Unfall Aus Übung wird Ernst: Göppinger Bergretter helfen Schwerverletztem

Göppingen/Kreuth / Sandra Schröder 16.10.2017
Als ein Wanderer am Samstag vom Buchstein vor der Tegernseer Hütte abstürzte und sich schwer verletzte, wurde die Bergwacht Göppingen per Zufall zum Erstretter.

Es sollte ein ganz normales Ausbildungswochenende für eine Gruppe der Bergwacht Göppingen auf der Tegernseer Hütte werden. Gemeinsam mit ihrem Technischen Leiter David Wimmer, wollten sechs Bergretter das alpine Klettern in den Bayerischen Voralpen üben und lernen, wie sie sich in der Höhe sicher bewegen können. „Das ist in der Lage schon etwas anderes als bei uns auf der Alb“, erklärt Wimmer. Die Hütte auf 1650 Metern Höhe diente der Gruppe als Stützpunkt und Ausgangspunkt für Aufstiege. Sie liegt zwischen den Gipfeln von Ross- und Buchstein. Am Freitagmittag starteten die Männer vom Wanderparkplatz Bayerwald in Kreuth aus den zweistündigen Aufstieg zur Hütte.

Am Samstag brach die Gruppe gegen 8 Uhr zu einer längeren Klettertour auf. Nach einigen Stunden am Buchstein befand sich das Team wieder auf dem Rückweg. Kurz vor dem Abstieg zur Hütte passierte dann gegen 12.45 Uhr das Unglück: Ein 57-jähriger Mann aus Dachau stürzte in einer Rinne im senkrechten Fels zehn Meter in die Tiefe und blieb kurz vor der Hütte schwer verletzt liegen. Seine Ehefrau musste hilflos zusehen. Der Hüttenwirt setzte sofort einen Notruf ab und eilte mit seinen Mitarbeitern zu dem Mann, erzählt der 33-jährige David Wimmer am Montag unserer Redaktion.  

Sturz am senkrechten Fels

Seine Gruppe traf etwa fünf Minuten nach dem Sturz ein und versorgte den Mann, der schwere Verletzungen am Kopf und Brustbereich sowie mehrere Knochenbrüche erlitten hatte. Die Stelle sei kein ausgewiesener Weg, werde aber häufig von Wanderern genutzt, um bei Abstieg zur Hütte zu gelangen. Eine Sicherung gebe es dabei nicht. Selbst gesehen hat Wimmer den Sturz nicht, fragte aber Augenzeugen und Helfer von der Aussichtsterrasse, wie genau der Mann gestürzt sei, um die Verletzungen besser beurteilen zu können. „Ich habe dann erneut Kontakt aufgenommen zu den Kollegen der Bergwacht Rottach-Egern, die ich gut kenne“, erzählt Wimmer. Er habe abgesprochen bis zum Eintreffen des Hubschraubers die Erstversorgung zu übernehmen. Da sich von der örtlichen Bergwacht auch zwei Kollegen beim Klettern im Ross- und Buchsteingebiet aufhielten, machten auch diese sich an den Aufstieg zur Hütte.

Die blutende Kopfplatzwunde war bereits in den ersten fünf Minuten von den Helfern verbunden worden. Wimmer und sein Team verschafften sich beim sogenannten Bodycheck einen Überblick der Verletzungen. Neben dem eigenen Verbandsmaterial kam auch ein Sanitätsrucksack der örtlichen Berwacht aus der Hütte zum Einsatz. „Darin ist auch eine Halskrause, die legen wir immer an, um die Wirbelsäule zu schützen“, erklärt Wimmer.

Sie haben dann die Gebirgstrage genutzt, um den Mann die restlichen drei Meter auf die Terrasse zu bringen. Besucher der Hütte halfen dabei. Dort wurde er zunächst stabilisiert und seine Vitalzeichen überwacht. „Wir messen den Blutdruck, prüfen den Puls und passen auf, ob der Verletzte eintrübt“, sagt Wimmer. Das bedeutet der Patient wird müde und droht bewusstlos zu werden. „Ganz wichtig ist, mit dem Verletzten zu sprechen und ihm jeden Schritt zu erklären“, findet Wimmer. Es sei für den Verunglückten sonst beängstigend, wenn sich fünf Leute oder mehr gleichzeitig über ihn beugen. Sie verbanden auch noch eine blutende Wunde am Fuß.

Die Göppinger Bergretter kümmerten sich auch um die Ehefrau des Verletzten, sprachen mit ihr und versuchten, sie zu beruhigen. 20 Minuten brauchte der Rettungshubschrauber Christoph 1 aus München bis zur Tegernseer Hütte – anders war eine Rettung in der Lage nicht möglich. „Der Notarzt wurde dann per Seilwinde mit einem sogenannten Bergesack und dem medizinischen Rucksack abgesetzt“, erzählt Wimmer. Dann flog der Pilot zur Rettungswache, holte einen weiteren Bergretter und ließ ihn mit dem Hubschrauber Notfallsanitäter an der Einsatzstelle ab. Der Notarzt versorgte den Mann derweil weiter – auch mit Medikamenten. Damit der Notarzt nicht von vorne beginnen muss, machen die Bergretter immer eine Übergabe – darin sind sie geschult.

Teil der Besucherterrasse geräumt

Das Hüttenpersonal sorgte dafür, dass die Besucher auf der vollbesetzten Außenterrasse Platz machten. „Der Verletzte musste im Bergesack von der Ostseite auf die Westseite der Hütte gebracht werden, damit der Notarzt den Verletzten am Rettungsseil des Helikopters befestigen konnte“, erklärt Wimmer. Dazu wurde die Westseite der Terrasse kurz gesperrt. In rund einer Minute zog die Seilwinde beide die gut 40 Meter in die Höhe. Der Schwerverletzte wurde dann ins Unfallklinikum Murnau geflogen.

„Die Bergretter vor Ort haben die Ehefrau des Verletzten zur Buchsteinhütte begleitet. Dort stand das Bergwachtfahrzeug bereit, das sie weiter zum Kriseninterventionsteam brachte, das am Wanderparkplatz Klamm wartete,“ sagt Wimmer. Das sind speziell geschulte Retter, die sich bei solchen Unfällen etwa um die Angehörigen kümmert.

Zwar sollte es bei dem Ausbildungswochenende keine praktischen Rettungsübungen geben, gelernt haben die Bergretter aus Göppingen aber auch durch den Ersthelfer-Einsatz. „Dazu sind wir ja bei der Bergwacht, um auch Schwerverletzten helfen zu können“, sagt Wimmer, der hauptberuflich als Zimmermann arbeitet. Seiner Gruppe ging es trotz des Vorfalls gut, auch wenn ein Einsatz in der Lage für sie eher selten sei. „Wir haben wie immer über den Einsatz gesprochen und in der Gruppe reflektiert“, sagt Wimmer. Dann war der Vorfall für sie erledigt, alle Bergretter haben dafür genug Routine. Am Sonntag ging es zurück in den Landkreis.

David Wimmer kümmert sich um die Fortbildungen der Bergwacht Bereitschaft: „Wir machen jedes Jahr im Winter und zwei Mal im Sommer in unserer Freizeit solche Ausbildungswochenenden.“ Er war „sehr zufrieden mit der Zusammenarbeit der Rottacher Kameraden und dem Team der Berghütte“. Der schwer verletzte Patient befindet sich nach Angaben der Bergwacht Rottach-Egern auf dem Weg der Besserung.

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