Debütroman Blind Date mit Gianna Molinari

In Salach stellte die Schweizerin Gianna Molinari ihren ungewöhnlichen ersten Roman vor.
In Salach stellte die Schweizerin Gianna Molinari ihren ungewöhnlichen ersten Roman vor. © Foto: Inge Czemmel
Salach / Inge Czemmel 07.09.2018

Angelika Dölker strahlt über das ganze Gesicht. Vor genau 25 Jahren hat sie einst ihre Buchhandlung in Salach eröffnet und zur Feier des Tages kann sie die Autorin Gianna Molinari als Überraschungsgast begrüßen. „Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels verloste acht Blind-Date-Lesungen mit Kandidaten für den Deutschen Buchpreis 2018 und wir haben eine davon gewonnen“, freut sich die Buchhändlerin, die erst kurz vor dem Termin erfuhr, wer bei ihr liest. Für die Besucher lüftet sich das Geheimnis erst vor Ort: Es ist die 30 Jahre junge Schweizerin Gianna Molinari, die für ihren Debütroman „Hier ist noch alles möglich“ 2017 bei den „Tagen der deutschen Literatur“ in Klagenfurt mit dem „3sat-Preis“ ausgezeichnet wurde. Am morgigen Samstag wird sie den Robert-Walser-Preis (Internationaler Preis für Erstlinge in Prosa) erhalten und auch für den Deutschen Buchpreis 2018 wird sie als heiße Kandidatin gehandelt.

Kaum hat die Autorin mit ihrer Lesung begonnen, ist allen klar: Sie hat eine ganz besondere, ungewohnte literarische Art. Die Ich-Erzählerin, die als Nachtwächterin in einer Verpackungsfabrik eingestellt wird, die sowieso bald schließen wird, bleibt namenlos. Sie erzählt in spröder Nüchternheit über die neue Umgebung, den Chef, die wenigen verbliebenen Arbeiter und den Koch, der einen Wolf gesehen haben will. Der Wolf, von dem man nicht weiß ob es ihn tatsächlich gibt, ist allgegenwärtig. Um ihn und die scheinbare Bedrohung kreisen mehr Gedanken als um Firmenpleite oder Zukunft. Man redet über ihn, trifft Vorkehrungen, hebt eine Fallgrube aus. Kleinste vermeintliche Nebensächlichkeiten, Gespräche und Gedanken werden höchst detailliert und trotzdem unspektakulär beschrieben. Doch was ist nebensächlich, was wichtig? Der Schatten, den der Vogel auf die Erde wirft oder der Vogel selbst? Ist die Bedrohung durch den Wolf real oder ein diffuses Gefühl? Gianna Molinari präsentiert einen Roman, in dem noch alles möglich ist – irgendwie fesselnd.

„Kommt noch etwas Erfreuliches, Erhellendes?“, will eine Zuhörerin wissen. Das wird nicht verraten. „Also meins ist‘s nicht“, erklärt im Anschluss einer der Zuhörer. „Ich lese lieber was Lustiges.“ Michael Jehle hingegen ist begeistert: „In dem Roman gibt es viel innere Handlung und das Ringen darum, wie wir auf unsere Wirklichkeit zugreifen. Kunst ist doch, wenn man sich kein abschließendes Urteil machen kann, sondern immer wieder Neues herauslesen und interpretieren kann. Es ist sicher kein Buch für die Masse und im positiven Sinne weit weg vom Mainstream.“

Info Mit dem Deutschen Buchpreis zeichnet der Börsenverein des Deutschen Buchhandels seit 2005 den deutschsprachigen „Roman des Jahres“ aus. Aus der 20 Titel umfassenden Longlist wählen die Juroren sechs Titel für die Shortlist. Wer es geschafft hat, wird am 11. September veröffentlicht. Die Preisverleihung findet am 8. Oktober auf der Buchmesse statt.

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