Bad Boll Bundesverdienstkreuz für Jobst Kraus

An seiner alten Wirkungsstätte geehrt: Jobst Kraus (re.) mit Umweltminister Franz Untersteller in der Evangelischen Akademie Bad Boll.
An seiner alten Wirkungsstätte geehrt: Jobst Kraus (re.) mit Umweltminister Franz Untersteller in der Evangelischen Akademie Bad Boll. © Foto: Martina Waiblinger
JÜRGEN SCHÄFER 14.07.2015
Er ist ein Umweltvisionär, der von Bad Boll aus nachhaltig in Kirche und Gesellschaft hineingewirkt hat. Dafür bekam Jobst Kraus jetzt das Bundesverdienstkreuz, überreicht von Umweltminister Franz Untersteller.

Auch mit 69 arbeitet der "Vorreiter praktizierter Nachhaltigkeit", wie ihn der Landesumweltminister bei der Ehrung in der Evangelischen Akademie Bad Boll würdigte, noch an Entwürfen für eine bessere Welt, die Ressourcen schont und sich auf "weniger ist mehr" besinnt. Wie sieht die Mobilität im Ländle 2050 aus? Kraus fordert: Weniger Autos und nur noch elektrische, Car-Sharing natürlich, die Automobilfirmen sollen sich zu Dienstleistungsunternehmen wandeln. In den Städten könnten Lastenräder 50 Prozent des Gütertransports übernehmen. "Wie der Boller Wagen", sagt er. Das ist ein Service in Bad Boll. Mit Pedalantrieb werden Einkäufe ausgeliefert.

"Humusbildung" heißt ein aktuelles Projekt aus seinem Ehrenamt im Kirchentags-Team. Man wolle Kompost aus mobilen Kirchentags-Toiletten gewinnen und zum Baumpflanzen in Wittenberg verwenden. Nach dem Motto "Darm und reich". Immerhin 120.000 Besucher hat so ein Kirchentag.

Gefunden hat Kraus sein Lebensthema in der Evangelischen Akademie Bad Boll. Der gebürtige Nürnberger war schon Studienleiter, als er das neue Ressort Umwelt und Nachhaltigkeit bekam. Umweltschutz, der für ihn Bewahrung der Schöpfung ist, fing für ihn im Heizkeller an. Erfolge: Die Uralt-Heizung der Akademie wurde ökologisch erneuert, die Akademie produzierte eigenen Strom. Heute steht auf dem Südflügel auch eine große Fotovoltaikanlage. Die gehört der Ökumenischen Energiegenossenschaft, die Kraus initiiert hat und bis heute führt. Zehn Anlagen hat die Genossenschaft schon in Baden-Württemberg, der Strom reicht für gut 60 Haushalte.

Mit einer Bemerkung fing es an: "Warum hab ich mehr Plastik auf dem Teller als Essen?" Kraus hat die Küche der Akademie umgekrempelt: Weg mit der Verpackung, stattdessen kurze Wege für die Anlieferung. "Saisonal, regional, biologisch und fair" wurde zu einem Exportschlager, den Kraus auch am Kirchentag mit dem "Gläsernen Restaurant" etablierte. Örtliche Metzger gewann er für Bio-Fleisch.

Ganz praktisch auch: Der "Umweltpapst" der Akademie initiierte Spritsparkurse. Sogar Taxifahrer sprangen auf. Haarklein hat der Studienleiter die Verbräuche an der Akademie durchforstet. In Putzkammern und Vorratskeller machte er Bestandsaufnahme. Was nicht allen Kollegen gefiel. Und hat sich auch an die eigene Nase gefasst, wenn der Papierverbrauch zu hoch war. "Ich bin selber Teil des Problems", stellt er fest.

Aufgerüttelt hat Kraus alle Evangelischen Akademien mit seiner Kampagne "Vom Reden zum Tun - umweltverträglich wirtschaften". Der Landeskirche machte er klar, dass sie mit Wärme und Strom mehr CO2-Ausstoß produziere als Bolivien. Er hat Tagungen zu nachhaltiger Architektur abgehalten und in Zukunftsstudien einen neuen Lebensstil gefordert, der der Umwelt anzupassen sei: ressourcenarm, selbstbegrenzt, besser, anders. Während Klima- und Energiewende in aller Munde ist, fordert Kraus auch eine Ernährungs- und Agrarwende. Auch im Zeichen der sozialen Gerechtigkeit, die ihm immer wichtig war. Kraus betont: "Zu meinem Engagement gehörte immer ein Netzwerk. Nur gemeinsam lässt sich etwas entwickeln."