Uhingen Außenklasse als Mittelweg zur Inklusion

Lernen in einer Außenklasse: Rafael (links) freut sich, dass alle in der Klasse gemeinsam voneinander lernen.
Lernen in einer Außenklasse: Rafael (links) freut sich, dass alle in der Klasse gemeinsam voneinander lernen. © Foto: Sabine Ackermann
Uhingen / Sabine Ackermann 08.05.2018
Das pädagogische Konzept der Hieber-Gemeinschaftsschule beinhaltet seit Herbst 2017 auch eine Außenklasse, in der fünf Grundschüler mit Handicap lernen.

Zählt mal auf, wie viel Lehrerinnen da stehen“, hakt Susanne Bigos-Zink bei ihren Erstklässlern nach. Wie auf Kommando gehen die Hände nach oben. Doch einem dauert das zu lange, bis er drankommt, „vier“ ruft der Junge lautstark und die stellvertretende Rektorin gibt ihm recht. Allerdings erklärt sie dem fixen jungen Mann, dass auch er warten muss, bis er aufgerufen wird. Sonst sei das ja etwas unfair seinen Klassenkameraden gegenüber. Verständnisvolles Nicken, der Achtjährige hat’s verstanden. Denn in der „Fische-Klasse“ sind alle gleich, obwohl diese bei all ihrer Normalität eine Besonderheit verbirgt.

Insgesamt 28 lernen gemeinsam – darunter haben ein Mädchen und vier Jungs eine Beeinträchtigung. Bei Bedarf kommen für diese Schüler spezifische Lehr- und Lernmittel zum Einsatz. „Zusammengearbeitet wird dort, wo es möglich ist“, erläutert Susanne Bigos-Zink und ergänzt, dass die Schüler bisweilen in manchen Fächern auch räumlich getrennt unterrichtet werden. Insofern ist die einzige Voraussetzung für eine Außenklasse: Für bestimmte Arbeitsphasen benötigen die fünf Schüler der Bodelschwinghschule Göppingen einen eigenen Gruppenraum.

Die Erfahrung in anderen Schulen zeige, dass sich solche Außenklassen prima bewähren, weiß die Pädagogin, die seit 2015 in Uhingen unterrichtet. Zuvor war sie rund 15 Jahre lang in Schorndorf, und dort setzte man bereits Ende der 1990er-Jahre auf dieses Konzept. „Damals waren die Bedenken viel größer“, erinnert sie sich und nennt einige Beispiele  wie: Unruhe, resultierend aus Konzentrationsmangel, einzelne Kinder nicht im Blick haben oder Ängste, dass der Stoff und die Inhalte nicht adäquat vermitteln werden.

Sowohl in der Hieber-Gemeinschaftsschule als auch in der Bodelschwinghschule wurden die Eltern schon vor dem Start der Außenklasse im September  umfassend aufgeklärt. Gab es in Uhingen sehr wenig Vorbehalte, machten sich die Eltern der Bodelschwinghschule eher Gedanken über den Unterricht. Hatten Bedenken, dass ihre Kinder zu wenig gefördert werden und in der Menge vielleicht untergehen könnten. Diese Sorgen konnten die erfahrenen Pädagogen widerlegen, und nach einem guten halben Jahr ist klar: Von der Außenklasse profitieren alle Kinder, auch deshalb, weil die Fische-Klasse mit Klassenlehrerin Monika Moll und Sonderschulpädagogin Dagmar Merz zu zweit besetzt ist. Laut dem Staatlichen Schulamt Göppingen gibt es derzeit mit der Haierschule Faurndau, Grundschule Stauferpark, Silcherschule Eislingen, Hieber-Gemeinschaftsschule sowie der privaten Vinzentius-Schule Donzdorf  fünf Außenklassen im Landkreis. Weiterhin wird es in Baden-Württemberg Außenklassen geben, also an allgemeine Schulen ausgelagerte Klassen von Sonderschulen. Im neuen Schulgesetz heißen diese jetzt „kooperative Organisationsformen“.

Außenklassen sind aber nicht inklusiv. In einer Außenklasse bleiben die Kinder mit Behinderung Schüler der jeweiligen Sonderschule. Die Außenklasse besteht immer nur aus Kindern, die der gleichen Sonderschule zugeordnet sind, beispielsweise haben sie alle eine gleiche Behinderung. Die Außenklasse bringt ihre eigenen Lehrer mit, hat einen eigenen Raum und arbeitet in sehr unterschiedlichem Umfang mit der Klasse der allgemeinen Schule zusammen – von „fast immer“ bis hin zu „nur wenige Stunden“.

Gesetzlicher Anspruch besteht seit 2015

Gesetz: Die 2006 von den Vereinten Nationen verabschiedete Behindertenrechts-Konvention ist 2009 in Deutschland in Kraft getreten. Ihr Artikel 24 erkennt das Recht behinderter Menschen auf Bildung an. Behinderte Menschen dürften nicht aufgrund einer Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden. Zum Zeitpunkt der Verabschiedung des Inklusionsgesetzes der grün-roten Vorgängerregierung im Juli 2015 lernten 53.000 behinderte Schüler an Sonderschulen in Baden-Württemberg. Seit dem Schuljahr 2015/16 haben sie die Wahl zwischen Sonder- oder Regelschule.

Wahlfreiheit: Im Gesetz ist ein Anspruch auf sonderpädagogische Förderung behinderter Kinder im gemeinsamen Unterricht mit nicht-behinderten Schülern verankert. Ausnahme ist die Ober- und Kursstufe an den Gymnasien. Die Eltern können nach einer Beratung entscheiden, ob ihre Kinder eine Sonderschule oder eine Regelschule besuchen, ohne Anrecht auf eine bestimmte Schule zu haben. Mit dem neuen Inklusionsgesetz entfiel nach über 40 Jahren die Sonderschulpflicht. dpa