Ebersbach an der Fils Briefe lagerten nie in der "Alten Post"

Ebersbach an der Fils / CORNELIA VILLANI 08.09.2015
Dass in der denkmalgeschützten "Alten Post" in Ebersbach einst Postreiter ihre Waren abgeliefert haben, ist ein Irrtum. Stattdessen lebten im heutigen Stadtmuseum Bauern und sogar ein Hexenmeister.

Klirrende Sektgläser, freudige Rufe und viel Gelächter: Vor der "Alten Post" in Ebersbach feiert an einem sonnigen Vormittag fröhlich eine Hochzeitsgesellschaft. "Das ist einer der Zwecke, zu denen das Haus heute genutzt wird", erzählt Stadtarchivar Uwe Geiger und drückt sich grüßend an den Gästen vorbei. Im Dachgeschoss des heutigen Stadtmuseums finden beinahe wöchentlich standesamtliche Trauungen statt. Ursprünglich lagerten die früheren Bewohner hier ihre Vorräte. Groß und weiträumig ist der Raum unterm Dach. Ganz anders die beiden Stockwerke darunter. "Hier haben wir eine Deckenhöhe von etwa 2,10 Meter", sagt Geiger, nachdem er die Treppe zum ersten Obergeschoss wieder hinunter gestiegen ist. Die niedrige Stockhöhe sei einer der Gründe, warum die "Alte Post" ihren Namen zu Unrecht trägt. "Wo sollten hier denn die großen Postsäcke gelagert werden?"

1519 erhielt Ebersbach eine Poststation, das ist sicher. Die Route der berittenen Austräger durchs Ländle führte von Knittlingen im Enzkreis über Vaihingen an der Enz, Cannstatt über Ebersbach nach Geislingen-Altenstadt. "Die Stationen in Cannstatt oder Knittlingen waren riesige Häuser", berichtet Geiger, "mit 2,50 bis drei Meter Stockhöhe." Ganz anders also wie in der "Alten Post" in Ebersbach. Zudem müsse ein Postamt Platz für Reiter und Pferde, später für Kutschen gehabt haben. Ähnlich wie heute sei das Gebäude auf dem Kirchberg aber eng umbaut gewesen sein.

Auch das Erbauungsjahr passt nicht. Untersuchungen der Holzbalken lassen vermuten, dass das Haus um 1595 errichtet wurde. "Doch bereits Mitte des 16. Jahrhunderts war die Durchfahrtstrecke im Ort geändert worden", sagt Geiger. Reisende oder eben die Postler aus Richtung Stuttgart gelangten ursprünglich über die heutige Martinstraße in den Ort. Damals lag die "Alte Post" direkt am Ortsrand. Aber statt unterhalb des Kirchbergs weiter zu führen, knickte die Hauptreiseroute südlich ab und verlief etwa entlang der heutigen Stuttgarter Straße. "Warum sollte man die Post am Ortsrand lagern?"

Name hat sich im Volksmund eingeprägt

Nicht zuletzt wurde der Beiname "Alte Post" erstmals Anfang des 20. Jahrhunderts verwendet. "In Kaufurkunden tauchen immer die Beinamen von Häusern auf", sagt Archivar Geiger. "In diesem Fall bin ich nicht fündig geworden." Dennoch ist der Stadtarchivar dafür, den Namen beizubehalten. "Er hat sich im Volksmund eingeprägt und gehört zur Ortsgeschichte." Erstmals erwähnt hat ihn Hans Klaiber in seinem Buch über Kunst- und Altertumsdenkmäler im Donaukreis.

Aufgekommen sei der Name vermutlich, weil 1910 die "neue" Post in der heutigen Bahnhofstraße eingeweiht worden war. Dort befand sich jahrelang die Poststation. Und zuvor? Auch das hat Uwe Geiger herausgefunden. Zeigen kann er seine Erkenntnis im ersten Stock des Stadtmuseums. Dort steht ein Modell von Ebersbach im Jahr 1800. Das Gebäude der "Alten Post" ist zu sehen, ebenso die Straße, die südlich in den Ort hineinführt. Geiger zeigt auf die Dorfmitte: "Wo heute die Kreissparkasse steht, gab es dieses langgestrecktes Gebäude." Das Modell zeigt dahinter Wiesen, Geiger erzählt von einem Kanal. "Perfekt, um Pferde zu halten." Und genug Platz, um eine Kutsche zu wenden. Und tatsächlich hieß die dortige Straße, die heutige Ludwigstraße, früher Postgasse. Tatsächlich belegt ein Dokument, dass sich die Ebersbacher Poststation dort befand.

Postgeschäfte gab es in der "Alten Post" also nicht. In dem kunstvoll gefertigten Fachwerkhaus lebten vielmehr Bauernfamilien und Handwerker. Von 1735 ist eine Besitzurkunde von einem Hans-Jörg Grünenwald erhalten. Eine Catharina Grünenwald ist es auch, die um 1862 hier mit ihrem Mann Johannes Laichinger lebt. "Die Leute nannten ihn auch den Hexenlaichinger." Der Bauer sei weit über die Ortsgrenzen für seine Heilkräfte bekannt gewesen. Ohne Arzt oder Apotheker im Ort vertrauten die Menschen damals auf Medizin aus der Natur, worauf sich Laichinger besonders gut verstanden haben muss. Zudem sei Magie im Spiel gewesen. "Laichinger habe einem den bösen Blick aufhexen können", erzählt Geiger, der einige der Geschichten noch von seiner Urgroßmutter kennt.

Diese wurde 1892 in Ebersbach geboten, der "Hexenlaichinger" starb 1913. Zu der Zeit lebten im Haus weitere Vertreter der Familie Grünenwald. Eine Tochter verband sich mit der Familie Henni, die bis in die 1990er Jahre eine Bäckerei in Ebersbach betrieb. Nach dem Zweiten Weltkrieg wohnte eine Flüchtlingsfamilie aus dem Osten mit im Gebäude. Der letzte Besitzer, Karl Grünenwald, starb 1970. 1985 kaufte die Stadt das Gebäude, sanierte es und eröffnete es 1996 als Stadtmuseum.

Der Keller des Gebäudes befindet sich im Privatbesitz

Geschichte Die "Alte Post" wurde um 1595 erbaut. Hier lebten Bauern und Handwerker. Die ersten Dokumente über einen Eigentümer gibt es 1735, sein Name war Hans-Jörg Grünenwald. Bis in die 1960er Jahre war das Fachwerkhaus von verschiedenen Familien bewohnt. 1985 kaufte es die Stadt und sanierte es umfassend. Seit April 1996 beherbergt das Haus das Stadtmuseum. Auf zwei Geschossen informieren Ausstellungen ständig über die rege Geschichte Ebersbachs, etwa über die reiche Wirtschaft zu Beginn der Industrialisierung. Sonderausstellungen ergänzen das Programm. Besonders beeindruckend sei die verschachtelte Bauweise, die dank deutlicher Spuren an den Deckenbalken in den Ausstellungsräumen sichtbar ist. Im Privatbesitz befinden sich die Keller des Gebäudes. Der Ebersbacher Stadtarchivar Uwe Geiger erzählt von einem gut erhaltenen, riesigen Gewölbekeller, der seit Mitte des 19. Jahrhunderts der Familie Walter vom örtlichen Wirtshaus "Hecht" gehört.

COP

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