Bad Boll Auf Spurensuche durch Bad Boll

Bad Boll / Inge Czemmel 11.09.2018
„Gschichtla, b‘sondere Leit und ebbes Guats“ war das Motto eines Bad Boller Dorfspaziergangs beim Sommer der Ver-Führungen.

Menschen kennenlernen, die in Boll Spuren hinterlassen haben und noch hinterlassen wollen, das wollen die rund 25 Menschen, die vor dem altehrwürdigen Kurhaus in Bad Boll an Christel Mühlhäusers Lippen hängen. Der erste, den die Gästeführerin der Schwäbischen Landpartie vorstellt, ist Hans Neuwirth. Der 1938 in Neustift  geborene und heute in Gingen lebende Bildhauer hat nämlich den Brunnen vor dem Eingang des Kurhauses gestaltet, der den Titel „Geben und Nehmen“ trägt. „Und warum gibt er nicht?“, will eine angesichts des wasserlosen Brunnens wissen. Eine Dame aus Boll kann aufklären: „Mittagsruhe!“ Aha! Dabei war lautloses Plätschern neben abstrakter Gestaltung laut Mühlhäuser eine der Vorgaben.

Vor der Villa Vopelius, der „Keimzelle“ der Evangelischen Akademie, lernen alle Eleonore Vopelius kennen, die um seelische Heilung ringend nach Bad Boll kam und dort ab 1891 die Villa mit der Prachtfassade bauen ließ. Im Inneren hat die Akademie eine literarische Gedenkstätte, den Literatursalon, eingerichtet. Er erinnert an viele literarische Gäste, die zu den Blumhardts in Beziehung standen. Christel Mühlhäuser beleuchtete Hermann Hesse etwas näher, der 1892 sechs Wochen in Bad Boll verbrachte. Hesses Vater, der dem schwierigen, pubertierenden Jugendlichen nicht mehr Herr wurde, hatte sich verzweifelt an Christoph Blumhardt gewandt.

Christel Mühlhäuser hat nicht nur viel Informationen, Geschichten und Erinnerungen für ihre Gäste im Gepäck, sondern auch nette „Mitnehmsel“, wie ein Papierröllchen mit einem Hessegedicht oder ein Äpfelchen, das es bei der nächsten Station gibt.

Dort wird Johann Bauhin vorgestellt, der Philosophie, Medizin und Botanik studiert hatte und 1572 Leibarzt des Herzogs Friedrich I von Württemberg wurde. Dieser beauftragte Bauhin mit der Untersuchung der Schwefelquelle in Boll. Bauhin verfasste nicht nur eine Badbeschreibung über die wunderbare Kraft und Wirkung des Wunderbrunnens zu Boll. Er beschrieb auch die Versteinerungen, die Landschaft um Boll und sehr ausführlich 60 Apfel- und 39 Birnensorten, zu denen er jeweils einen Holzschnitt fertigte.

Ein paar Schritte weiter findet sich die Gruppe auf dem Mostbirnenlehrpfad der Gemeinde Bad Boll wieder, dessen Ziel es ist, der Nachwelt zumindest einen Teil der alten Kernobstsorten zu erhalten. „Entlang des Albtraufs befindet sich das größte Streuobstanbaugebiet Europas“, macht Christel Mühlhäuser deutlich und bringt die Fruchtsaftkelterei der Familie Stolz ins Spiel. 1941 gründete Fritz Stolz in Boll eine Mostkelterei. Seit 2001 betreiben seine drei Kinder die Kelterei und haben sie weiter ausgebaut. Bis heute werden die Äpfel und Birnen, aus denen handverlesene, köstliche Fruchtsäfte gekeltert werden, aus den regionalen Streuobstgürteln bezogen. Wie sortenreiner ein Birnensaft oder gar Birnenwein so schmeckt, durften die Gäste des Sommers der Verführungen im Streuobstambiente gleich selbst probieren. „Schmeckt halt wie Moscht“, gibt eine Teilnehmerin ihr Urteil ab. Kurz darauf dürfen sich alle über ein „Kosmetikpröble“ aus dem Hause Wala freuen, dessen Begründer der nächste von „de b’sondere Leit“ ist, die sich Christel Mühlhäuser auserkoren hat.

Der Wiener Chemiker und Mediziner Rudolf Hauschka gründete 1935 das erste Wala-Laboratorium in der Nähe von Ludwigsburg. 1950 fasste er in Eckwälden Fuß und trieb bis zu seinem Tode 1969 den Ausbau des Unternehmens, das nach anthroposophischen Grundsätzen arbeitet, voran. „900 Arzneien, 130 kosmetische Produkte, rund 1000 Arbeitsplätze“, fasst Mühlhäuser zusammen, bevor es weiter in Richtung Dorf geht, wo es an der Stiftskirche allerhand über Berta von Boll zu erfahren gibt.

Anschließend können im Café Linde, mitten im Herzen von Bad Boll, Kaffee und Kuchen genossen werden. Das inklusive Café ist ein Ort der Begegnung und einer der Arbeitsbereiche der Arbeits- und Lebensgemeinschaft Bad Boll, in dem sich Mitarbeiter mit und ohne Behinderung gleichermaßen um die Gäste kümmern. Ein schöner Abschluss für einen lehrreichen Nachmittag.

Die Leiden des jungen Hermann Hesse

Wohlgefühl Auszüge aus Hermann Hesses Briefe an die Eltern zeigen, dass er sich in Bad Boll sehr wohl gefühlt haben muss. Bis zu dem Tage, als sich der damals 15-Jährige in eine 22-jährige Dame verliebte, die ihm einen Korb gab.

Abschiedsbrief Hesse kaufte einen Revolver, schrieb einen Abschiedsbrief und versuchte sich das Leben zu nehmen. Blumhardt setzte ihn daraufhin vor die Tür und empfahl ihn nach Stetten in die Heil- und Pflegeanstalt für Schwachsinnige und Epileptiker.

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