Sommerfestival Capella Nova erweist sich als Klasse-Ensemble

Unter dem Titel „Klanghimmel auf Erden“ interpretierte der Kammerchor Capella Nova in der Oberhofenkirche Werke von Johann Sebastian Bach und Eric Whitacre.
Unter dem Titel „Klanghimmel auf Erden“ interpretierte der Kammerchor Capella Nova in der Oberhofenkirche Werke von Johann Sebastian Bach und Eric Whitacre. © Foto: Staufenpress
Göppingen / Ulrich Kernen 27.07.2018

Das Konzert der Capella Nova unter der Leitung von Gerald Buß im Rahmen des Sommerfestivals Schloss Filseck wird in den Zuhörern noch länger nachklingen. Auf höchst unterschiedliche Weise wurden sie mit der existentiellen Frage konfrontiert: Wie gehe ich mit der Unausweichlichkeit meines eigenen Todes um?

In den beiden Motetten „Jesu, meine Freude“ und „Lobet den Herrn, alle Heiden“ von J.S. Bach ging es um die befreiende Wirkung der Erlösung „vom Gesetz der Sünde und des Todes“: kunstvolle und zugleich emotional packende Chorsätze, die das bekannte Kirchenlied mit Gedanken aus dem Römerbrief des Paulus verbinden. Eine zusätzliche Dimension erhielt das Konzert dadurch, dass es dem Andenken von Martin Roos gewidmet war, einem Gründungsmitglied des Chores.

Gerald Buß hatte diesem ersten Teil drei Werke von Eric Whitacre gegenübergestellt, in denen sich dieser auch mit der Vergänglichkeit des Menschen befasst. Im Gegensatz zu Bach verknüpft er seine Musik stets mit persönlichen Naturerfahrungen und arbeitet kompositorisch wie ein musikalischer „Aquarellmaler“, der ineinander fließende Farben liebt.

Auf einer abstrakten Ebene bewegte sich die Geigerin Anca Ionita, Konzertmeisterin der Nota Cambiata und Mitglied des Staatsorchesters Stuttgart. Sie schob ausgewählte Sätze aus Solowerken von J.S. Bach zwischen die Chorsätze und ermöglichte damit den Zuhörern produktive Distanz. Makellos gelang diese heikle durchsichtige Musik. Die wunderbare Raumakustik nutzte sie für ein klanglich farbiges Adagio, brachte eine tänzerische „Loure“ zum ein- und ausatmenden Schwingen und liebte in den schnellen Sätzen durchgehende Spannungsbögen.

Die Capella Nova mit ihrer kleinen und feinen Besetzung gehört in die Reihe der hervorragenden Göppinger Kammerchöre: Ihre umfangreiche und intensive Arbeit ruht auf drei Säulen: ausgewählte und erfahrende Sängerinnen und Sänger, außerordentliches Engagement und stimmliche Vorbildung und Begleitung.

Flüssige Übergänge

Ihre hohe Qualität war auch in den beiden Teilen dieses Programms zu bewundern. Bei Bach galt es, die Komplexität und die technischen Schwierigkeiten zu meistern und mit dem starken emotionalen Gehalt zu verbinden. Freude und bange Sorge vermischten sich und mündeten schließlich in starker Zuversicht, die auch im Leid Bestand hat. Mit Klarheit, Präzision, Balance zwischen den Stimmen und feinen dynamischen Abstufungen zeichnete der Chor die beziehungsreiche Struktur der Werke nach. Emotionale Ausbrüche traten in den Hintergrund, flüssige Übergänge betonten die Gesamtheit der inneren Entwicklung.

Musikalische Stimmungsbilder malte der Chor in den drei Werken von Eric Whitacre. Das Aufleuchten und Abebben des „Allelujas“ ereignete sich in vieltönigem „Glockengeläut“ der Sängerinnen und Sänger. In „Three Songs of Faith“ ging es um den Aufbruch in das Licht und um seelische Befreiung. Einem Klasse-Ensemble wie der Capella gelang es in einem Zwischenteil, sieben nebeneinandergestellte Begriffe um „Glaube Hoffnung Liebe“ intensiv mit Bedeutung und Gewicht aufzuladen.

Ein besonderes Erlebnis ermöglichte Gerald Buß in „Sleep“ seinen Zuhörern zum Schluss mit einer genialen Idee: Alle Mitwirkenden verließen ihre Plätze und umringten, am Rand und in der Mitte des Kirchenschiffs verteilt, die Zuhörer, die damit quasi in Klang eingehüllt waren und beim Zuhören hautnah erleben durften, wie ein Mensch zur Ruhe kommt. Ein magischer Augenblick!

Gerald Buß: Neue Wege mit alter und neuer Musik

Leitung Gerald Buß studierte an der Musikhochschule in Trossingen Klavier, Orgel, Chor- und Orchesterleitung. Als diplomierter Kirchenmusiker arbeitet er seit 1990 bei der evangelischen Reuschgemeinde in Göppingen. 2001 wurde sein Arbeitsbereich um den Bezirksauftrag im Bereich Popularmusik und Blechbläser im Kirchenbezirk Göppingen erweitert, 2013 wurde er zum Kirchenmusikdirektor ernannt. Neue Wege mit alter und neuer Musik in den unterschiedlichsten Besetzungen sowie generationenübergreifende und auch integrative Projekte sind fester Bestandteil seiner Arbeit geworden. Seit Oktober 2000 ist Gerald Buß Vorsitzender des Kulturkreises Göppingen. Er ist Künstlerischer Leiter von Musik auf Schloss Filseck, Gründer und Leiter des Festivalorchesters, des Kammerorchesters Nota Cambiata sowie des Kammerchors Capella Nova. Seit 2013 ist er außerdem Vorsitzender des Göppinger Stadtverbands Kultur.

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