Bad Boll Bürgerauto in Reichweite

Ehrenamtlicher Fahrdienst in Gemeinden: Hier Christian Höpfinger im Elektro-Bürgerauto "Rechi" in Rechberghausen, das seit mehr als einem Jahr erfolgreich läuft. Auch im Raum Bad Boll will man jetzt Nägel mit Köpfen machen.
Ehrenamtlicher Fahrdienst in Gemeinden: Hier Christian Höpfinger im Elektro-Bürgerauto "Rechi" in Rechberghausen, das seit mehr als einem Jahr erfolgreich läuft. Auch im Raum Bad Boll will man jetzt Nägel mit Köpfen machen. © Foto: Staufenpress
JÜRGEN SCHÄFER 01.12.2015
Greifbar nahe gerückt ist ein E-Bürgerauto für die sechs Gemeinden im Raum Bad Boll. Als Standort wird Zell favorisiert, wo es die meisten Fahrer gibt. Die Verbandsgemeinden müssen noch zustimmen. Mit Kommentar.

Mit zwei Bürgerautos für die sechs Kommunen von Gammelshausen bis Hattenhofen, die im Verband Raum Bad Boll zusammengeschlossen sind, wird es nichts. Jedenfalls nicht im ständigen Betrieb. Mit diesem Ansatz war der Verband im Sommer gestartet. Aber dann zeigte sich: Das wäre ein bisschen viel Konkurrenz für eine Fahrdienst-Firma in Bad Boll. Dem gewerblichen "Taxi" könnte der ehrenamtliche Bürgerservice Kundschaft abwerben.

So wird das Angebot, das hauptsächlich für die ältere Bevölkerung zum Einkaufen, zur Post, zur Bank oder zum Arzt gedacht ist, auf ein E-Auto abgespeckt, das auch bewusst in Zell stationiert werden soll - abseits vom gewerblichen Anbieter in Bad Boll. Für den betreffenden Fahrdienst-Unternehmer Helmut Elsässer ist das ein Kompromiss. "Ich kann damit leben." Der Raum Zell, Hattenhofen, Aichelberg stehe für ihn nicht im Vordergrund. Und er soll seinerseits auch von dem Bürgerauto profitieren. Wenn es dort Engpässe gibt, wird man die Fahrgäste auf ihn verweisen. Er fungiert sogar als Kooperationspartner. Möglicherweise wird Elsässer mit seiner Firma "Bad Boller Dienstleistungen" im Winter eine ständige Reserve bilden, wenn das E-Bürgerauto wegen der Kälte schneller schlappmacht. Denn der Verband hat sich in einer Schwarzwaldgemeinde kundig gemacht und weiß: Ein E-Fahrzeug hat dort im Sommer 140 Kilometer Reichweite, im Winter aber nur 80. Und es braucht acht Stunden zum Aufladen. Diese Schwarzwaldgemeinde, Oberreichenbach bei Calw, operiere mittlerweile mit zwei E-Winterfahrzeugen, berichtet der Verbandsvorsitzende im Raum Bad Boll, Hattenhofens Bürgermeister Jochen Reutter. Noch offen ist, ob der Voralbverband dieses Modell übernimmt und ein Fahrzeug den Winter über least oder gleich auf Elsässers Fahrdienst zurückgreift. Was dann hieße: Für seine Fahrten gälte auch sein Tarif.

Was in Elsässers Sinne geklärt ist: Das Bürgerauto fährt keine "gewerblichen" Kunden, beispielsweise zur Diakoniestation oder zu Pflegeheimen. Dies bleibt sein Feld. Es fährt nicht am Wochenende und darf das Verbandsgebiet nicht verlassen, nicht nach Heiningen, nach Göppingen oder in den Kirchheimer Raum. Der Betrieb ist ausdrücklich ein Versuch. Nach zwei Jahren wird Bilanz gezogen.

Mit den Helfern sieht es gut aus. 15 bis 20 ehrenamtliche Fahrer haben sich schon gemeldet. Das Gros komme aus Zell, wo sich die Seniorengruppe 60 plus gezielt engagieren will, berichtet Reutter.

Als Finanzier des E-Bürgerautos steht der Krankenpflegeverein Raum Bad Boll bereit. Die Kosten werden auf 25.000 bis 35.000 Euro beziffert. Die Betriebskosten wolle der Verein aber nicht tragen, stellt der Bad Boller Bürgermeister Hans-Rudi Bührle in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Krankenpflegevereins klar. Der Gemeindeverband würde das jährliche Defizit von geschätzt 1500 Euro übernehmen. Noch offen ist, welche Fahrtkosten erhoben würden und in welcher Form, ob als Tarif oder Spende.

Der weitere Fahrplan: Bis Ende Januar sollen die Verbandsgemeinden erklären, ob sie das Konzept mittragen. Der Verbandsvorsitzende sieht dafür gute Chancen. Wenn ja, kann der Krankenpflegeverein das E-Mobil bestellen. Es könne dann schon noch Monate dauern, mutmaßt Reutter.

Vom Bürgerbus mit Gasantrieb zum E-Bürgerauto

Vorgeschichte Querverbindungen im Voralbgebiet als Ergänzung zum Busverkehr wünschen sich die Voralbgemeinden schon lange. Vor Jahren hofften sie auf einen Bürgerbus mit Gasantrieb, der von einer Biogasanlage aus Grünschnitt gespeist werden sollte.
Pilotprojekt In der Folge schlug der Verband elektrobetriebene Bürgerbusse für fünf Voralbgemeinden vor - auch dies ein Pilotprojekt fürs ganze Land. Aber in den Gemeinden überwog die Skepsis, ob das angenommen werde und technisch ausgereift sei.
Erfahrungen Der Verbandsvorsitzende Jochen Reutter blickt zurück: "Wir haben bei anderen Projekten viel Zeit investiert und haben auf der Zielgeraden abgebrochen." Jetzt ist er zuversichtlich, dass sich mit "noch nicht soviel Arbeit" etwas erreichen lässt.

Ein Kommentar von Jürgen Schäfer: Auch abgespeckt noch beispielhaft

Alles richtig gemacht. Der Verband Raum Bad Boll beschränkt sich auf genau ein E-Bürgerauto, um der älteren Generation Mobilität zu erhalten, und verzichtet auf ein zweites, weil er einem Fahrdienst-Unternehmer in Bad Boll keine Konkurrenz machen will. So muss es laufen. Beide können so nebeneinander existieren, der ehrenamtliche Fahrdienst und das "Taxi", beide werden gebraucht und haben ihre Kundschaft. Es kann sogar zur win-win-Situation kommen, weil der Verband den Unternehmer als Kooperationspartner einbindet und ihn möglicherweise im Winter als Reserve heranzieht.
Gewiss: das ist nicht mehr das alte Konzept. Da sollte das Gebiet zwischen Gammelshausen und Hattenhofen von zwei Bürgerautos versorgt werden. Jetzt soll es einen Kern im Raum Zell-Hattenhofen geben, wo das Elektroauto wohl stationiert wird. Ob auch Senioren aus Dürnau oder Gammelshausen darauf zurückgreifen, wenn sie zum Einkaufen oder Verwandtenbesuch wollen, muss sich zeigen.
Gleichwohl ist es ein neuer Service, den der Raum Bad Boll bieten will. Ein ehrenamtlicher Fahrdienst, der bis zu sechs Gemeinden abdeckt, kann Schule machen. Das Bürgerauto von Rechberghausen verkehrt innerorts, das Heininger auch drüber hinaus, aber nicht beliebig. Wenn das Voralb-Bürgerauto kommt - die Gemeinden müssen noch zustimmen - mag ihr alter Wunsch nach einem Bürgerbus schnell vergessen sein.