sanieren – das ist ein großes Haus. Für einen Nuller ist das Haus nicht mehr zu haben, jedoch für angemessene Gebühren. Diese haben übrigens bisher keinen abgehalten es zu mieten.

Sind Sie noch auf weitere Einnahmequellen gestoßen?

Es sind oft Kleinigkeiten – aber mit nachhaltiger Wirkung. Plakatierungsgebühren werden bei uns erst seit 2014 erhoben. In nahezu jeder Gemeinde gab‘s das schon. Wir verlangen nun 25 Euro für drei Plakate kommerzieller Veranstaltungen. Schließlich wird bald jede Woche an den Straßenlaternen beworben. Ich habe auch über unsere Blumenkästen nachgedacht und festgelegt, dass ein Kasten nur noch 20 Euro kosten darf, nicht mehr. Gar keine Blumen für das Blumendorf wäre ja auch Käse.

Es muss ja frustrierend sein, wenn Sie jetzt trotzdem noch 15 000 Euro sparen mussten.

Ich wusste, dass ich eine Gemeinde übernehme, die monetär betrachtet nicht auf Rosen gebettet ist. Aber das ist auch Ansporn. Und ich freue mich auch über kleine Erfolge. Schwarzmalen ist sowieso nicht mein Ding.

Sie haben in der Verwaltung gestrichen. Wie stellt sich das dar?

Wir sind im Rathaus runtergefahren von vier auf 3,5 Stellen, wir verkleinern den 3-Personen-Bauhof, eine Kraft ist jetzt bei 60 Prozent. Das heißt: Wie kriegen wir‘s mit anderen Strukturen hin, wie verteilen sich die Aufgaben? Das geht nur mit dem Teamgedanken, den bei uns alle mittragen. Wir haben die Mitgliedschaft bei der Wirtschaftsförderung des Kreises aufgekündigt, das macht in der Regel der Schultes in einer Gemeinde dieser Größe selbst. Auch vorher schon.

Zurück zu den Finanzen – was, wenn Sie nochmal streichen müssten?

Mehr geht nicht. In der Verwaltung hatten wir schon zuvor eine Stelle um 40 Prozent reduziert, jetzt nochmal um zehn. Im Bauhof geht es auch nur, weil beispielsweise der Friedhofsbetrieb weniger intensiv geworden ist. Mehr als die Hälfte unserer Bestattungen sind Urnengräber. Die neuen Urnengemeinschaftsgräber werden sehr gut nachgefragt.

Sie haben die Friedhofsgebühren erhöht und die Hundesteuer. Haben Sie Reaktionen bekommen?

Es wird durchaus wahrgenommen. Aber nicht so, dass ich ständig angerufen werde. Ich habe aber durchaus schon mal den Vorwurf gehört, dass es 2013 mit Steuererhöhungen los ging, was natürlich so nicht korrekt ist. Wir tun das ja nicht, um jemanden zu ärgern, und liebend gern würde ich auch mal Senkungen vorschlagen, was momentan aber schlichtweg nicht geht. Ich bin froh, dass wir die Erhöhung des Gewerbesteuerhebesatzes wieder rückgängig gemacht haben. Die Grundsteuer hätten wir auch gern mal wieder runter gesetzt. In der Bürgerfragestunde hat ein Einwohner vorgeschlagen, wir sollen doch beim Bauhof kooperieren.

Ist das ein Gedanke?

Bereits heute arbeitet unser Bauhof mit Dürnau bestens zusammen. Man hilft sich gegenseitig aus. Bei größeren Anschaffungen haben wir uns auch darauf verständigt, sich künftig gegenseitig im Vorfeld zu besprechen.

Sie könnten sich auch dem gemeinsamen Bauhof von Heiningen und Eschenbach anschließen. Wenn die neu bauen.

Das muss gerechnet werden. Der finanzielle Aspekt wird für uns immer ein schwieriger sein. Der Bauhof in Heiningen hätte auch eine räumliche Distanz. In so einem Betrieb könnten wir auch nicht unmittelbar über das Personal verfügen. Das ist ein Für und Wider. Ob eine Optimierung unseres guten Bauhofstandorts im nächsten Jahr Thema wird, ist im Gemeinderat zu beraten. Zuschüsse sprechen klar dafür.

Nochmal zu den Erhöhungen. Das Sterben wird teurer, aber Sie haben auch in den Friedhof investiert und sind eine arme Gemeinde. Das trifft alle. Aber die Erhöhung der Hundesteuer? Sie haben jetzt den dritthöchsten Satz im Kreis.

Zunächst ist es so, dass der Kostendeckungsgrad im Bereich des Friedhofs bei lediglich 47 Prozent liegt, die Empfehlungen des Landkreises jedoch lauten 60 Prozent. Irgendwann muss man eben daran arbeiten. Zur Hundesteuer: Wir haben 2015 festgelegt, dass mit der damaligen Erhöhung wieder in drei Jahren überprüft wird, wie man hinkommt. Wir haben mehr Hunde als früher, jetzt 85, das ist natürlich auch ein gewisser Mehraufwand für den Bauhof, was die Containerfüllung und -leerung beziehungsweise Reinigung betrifft. Zudem: Wir sind schlichtweg angehalten, alle Steuer- und Gebührentatbestände stets zu überprüfen.

Gammelshausen und neue Gewerbebetriebe – lässt sich da was machen?

Wir wollen ein Mischgebiet voranbringen auf der Fläche südlich des Aldi, das sind 0,4 Hektar, für einen oder mehrere Betriebe. Das haben wir im neuen Flächennutzungsplan beantragt. Wir blicken auch mit großem Interesse auf die Pläne für ein interkommunales Gewerbegebiet bei Aichelberg.

Was haben sie noch vor in der zweiten Halbzeit?

Die Bebauung einer Gemeindefläche an der Hauptstraße ist anzuvisieren, möglicherweise auch hier gepaart mit Gewerbeeinheiten. Schön wäre eine Sanierung und kleine Umgestaltung unseres Backhausplatzes. Das wäre eine kleine Kür, etwas, an das man eigentlich nicht denken kann. Was ebenso ansteht ist ein neues Feuerwehrfahrzeug – das jetzige ist schon so alt wie ich.

Zur Person Daniel Kohl

Daniel Kohl (32) ist seit 2013 Bürgermeister von Gammelshausen. Der gebürtige Göppinger war zuvor acht Jahre bei der Gemeinde Schlat und davor im Rathaus der Stadt Göppingen tätig. Er ist verheiratet und Vater von zwei Kindern (10, 4 Jahre). Einem großen Publikum ist er als Sänger des einstigen Duos Daniel & Steffen bekannt. Diesem Hobby ging er über 18 Jahre lang nach.