Kreis Göppingen Bei der Lebenshilfe den Beruf gefunden

Meike Ideker aus Ottenbach bei ihrem FSJ in Heiningen – sie will nun eine Ausbildung bei der Lebenshilfe beginnen.
Meike Ideker aus Ottenbach bei ihrem FSJ in Heiningen – sie will nun eine Ausbildung bei der Lebenshilfe beginnen. © Foto: Staufenpress
HELGE THIELE 24.08.2016
Meike Ideker beginnt im September bei der Lebenshilfe Göppingen eine Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin. Ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) hatte der 19-Jährigen aus Ottenbach bei der Berufsorientierung geholfen.

Ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) kann sehr vielseitig und bereichernd sein. Diese Erfahrung hat auch Meike Ideker gemacht. Das Jahr bei der Lebenshilfe in Göppingen hat der 19-jährigen Ottenbacherin derart gut gefallen, dass sie bei der Einrichtung im September eine Ausbildung als Heilerziehungspflegerin beginnen wird.

In ihrem FSJ hatte die junge Frau zunächst die „Offenen Hilfen“ der Lebenshilfe kennengelernt, und hier das Angebot „Urlaub vom Alltag“.  Meike Ideker erzählt: „Das ist sozusagen Urlaub für Menschen mit Behinderung in einer anderen Umgebung. Dort zu arbeiten war echt toll, denn man lernt die Menschen näher kennen und weiß nach kurzer Zeit deren Anwesenheit sehr zu schätzen. Außerdem bekommt man einen guten Einblick in die Pflege und Betreuung der Menschen mit Behinderung.“

Auch die Mitarbeit im Jugendtreff stuft die 19-Jährige als wertvolle Erfahrung ein: „Man war mit jungen Erwachsenen unterwegs und machte Ausflüge.“ In den Ferien gibt es zudem eine Tagesbetreuung für Schulkinder. „Da bekommt man die Verantwortung für ein Kind, spielt mit ihm und hat viel Spaß in der Gruppe“, berichtet die Ottenbacherin.

Ein FSJ als Weg zu einer erfolgreichen Berufsfindung – das ist möglich und der Idealfall, aber heute längst nicht mehr die Regel, weiß der Diplom-Sozialpädagoge Michael Tränkle, der bei der Lebenshilfe Göppingen die Ambulanten Hilfen und den Schulkindergarten leitet. „Die klassische FSJ-Absolventin, die von Anfang an weiß, dass sie danach Sozialpädagogik studieren wird, gibt es kaum noch.“ Immer mehr Jugendliche, die sich um ein FSJ bewerben, wollten zunächst einmal ein Jahr überbrücken und nach der Schulzeit neue Lebenserfahrungen sammeln.

„Für viele junge Menschen sind das ganz neue Erlebnisse. Manche lernen erstmals das Gefühl kennen, Verantwortung zu übernehmen, sie müssen ihren eigenen Alltag strukturieren, in Schichten arbeiten, auch an den Wochenenden“, sagt Roger Kuntschik, der bei der Lebenshilfe Göppingen den Bereich Wohnen leitet.

Die Kreisvereinigung der Lebenshilfe für Menschen mit Behinderung bietet ab September wieder 22 FSJ-Plätze in vier unterschiedlichen Bereichen an. Ein Selbstläufer ist die Vergabe nicht. Nicht mehr. Elf Plätze sind in diesem Jahr bereits belegt, für das Betreute Wohnen und die Offenen Hilfen werden noch Interessenten bis zu einem Alter von 27 Jahren gesucht. „Viele Jugendliche planen heute nicht mehr so lange im Voraus. Es ist alles viel kurzfristiger geworden“, erfahren Kuntschik und Tränkle die Veränderungen in der Gesellschaft auch bei der Belegung der FSJ-Plätze.

Das macht auch die Planung für die Lebenshilfe schwieriger. „Es schwankt von Jahr zu Jahr“, meint Tränkle und hofft, dass es bis Anfang September noch Kurzentschlossene gibt, die sich bewerben. Manche melden sich spät, wenn sie zum Beispiel ihren Wunsch-Studienplatz nicht bekommen haben. Oder weil sie von einem Freund oder einer Freundin erfahren haben, dass ein Freiwilliges Soziales Jahr nicht die schlechteste Alternative nach der Schule ist, um sich zu orientieren. „Oft sind es aber auch Kinder unserer Mitarbeiter, die sich bewerben und die schon eine Vorstellung von der Lebenshilfe haben“, erzählt Tränkle.

Eine Bewerbung muss immer parallel laufen – zum einen bei der Lebenshilfe und zum anderen beim Wohlfahrtswerk in Stuttgart. Dort sind die FSJler formal angestellt. 400 Euro verdienen die jungen Menschen im Monat, pro Jahr gibt es rund 15 Bildungsseminartage, die unter anderem Themen der praktischen Arbeit aufgreifen und vertiefen.

Tränkle und Kuntschik sehen es als einen großen Pluspunkt,  dass ein FSJ für jede soziale Ausbildung als Vorpraktikum angesehen wird. Und beide zählen – nicht ohne Eigeninteresse – auf, welche Berufsausbildungen die Lebenshilfe derzeit anbietet: Heilerziehungspfleger, Gesundheits- und Krankenpfleger, Altenpfleger, Jugend- und Heimerzieher, Erzieher, Heilpädagoge und Sozialpädagoge. In diesem breiten Spektrum  – vom Kindergarten bis zur Betreuung von Senioren – könnten Absolventen eines FSJ ihre Erfahrungen sammeln und Vorlieben kennenlernen.

Die mögliche Kritik, die Lebenshilfe könnte die FSJler als billige Arbeitskräfte „missbrauchen“, kontern Tränkle und Kuntschik mit dem Hinweis auf strenge Kontrollen durch das Wohlfahrtswerk. Außerdem enstünden der Lebenshilfe durch die FSJ-Absolventen auch zusätzliche Kosten, insgesamt rund 10.000 Euro pro Jahr, betonen Tränkle und Kuntschik.

Die beiden Verantwortlichen sehen es so: „Die Anwesenheit und Mitarbeit der FSJler machen die Welt für die Menschen bei uns bunter.“ Denn meist seien es zusätzliche oder besondere Angebote, die von den jungen Kräften betreut würden, wie zum Beispiel Ausflüge, Schwimmen, Kino, Eis essen gehen oder Malen. Michael Tränkle erklärt: „Menschen mit Behinderung brauchen mehr Begleitung. Hätten wir die FSJ-Absolventen nicht, müssten wir auf manches Angebot verzichten.“ Schon deshalb freut sich auch Meike Ideker aus Ottenbach darauf, während ihrer Ausbildung bei der Lebenshilfe viele neue FSJler kennenzulernen.

Info: Weitere Infos zum Thema FSJ und den Einsatzmöglichkeiten bei der Lebenshilfe gibt es auf der Homepage www.lh-goeppingen.de.