Die gute Nachricht zuerst: Die Zahl der Covid-19-Patienten im Landkreis Göppingen wächst zwar weiter – wie andernorts auch. „Der befürchtete exponentielle Anstieg mit einer Flut an Erkrankten und Verstorbenen ist jedoch nicht eingetroffen“, zog Landrat Edgar Wolff am Dienstag bei einer Pressekonferenz am Telefon eine Zwischenbilanz, „die Mut macht“. Wolff sieht sich in der Strategie bestätigt, konsequent Kontaktpersonen von Infizierten zu ermitteln und zu isolieren. Seit dem landesweit ersten Fall – am 25. Februar wurde bei einem 25-jährigen Mann aus dem Kreis Göppingen der neuartige Erreger nachgewiesen – sei dieses Kontaktpersonenmanagement von zentraler Bedeutung und „ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg“, unterstrich Wolff. 91 Mitarbeiter aus dem Landratsamt unterstützten das Gesundheitsamt bei dieser Aufgabe und an der Hotline, die rund um Fragen zu Corona zur Verfügung steht.
Die Zeit, die Zügel zu lockern, sei jedoch noch längst nicht gekommen, auch wenn die Kontakteinschränkungen wirkten und sich Gesellschaft und Unternehmen im Landkreis sehr gut an die Regeln hielten. „Es gibt keinen Grund zur Entwarnung“, betonte der Landrat. Das Gesundheitssystem habe Zeit gewonnen, der massive Ausbruch sei bisher ausgeblieben, der Anstieg der Fallzahlen im Landkreis flache gar etwas ab. „Aber jetzt schon zu lockern, halte ich für gar keine gute Idee“, sagte Wolff.

Immer mehr Corona-Infektionen in Pflegeheimen

Ein Grund ist die steigende Zahl an positiv getesteten Patienten in Pflegeheimen. Bewohner und Mitarbeiter seien gleichermaßen betroffen, berichtete Dr. Heinz Pöhler. „Wir versuchen, weitere Barrieren aufzubauen, um die Weiterverbreitung zu unterbinden“, so der Leiter des Göppinger Gesundheitsamts. Zusätzlich zur Abstrichstelle in Eislingen wird daher Ende dieser Woche eine mobile Abstrichstelle des Deutschen Roten Kreuzes ihre Arbeit aufnehmen und vorrangig Menschen in Pflegeeinrichtungen – direkt vor Ort – testen. Der Bedarf an Abstrichen werde sich erhöhen, ist sich Pöhler sicher, daher strecke man die Fühler nach weiteren Laborkapazitäten aus.
Dr. Ingo Hüttner, Medizinischer Geschäftsführer der Alb-Fils-Kliniken, berichtete von einem „langsamen, aber kontinuierlichen Anstieg“ der Patienten, die beatmet werden müssen. „Wir halten es für möglich, dass sich in einer Woche die Fallzahlen verdoppeln“, blickte Hüttner in die Zukunft. Die Kliniken hätten daher die Zahl ihrer Beatmungsplätze auf nunmehr 58 gesteigert. Zwei beatmungspflichtige, jedoch keine Corona-Patienten hätten die Alb-Fils-Kliniken aus Esslingen aufgenommen, weil dort die Kapazitäten erschöpft gewesen seien. Personell sieht der Klinikchef optimistisch nach vorne: Rund 100 qualifizierte Bewerbungen seien auf den jüngsten Aufruf des Krankenhauses eingetroffen.

Mangel an Schutzmasken und Schutzkleidung

Weniger gut sieht es hingegen mit Schutzkleidung bzw. -masken aus: „Es gibt einen hohen Bedarf und einen flächendeckenden Mangel“, fasste der Landrat die Situation zusammen. Das Land beschaffe „mit aller Mühe“ dieses Material. Am Montag seien 1000 OP-Masken, 2500 FFP2- beziehungsweise FF3-Masken und 5000 Schutzhandschuhe eingetroffen. „Ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagte Wolff. Ein Koordinator auf Landkreisebene versuche, die Schutzausrüstung „einigermaßen bedarfsgerecht“ auf die 56 Stellen zu verteilen. Weitere Lieferungen seien in Aussicht gestellt, „aber es ist definitiv zu wenig, was wir bisher bekommen“.

Fieber-Ambulanz in Eislingen startet

Die Alb-Fils-Kliniken seien aktuell noch gut ausgestattet: „Wir haben routinierte Einkäufer, die viele Quellen angebohrt haben“, erklärte Hüttner. Bei den niedergelassenen Ärzten fehle es hingegen an Schutzausrüstung, weshalb Routineuntersuchungen in den Praxen heruntergefahren wurden und nur noch medizinisch notwendige Fälle behandelt werden, berichtete Dr. Frank Genske, Vorsitzender der Kreisärzteschaft. Es gehe darum zu vermeiden, dass Praxen wegen erkrankten Personals schließen müssen. Aus diesem Grund wird in der Ulmer Straße 110 in Eislingen ab Freitag eine Fieberambulanz mit einem kleinen Labor eingerichtet, um Infektionspatienten aus den Praxen hier zu bündeln und gegebenenfalls gleich zu isolieren.

Notfallpraxis für Erwachsene ausgelagert

Dort wird ab kommendem Wochenende vorübergehend auch die Notfallpraxis für Erwachsene, die normalerweise in der Klinik betrieben wird, untergebracht. Die für Kinder bleibt jedoch in der Klinik am Eichert in Göppingen, zentral für alle kleinen Patienten aus dem Kreis, sagt Genske. In der Fieberambulanz, die von 9 bis 14 Uhr geöffnet hat, sollen bei Corona-Verdachtspatienten auch gleich Abstriche genommen werden. Die Fieberambulanz sollten Patienten nur mit Termin und nach Rücksprache mit dem Hausarzt aufsuchen.