Spektakel Badische Schützenhilfe

Bad Boll / Jürgen Schäfer 26.06.2018

Eine Jubiläumsveranstaltung haben sie daraus nicht machen wollen. 20. Kanonenfest  der Schützengesellschaft Bad Boll – das spricht für sich. 200 Gäste dürften es locker gewesen sein, die zum Albtrauf beim Schützenhaus und Tempele herauf gekommen sind, um das Krachen und Rauchen der Kanonen zu erleben. Feuer! Rainer Staib zündet als Stellvertreter von Bürgermeister Hans-Rudi Bührle die Boller Kanone, und los geht’s mit der Kanonade, die noch in Dürnau und Gammelshausen zu hören ist. Für Staib, der das zum zweiten Mal macht, war es auch diesmal ein Erlebnis. Er fühlte sich durchgeschüttelt und ist fast erschrocken von dem Rums. Wer es nicht kennt:  So eine Kanone wird mit Schnur gezündet, beim ersten mal zog Staib zu schwach, und über den Zug klappt der Schlagbolzen auf das Zündhütchen. Einen Kilometer würde eine Kanonenkugel schon fliegen, hat Staib erfahren. In Bad Boll  ist es natürlich nur Rauch, der aus dem Rohr kommt.

Um die 15 Kanoniere und Schaftböllerschützen waren es diesmal. 15 bis 20 sind es immer, sagt der frühere Vereinsvorsitzende Joachim Haller, der das Kommando gibt und das Kanonenfest damals zusammen mit seinem Vize Jochen Öser begründet hat. Es waren auch schon 25 Kanonen. Vielleicht werden’s wieder soviel in fünf Jahren, wenn das 25-Jährige ansteht.

Gut, dass eine Truppe aus dem Badischen gekommen ist. Sie stellen gleich mal sechs Schützen und machen das Fest zu einer runden Sache. Für die Bergdorf-Böller aus Adersbach bei Sinsheim ist es ihre bisher größte Ausfahrt. 140 Kilometer – kein Problem dank der Autobahn, die sie fast von der Haustür bis nach Bad Boll führt. Wenn sie denn frei ist, sagen sie. Es ist ein noch junger Verein. „Since 2016“ steht auf ihren Jacken. Sie sind das erste Mal hier, und für Familie Vierling, die so etwas wie die Keimzelle der Adersbacher Schützen ist, passt es gleich doppelt. Ihr jüngster Sohn wohnt hier, in Uhingen-Holzhausen. Er ist der einzige in der Familie, der nicht bei den Bergdorf-Böllern ist, verrät die Mutter. Man muss wissen: Der Verein ist das Kind von Kerstin Vierling. Als sie vor Jahren ein Böllerschießen beim Kreisschützenball in ihrer Heimat sah, sagte sie: „Ich will das auch machen“. Das überzeugte ihren Mann und (fast) die ganze Familie, und so kam das Bergdorf Adersbach zu einer Böller-Schützen-Truppe.

Hergeholt hat sie Friedhelm Maurer. Der Mann aus Daisbach, Baden, auch Sinsheimer Raum, kommt seit 15 Jahren zum Boller Kanonenfest und hat sich anfangs gewundert: Ist das da unten nicht ein Kurzentrum, über das die Böllerschüsse hinwegrollen? Geht das denn? Es geht, weil nur alle Stunde geschossen wird, erfuhr er von Bürgermeister Bührle.

Friedhelm Maurer, heute 74, lässt es hier gerne krachen. Früher ist er mit seiner großen Kanone gekommen. Aber seit er keinen Anhänger mehr hat, geht das nicht mehr. Er könnte seine zweite mit großem Kaliber zerlegen und ins Auto packen, aber das ist ihm zu umständlich. So nimmt er die kleine, Rohrlänge 60 Zentimer, die aussieht wie eine Miniaturausgabe, es aber in sich hat. Maurer macht sich einen Spaß draus, den Reporter zu animieren: „Versuchen Sie mal, sie zu stehlen.“ Man würde sich das Kreuz aushängen. Das gute Stück ist aus Vollmetall, 59 Kilo schwer, man muss sie mit Ziehen bewegen.  Für 250 Mark hat Maurer sie einst ergattert. „Ein Schnäppchen“, sagt der Mann, dem knitzer Humor auf den Leib geschneidert ist. Sein T-Shirt weist ihn als Mitglied der Böllerfreunde Daisbach aus. Die gibt es in der Mehrzahl nicht. Er ist der einzige.

Von Bad Boll angenehm überrascht ist der Vorsitzende der Bergdorf-Böller, Dirk Zwilling. Auch die anderen staunen: eine schöne Aussicht. Vom Schützenhaus hat man einen Panoramablick auf die drei Kaiserberge,  und am Schützenhaus gibt’s die passende Aussichtsterrasse dazu. Letztere hat sich gemausert, früher war sie kleiner, und man saß beim Kanonenfest auf Bänken im Grünen. Die Badener genießen die Szenerie, wollen ihr Licht aber auch nicht unter den Scheffel stellen. „Unser Kraichgau ist auch nicht schlecht“, sagt Kerstin Vierling.

20 Jahre Kanonenfest – der runde Geburtstag fällt in Zeiten, in denen der Schützenverein wieder im Aufwind ist. Er hat ein langes Tal hinter sich, der Nachwuchs blieb aus. Jetzt kann Joachim Haller Erstaunliches melden: „Wir haben den höchsten Mitgliederstand der Vereinsgeschichte.“ Es gibt wieder Zulauf, und hier wie anderswo seien es auffallend viele Frauen, die sich für den Schießsport interessieren. Die Bad Boller haben jetzt 164 Mitglieder – und eine Frau an der Spitze. Oberschützenmeisterin Erika Walzl führt den Verein.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel