Bad Boll Blumhardts "wilde Ehe"

Bad Boll / JÜRGEN SCHÄFER 25.02.2012
Für die "wilde Ehe" des designierten Bundespräsidenten Joachim Gauck gibt es ein historisches Beispiel aus dem Kreis: Auch der Theologe Christoph Blumhardt aus Bad Boll hatte im Alter eine Lebensgefährtin.

Er war ein Vordenker und prominenter Mann. Christoph Friedrich Blumhardt, Pfarrer und Kurhausbetreiber von Bad Boll, hat die Kirche auf ihre Aufgabe in der Welt gewiesen und sich als Landtagsabgeordneter für die soziale Frage eingesetzt. Was in Vergessenheit geriet: In seinen späten Jahren, von etwa 1906 bis 1919, lebte er nicht mehr bei seiner Frau Emilie im Kurhaus, sondern mit der Adeligen und Diakonisse Anna von Sprewitz in Jebenhausen. Da war er gesundheitlich angeschlagen, weiß der Blumhardt-Kenner Chrstian Buchholz aus Dürnau. Blumhardt hatte sich bei einer Palästina-Reise die Malaria geholt. 1917 erlitt er einen Schlaganfall. "Anna von Sprewitz hat ihn auf seinem Krankenlager gepflegt", sagt Buchholz

Von Jebenhausen kam der Patriarch regelmäßig nach Bad Boll, um zu predigen und "Hof zu halten", wie es Buchholz nennt. Dort wartete seine Kurhaus-Gemeinde, die von ihm geistliche Wegweisung und Heilung erwartete. Dort lebte auch seine Frau, mit Ausnahme der Jahre, als sie in Neuseeland und China mehrere ihrer elf Kinder besuchte. Aus Briefen weiß man, dass sie sich "niemals von ihrem Mann getrennt" gefühlt habe, "auch wenn Meere und Kontinente zwischen uns lagen." Buchholz kann sich allerdings nicht vorstellen, dass sie nicht unter der Trennung gelitten haben soll.

Was haben die Zeitgenossen zu der "wilden Ehe" gesagt? Buchholz hat nirgends Kritik gefunden. Woraus er schließt: "Ein heiliger Mann unterliegt anderen Regeln."

Anna von Sprewitz kam als Gast nach Bad Boll, angezogen von den Predigten Blumhardts. Einem ersten Aufenthalt folgten weitere, auch krankheitshalber, und dann fand sie hier ihren Platz in der Pflege und Fürsorge der Patienten, später sogar als wirtschaftliche Leiterin des Hauses. So schildert sie es in ihrem Lebenslauf. "24 Jahre durfte ich unter Vater Blumhardt in Boll dienen." Von einem gemeinsamen Lebensabschnitt schreibt sie kein Wort. Sondern: Blumhardt habe "die Unruhe" in Boll nicht mehr ertragen und sich in sein Landhaus in Jebenhausen zurückziehen wollen. Sie habe es ihm abgekauft, um "freie Hand" bei der nötigen Renovierung zu haben.

Kein eheliches Verhältnis hätten die Diakonisse und der große Gottesmann gehabt, es sei noch nicht einmal platonische Liebe gewesen. Davon ist eine Urenkelin Blumhardts, Elisabeth Schönhuth, überzeugt. Sie hat tief in der Familiengeschichte gegraben. Für sie ist die fromme Anna von Sprewitz nur eine Begleiterin und Pflegerin ihres Urgroßvaters gewesen. "Sie hat ihn versorgt". Buchholz merkt an: Sie habe sich gerühmt, die Frau an Blumhardts Seite zu sein - als "geistliche Freundin".

Der frühere Heilbronner Prälat Paul Dieterich, der in Jesingen aufgewachsen ist und sich früh schon mit Blumhardt beschäftigt hat, stimmt der Urenkelin zu. "Anna von Sprewitz hat den nun wirklich alten Mann versorgt und ist ihm eine geistige Begleiterin gewesen." Darüber sei in der Gegend freilich viel dummes Zeug geredet worden. Seiner Ehefrau habe Blumhardt stets große Liebe und Hochachtung entgegengebracht.

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