Bad Boll Bad Boller bringt Ölbad-Therapie in die Ukraine

Therapeutisches Wissen für die Ukraine: Reinhold Schön aus Bad Boll mit Seminar-Teilnehmerinnen in Odessa. Rechts neben ihm seine zukünftige Frau Larissa Kostetska, vorne links die Dolmetscherin.
Therapeutisches Wissen für die Ukraine: Reinhold Schön aus Bad Boll mit Seminar-Teilnehmerinnen in Odessa. Rechts neben ihm seine zukünftige Frau Larissa Kostetska, vorne links die Dolmetscherin. © Foto: Privat
Bad Boll / JÜRGEN SCHÄFER 17.03.2015
Sein Geschäft mit anthroposophischer Heilkunst hat ihn mitten ins Weltgeschehen geführt: Reinhold Schön aus Bad Boll war zu Zeiten des Maidan-Kampfes in der Ukraine und hat sogar Kämpfer fitgemacht.

Man kennt Reinhold Schön als früheren Betriebsleiter des Jurafangowerks von Bad Boll. Aber ebenso ist er mit einer Therapie verbunden, die ein Weggefährte des Wala-Gründers Dr. Hauschka begründet hat. "Ich bin der letzte Schüler und Nachfolger von Werner Junge als Ausbilder von Therapeuten", sagt der heute 68-Jährige. Vor wenigen Jahren hat er auch die Produktion der Öle übernommen, die dieser Therapie zugrundeliegen.

Das hat den Unternehmer in die Ukraine geführt. Was nicht verwundern muss. In Russland hat die Anthroposophie viele Anhänger, weiß Schön, "das war von Anfang an so. Um Rudolf Steiner waren auch Russen." Schön selbst hat in Moskau über lange Jahre immer wieder Vorträge gehalten. Und so kam eines Tages auch die Anfrage einer Unternehmerin aus Kiew, die mit Bioprodukten handelt, nach den Jungebad-Ölen aus Bad Boll.

Die ging noch bei der alten und mittlerweile erloschenen Firma ein, die der Enkel von Werner Junge führte. Der reichte sie an Nachfolger Reinhold Schön weiter, der die Öle in seine Firma Dr. Heberer integriert hat. Als noch weiteres Interesse an Junge-Bad und vor allem erstes Therapiewissen in der Ukraine sichtbar wurde, knüpfte Schön die Geschäftsbeziehung. Er lieferte Öle und flog dann auch in die Ukraine, um Wissen zu vermitteln.

Was damals keiner ahnte: Das erste Treffen der Geschäftspartner sollte zwei Jahre später unter dramatischen Umständen erfolgen. Das war im Februar 2014, als seit Wochen das Kräftemessen auf dem Kiewer Maidan lief und die Welt den Atem anhielt. Schön kam von Odessa, um auch in Kiew Ärzte und Therapeuten über die Wirkung des Jungebads zu instruieren.

Schön hat diese Seminare gehalten, geriet aber auch selbst in den Strudel der Ereignisse. Seine Geschäftspartnerin, die ihm auch Quartier für letztlich drei Wochen bot, war eine Akteurin auf Seiten der Pro-Westlichen. "Sie hat die Versorgung von Verletzten organisiert", erzählt er, "sie hatte da 20 bis 40 Mitarbeiter auf dem Maidan, die die Leute rausgezogen und zu Ärzten und ins Krankenhaus gebracht haben. Sie war ständig unterwegs, um nach ihnen zu schauen."

Mehr noch: Die Villa dieser Helferin, die am Stadtrand lag, wurde zu einem Rückzugsort für Anführer und Kämpfer, und die hat der Gast aus Bad Boll dann wieder fitgemacht. Mit eben jener Jungebad-Therapie, die er tagsüber lehrte. "Sie kamen nachts, ich habe sie gebadet." Will heißen: Bürstenmassage eine halbe Stunde am ganzen Körper, damit sich die ätherische Wirkung voll entfalten kann. Vier bis sechs harten Kriegern verlieh Schön so pro Nacht neue Kräfte. "Sie waren dankbar." Schön hat schon unzählige Menschen gebadet, diese hier hatten Muskeln, die ihn verblüfften. "Bretterhart", sagt er, "das waren top ausgebildete und ausgestattete Kämpfer." Männer wie sie gingen dann ins Gefecht mit dem Geheimdienst und lehrten ihn das Fürchten - womit die Schlacht auf dem Maidan entschieden wurde.

Erst nach diesem Zeitpunkt führten die Gastgeber Schön auf den abgesperrten Maidan. Mal zu Fuß, mal im Auto. Da war der Platz noch besetzt, aber Kugeln flogen nicht mehr. "Eine ganz surreale Situation", erzählt der Bad Boller, "wie in einem Film." Eine Fläche größer als der Schlossplatz von Stuttgart war mit großen schwarzen und olivgrünen Zelten bestückt, davor brannten Bronx-Feuer, an denen sich die Kämpfer und Demonstranten in der bitteren Kälte wärmten. Schön sah aufgetürmte Steine, die aus dem Boden gerissen waren und Berge von Autoreifen, die schützenden Qualm erzeugen konnten. Surreal fand er auch: "Ein paar Straßen weiter war normales Leben, da sind Leute zum Friseur gegangen und die Läden hatten geöffnet."

"Die Ukrainer sind frustriert"

Tristesse Die Welt blickt noch immer auf die Ukraine - Reinhold Schön kann nur ein trauriges Bild zeichnen: "Ein Land, wo nichts funktioniert, wo es keine vernünftige Infrastruktur gibt und letztlich alles über Korruption läuft." Dabei seien die Menschen fähig und könnten etwas aufbauen. Aber es gebe keine Bürgergesellschaft, keine gewachsene Demokratie. Die Menschen seien frustriert über ihre Oligarchen, über Putin sowieso, auch zunehmend über Europa. "Sie merken, dass viel versprochen und wenig eingehalten wird."

Neuanfang Die schwache Landeswährung Griwna macht Produkte aus Europa irrsinnig teuer. Deshalb will Schön in der Ukraine selbst eine Öle-Produktion aufbauen. Er hat dort auch sein privates Glück gefunden. Seine neue Partnerin stammt aus Odessa.

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