Höhenangst hatte Igor Zaidman noch nie. Eher ein mulmiges Gefühl beim Blick in die Tiefe. Aber auch davon ist nicht viel geblieben. „Wenn man so oft 80 Meter nach unten guckt, trainiert man das eigene Sicherheitsgefühl“, sagt der 43-Jährige.

In mehr als 80 Metern Höhe ist Zaidman etwa zweimal die Woche unterwegs. Der Bauingenieur leitet die Arbeiten an der Filstalbrücke zwischen Stuttgart und Ulm. Seit 2013 entsteht zwischen den Gemeinden Wiesensteig und Mühlhausen im Täle die dritthöchste Eisenbahnbrücke Deutschlands. In einer Höhe von bis zu 85 Metern sollen hier ab Ende 2022 die ICE über das Tal rauschen.

„Der Blick ist phantastisch“

Bisher rollen nur die Fahrzeuge der Baufirmen. Igor Zaidman fährt im SUV über die eigens angelegten Straßen auf der Baustelle. „Die haben bessere Standards als die Landesstraße daneben“, erzählt der Ingenieur. Auf der Nordseite des Tals führt der steile Weg zu den beiden Eisenbahntunneln. Die Steigung beträgt 25 Prozent.

Gegenüber der Tunnel geht es zu Fuß über einen Holzsteg auf den bereits fertiggestellten Brückenabschnitt. Besucher werden dort vom tosenden Lärm der Baugeräte begrüßt – und von einem blau-weißen Klohäuschen, das mitten auf der Brücke steht. Dahinter zieht ein grüner Kran Baumaterialien aus dem Tal nach oben. Oder Baumateriälchen: Vor der roten Brüstung erscheint ein Päckchen Schrauben, ein Bauarbeiter löst sie grinsend vom Haken.

Die Filstalbrücke führt durch eine grüne Landschaft.
© Foto: Lars Schwerdtfeger

Igor Zaidman steht am Geländer und blickt nach Südwesten. Grüne Wiesen, grasende Schafe, kleine Holzhütten mit Ziegeldächern. Dahinter Wiesensteig mit seinen knapp 2000 Einwohnern. Die Filstalbrücke trifft nicht auf unberührte Natur, aber sie führt über eine ruhige Landschaft. „Im Sommer ist der Blick auf das Tal wirklich phantastisch“, schwärmt der Ingenieur. Sieben Sekunden soll ein ICE später für die Überfahrt brauchen. Für die Fahrgäste wird kaum Zeit bleiben, den Ausblick zu genießen.

Die Brücke ist Zaidmans erstes Bauprojekt auf deutschem Boden. Davor hat er unter anderem in Katar gearbeitet, war zuständig für die technische Planung beim Bau eines sechs Kilometer langen Einkaufszentrums. Zaidman wäre gerne häufiger auf der Baustelle, doch der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt im Büro. Besprechungen, Telefonate, Schriftverkehr. Beim Bau der Filstalbrücke wollen – und müssen – viele mitreden: Bauunternehmen, Behörden, Anwohner, Prüfingenieure, Gutachter, Sachverständige.

Tunnel – Brücke – Tunnel

Für den Brückenbau sind etwa 100 Arbeiter zuständig. Die meisten von ihnen kommen aus Osteuropa, der Rohbau wird komplett von einem rumänischen Subunternehmer hergestellt. Sprachbarrieren sind auf der Baustelle dennoch kein Problem: „Wir als Auftraggeber müssen nicht direkt mit dem gewerblichen Personal kommunizieren“, erklärt Zaidman. Die meisten der Ingenieure kommen aus Deutschland, auch das Führungspersonal auf der Baustelle spricht deutsch.

Igor Zaidman wurde in Russland geboren. Er begann dort ein Maschinenbau-Studium und zog mit 20 Jahren in die Bundesrepublik, um hier ein paar Semester zu studieren. In Darmstadt entschied er sich für einen neuen Studiengang: Bauingenieurwesen. „Mir schien das damals einfacher, aber das war es nicht“, erzählt der Teamleiter und lacht. „Ein paar Wände, eine Decke, im Vergleich zu einem Fahrzeug sieht das ganz einfach aus“, sagt Zaidman. „Aber die statische Messung und die Planung, das ist beides verdammt komplex.“

Für den Bau der Filstalbrücke sind rund 100 Bauarbeiter zuständig.
© Foto: Lars Schwerdtfeger

Auch hinter dem Namen Filstalbrücke versteckt sich mehr als viele denken. Tatsächlich lässt die Deutsche Bahn über dem Täle zwei schmale, eingleisige Eisenbahn-Brücken bauen. Üblich ist eine breite Konstruktion mit zwei Gleisen. Doch die Filstalbrücke beginnt auf beiden Talseiten direkt nach dem Ende der Bahntunnel und die jeweils zwei parallelen Tunnelröhren liegen aus Sicherheitsgründen 30 Meter auseinander. Es fehlt der Platz, um die Gleise vor der Brücke wieder zusammenzuführen.

„Diese Konstellation Tunnel-Brücke-Tunnel ist sehr besonders“, sagt Igor Zaidman. Brücken- und Tunnelbauer arbeiten auf engem Raum nebeneinander und müssen ihre Arbeitsschritte aufeinander abstimmen. Im sogenannten Portalbereich – dem Übergang von der Brücke zum Tunnel – können sie nicht gleichzeitig arbeiten. Hinzu kommen die üblichen Probleme, etwa ein verzögerter Baubeginn. Im Gegensatz zur stationären Industrie könne man beim Brückenbau nicht jeden Vorgang auf die Sekunde planen, erklärt der Ingenieur.

Bildergalerie Bau der Filstalbrücke macht Fortschritte

Innen sind die Brücken hohl

Die Arbeiten für die Brücke haben sich jahrelang im Baugrund abgespielt. „Die Leute, die hier jeden Tag vorbeifahren, haben uns gefragt: Passiert hier überhaupt noch etwas?“ Mittlerweile sehen auch Laien: Es passiert etwas. Die gelbe Vorschubrüstung wird etwa alle sechs Wochen 50 Meter weiter nach vorne geschoben. Gestützt wird die Konstruktion von Brückenpfeilern und Hilfspfeilern aus Stahl. Bauarbeiter passen mit Holz die Schalung an, in die später der Beton gegossen wird. Der wird vom Tal auf die Brücke gepumpt, bis zu 30 Kubikmeter pro Stunde. Ein rotes Rohr am Brückenrand leitet das Gemisch zur Schalung. Pro Brücke sind zehn Betonierabschnitte vorgesehen.

Am Ende des bereits betonierten Bereichs liegt der Blick frei auf die Stahleinlagen und Metallschläuche, die sich innerhalb des Baustoffs verstecken. Der Querschnitt zeigt außerdem, dass die Brücke aus Stahlbeton innen hohl sein wird. Unter der Fahrbahnplatte bleibt ein großer Gang frei, so kann das Bauwerk inspiziert werden. Dasselbe gilt für die Hauptpfeiler.

Die fertigen Brücken werden jeweils etwa neun Meter breit sein. Die erste ist bereits zur Hälfte betoniert, die schmalen Pfeiler sind zum Großteil fertig. Sie lassen erahnen, wie filigran die beiden Brücken trotz ihrer Größe aussehen werden. Man baue keinen Klotz aus Beton, sondern zwei schöne, schlanke Brücken, sagt Zaidman. Trotzdem werden die Bauwerke auch die Vollbremsung eines Schnellzuges verkraften.

„Die Zeit rast“

Die Zeit bis dahin dürfte für Igor Zaidman schnell vergehen. Er habe vor kurzem ein altes Video angeschaut, erzählt der Ingenieur. Es zeigt einen Baustellenbesuch 2013 mit seiner Familie. Die Kinder waren noch klein, jetzt gehen sie in die Schule. „Da realisiert man, wie die Zeit rast.“ Seit sieben Jahren arbeitet der Bauingenieur an dem Projekt. Kaum jemand ist solange dabei wie er, Zaidman hat die Filstalbrücke von der Ausschreibung an verfolgt. „Ich bin hier schon ein Dinosaurier“, sagt der 43-Jährige.

Respekt vor der Höhe hat Igor Zaidman noch immer. Er blickt trotzdem entspannt ins Tal hinunter, auf einen gelben Montagekran, der direkt unter dem fertiggestellten Brückenabschnitt steht. Von unten sieht der Kran hoch aus, vielleicht 25 Meter. Doch von der Filstalbrücke aus betrachtet schrumpft er zusammen.

Der Ingenieur will dabei sein, wenn die Brücke fertiggestellt wird. „Wenn es soweit ist, frage ich mich bestimmt: Okay, was machst du jetzt?“ Zum Teil kann er diese Frage bereits beantworten: Igor Zaidman möchte mit seiner Familie weiter in der Region Stuttgart leben. „So ein tolles Bauwerk werde ich vermutlich nicht mehr wieder bekommen“, sagt er. Wehmütig klingt er dabei nicht.

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Die höchsten Brücken


Die mit 107 Metern höchste Eisenbahnbrücke in Deutschland, die 1897 eröffnete Müngstener Brücke, steht bei Solingen in Nordrhein-Westfalen. Auf Platz zwei folgt die 95 Meter hohe Rombachtalbrücke bei Schlitz (Hessen), eröffnet 1986.   Die Filstalbrücke wird sich nach der Fertigstellung mit ihren 85 Metern Höhe auf Platz drei einreihen.

Die höchste Eisenbahnbrücke Europas ist das 198 Meter hohe und 500 Meter lange Mala-Rijeka-Viadukt an der Bahnstrecke Belgrad – Bar in Montenegro. Die höchste Eisenbahnbrücke der Welt, die 359 Meter hohe und 1300 Meter lange Chenab-Brücke, soll in diesem Jahr fertiggestellt werden und  die nordindische Provinz Jammu und Kaschmir mit dem Rest des Landes verbinden.

Das höchste Brückenbauwerk in Deutschland ist die 185 Meter hohe Kochertalbrücke an der Autobahn 6 bei Geislingen am Kocher im Landkreis Schwäbisch-Hall. Die höchste Straßenbrücke Europas, das Viadukt von Millau, steht in Südfrankreich und misst 270 Meter Höhe.

Die höchste Brücke der Welt wurde 2016 in China eröffnet: Das 565 Meter hohe Bauwerk verbindet auf einer Länge von 1,34 Kilometern die Provinzen Yunnan und Guizhou. lt