Reportage Blumengruß vom Feld

Kreis Göppingen / INGE CZEMMEI 11.09.2015
Spontan noch schnell etwas „Blumiges“ holen – auf Selbsternte-Blumenfeldern ist das möglich.

 "Was für ein schönes Sonnenblumenfeld!“ Der Gedanke ist noch nicht ausgedacht, da setzt die Dame im roten Kleinwagen plötzlich den Blinker. Sie biegt in einen Feldweg ein, steigt aus, verschwindet zwischen den Blumen und kommt mit einem dicken Strauß zurück. Eine Sonnenblumendiebin? Nein, die Blumenfreundin zückt ihre Geldbörse und steckt einen Schein in eine am Rand des Blumenfeldes angebrachte Kasse. Blumen schneiden, Preis ausrechnen, bezahlen, fertig! „Drei Stück ein Euro“ steht auf Tafeln an denvier Sonnenblumenfeldern rund um Bezgenriet, die Margot Vollmer ihr Eigen nennt. Ob die Kasse immer stimmt weiß sie nicht. „Da müsste ich ja täglich die Blumen zählen“, lacht sie und meint: „Ein bissle Gottvertrauen muss man schon haben.“ Die Blumenfelder seien für sie ein Stück weit Hobby, erklärt sie. „Ich mache es weil ich auch selbst Freude an den Blumen habe.“

Mit "Sambadäpperla" ins Feld

Die Aussaat mit der Sämaschine übernimmt alle vier bis fünf Wochen ihr Mann. Das Grasen, Unkraut jäten, Schnecken bekämpfen und Entfernen verblühter Pflanzen ist Margot Vollmers Part. Jeden Abend macht Margot Vollmer ihre „Fitnessrunde“. Bei jedem Wetter fährt sie mit dem Fahrrad zu den Sonnenblumenfeldern, um die Kassen zu leeren. „Sie werden jedes Jahr drei bis viermal aufgebrochen“, erzählt sie. „Meistens am Wochenende.“ Auch bei den Messern, die für die Kunden zum Abschneiden der Stiele bereit liegen, ist Schwund zu verzeichnen. „Die Messer kauf ich im Dutzend“, schmunzelt die Blumenfeldbesitzerin. „Manche Leute scheinen zu Hause kein Messer zu haben. Ich brauche durchschnittlich 15 Stück in der Saison.“ Gummistiefel hat Margot Vollmer bisher noch nicht hingestellt, obwohl ihr manchmal danach zumute wäre. „Manche spazieren mit ,Sambadäpperla’ durch das Feld“, lacht sie und gesteht, dass sie auch ab und zu auch ein bisschen Bauchweh habe, wenn sie sehe, wie „seckeldumm“ manche Kunden ihr Auto direkt an der Straße parkten, obwohl es überall eine Einfahrt gebe.

Rund um Jebenhausen blühen die Sonnenblumenfelder von Friedrich Wagner. Seit Jahren sät er Ende März, im Mai und im Juli auf drei Feldern Sonnenblumenkerne. Beim Unkrautjäten helfen seine beiden Söhne Toni und Lukas. „Die Zahlungsmoral ist in den letzten Jahren schlechter geworden“, hat Wagner beobachtet. Doch es gibt auch ehrliche Kunden. „Aber ein bisschen was bleibt schon übrig, sonst würde ich es nicht mehr machen“, meint Wagner, der als Saatgut kostengünstiges Vogelfutter benutzt. Die Kasse, die Wagner aus einem schweren Stein konstruiert hat, lässt sich weder davontragen noch plündern.

Nicht nur Sonnenblumen, sondern bunt gemischte Sträuße können sich „Selbstschneider“ auf dem Blumenfeld von Gerhard und Doris Kissling zusammenstellen, das sich von Wangen kommend am Ortseingang von Uhingen-Holzhausen befindet. Ute Bühler aus Uhingen ist gerade dabei, sich einen verschiedenfarbigen Gladiolenstrauß zusammenzustellen. „Ich komme regelmäßig her“, erzählt sie. „Das ist doch genial, man hat immer etwas Frisches zu Hause.“ Eine ältere Dame, die von Faurndau mit dem Fahrrad gekommen ist, schneidet einen bunten Strauß aus Löwenmäulchen, Astern, Dahlien und Zinnien. „Für meine Freundin auf dem Friedhof“, erklärt sie.

In Holzhausen stehen die Blumen, sortiert nach Sorten und unkrautfrei, ordentlich in Reihen. Die gut begehbaren Wege dazwischen sind sauber mit Stroh ausgelegt. „Dass muss man schon machen, damit die Kunden keine schmutzigen Schuhe bekommen“, meint Doris Kissling, die am Samstagabend schon Selbstschneider in Anzug oder Abendkleid beobachtet hat. Die Kundschaft ist so bunt gemischt wie ein Blumenstrauß und reicht querbeet vom Radler bis zum Porschefahrer.

„Auch für Kirchen- und Gaststättendekoration wird viel geholt“, wissen die Kisslings, deren Blumenfeldsaison im Frühjahr mit Osterglocken beginnt. „Aussäen, Schild und Kasse aufstellen, Gewinn machen – so einfach läuft das Ganze leider nicht. Blumenfelder sind arbeitsintensiv“, erklärt Gerhard Kissling, der ebenfalls eine schwindende Zahlungsmoral beklagt. „Diejenigen, die nicht bezahlen, ahnen wahrscheinlich gar nicht, wie viel Arbeit das Blumenfeld macht.“

Am einfachsten ist das Sonnenblumenfeld zu bewirtschaften. Dort fällt normalerweise nur das Säen und Unkrautjäten an. „Wir säen alle 14 Tage, damit nicht alle gleichzeitig blühen“, erklärt Gerhard Kissling. Für das Setzen der Zwiebelpflanzen hat Kissling eigens eine rückenschonende Maschine konstruiert, anderen Blumen werden von Hand eingelegt und gesetzt, manche zum Überwintern wieder herausgenommen. Dahlien, Zinnien, Astern und Löwenmäulchen bedürfen außerdem der Hege und Pflege „In diesem Sommer hieß es, jeden Abend Wasser führen“, berichtet Kissling. „Sonst wären die Pflänzchen kläglich verdurstet.

Die Arbeit geht nicht aus  

Unkraut jäten, Wege mit Stroh auslegen, Pflanzenreste entfernen – auf dem Blumenfeld geht die Arbeit nie aus. Leider sind, wie schon erwähnt, nicht alle Blumenfreunde ehrlich. Manche finden Geiz noch immer geil und haben kein schlechtes Gewissen, wenn sie geklaute Sträuße verschenken oder in die eigene Vase stellen. „Oft sind auch Centstücke in der Kasse. Die Leute werfen sie rein, damit es klappert“, weiß Kissling und erklärt: „Reich wird man von einem Selbsterntefeld nicht. Wenn man das macht, muss man schon selbst Freude dran haben.“

Margot Vollmer und die Kisslings haben in diesem Sommer erstmals ein ungewöhnliches Phänomen auf ihren Sonnenblumenfeldern beobachtet. „Ich habe auf einem der Felder dreimal gesät und nichts ist gewachsen“, berichtet Margot Vollmer. Den Kisslings ging es ebenso. Alle konnten sich zunächst nicht erklären, woran es liegt, bis sie beobachteten, wie Raben die Körner aus den Reihen pickten.

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