Schon das Gelände, auf dem sich das Atelier befindet, ist inspirierend. Es befindet sich auf dem historischen Kuntze-Fabrikareal am Ortsrand von Süßen Richtung Salach. Um den lichtdurchfluteten Raum zu erreichen, müssen die Künstlerinnen den Weg durch eine große Halle nehmen, in der gearbeitet wird.

Eigentlich suchte Henriette Röger-Oswald vor knapp sechs Jahren einen Platz für Requisiten, Bilder und Dekorationsmaterial, die sie als damalige Werbegestalterin benötigte. "Aber als ich diesen lichtdurchfluteten Raum mit seinen hohen weißen Wänden sah, wusste ich, das muss ein Atelier werden", erzählt die Süßenerin. "Ja, der Raum ist genial", stimmt ihr auch ihre Künstlerfreundin Eike Fischer zu, die es richtig schön findet, dass "drumrum" so viel los ist, dass Lkws rangieren und mit großen Maschinen gearbeitet wird.

Jede Woche malen die Frauen an einem Tag gemeinsam hier in Süßen, Henriette Röger-Oswald kommt darüber hinaus immer wieder alleine her, weil sie mehr Zeit zum Malen hat. "Für mich ist hier drinnen eine Oase der Ruhe, trotz des Trubels draußen": Sobald sie hierherkomme, könne sie abschalten, denke an nichts anderes mehr.

Dann konzentriert sich die 67-Jährige auf die großformatige Leinwand vor ihr, auf die Farbe, die sie am liebsten mit dem großen, breiten Pinsel aufträgt und darauf, welche Inspirationen davon dann auf sie einfließen. Um diese Inspirationen umzusetzen, nutzt sie unterschiedliche Techniken, erarbeitet Struktur mit Marmormehl oder Wachs, probiert Effekte aus mit Hilfe von Rost oder Kreide oder kreiert Collagen mit Wellpappe und Seidenpapier. Am Ende stehen farbenfrohe, abstrakte Werke. "Für mich bedeutet Farbe Leben", betont die Künstlerin. Ihr Wissen und die langjährige Erfahrung gibt sie auch bei Malkursen mit höchstens zwei oder drei Teilnehmern weiter. "Ich versuche ihnen Wege zu eigenen Bildern zu vermitteln."

Das "Austoben" an der Leinwand hat Henriette Röger-Oswald mit Künstler-Kollegin Eike Fischer gemeinsam. Beide arbeiten mit schwungvollem Strich und am liebsten direkt an der Wand statt auf einer Staffel. Das beweisen die Tropfenspuren, die die Wand verzieren, den Boden verkleckern, die Leinwand-Tischtücher in bunte Kunstwerke verwandeln und sogar Türklinke und Lichtschalter farbig-lebendig gestalten. Beide haben zahlreiche Malkurse bei namhaften Künstlern belegt, beide begannen beim Aquarell. "Irgendwann gab mir Aquarell keine Ausdrucksmöglichkeiten mehr, um meine Stimmung in Form und Farbe zu gestalten", beschreibt Eike Fischer. "Oft ist es ein Kampf, bis das Bild so ist, wie ich's haben möchte."

Vor vier Jahren stieß die Rheinländerin im Nachlass ihrer Mutter auf alte aufwändig bestickte Tischdecken. Für sie ein "Symbol geordneten Lebens", denen sie jetzt auf künstlerische Weise Freiheit und ein Eigenleben schenkt. Mit verblüffender Wirkung: dominante Stickmuster verschwinden, die Tischdecke (statt Leinwand) erhält mit Hilfe von Marmormehl oder anderen Maltechniken eine völlig neue Struktur und Aussagekraft. "Das ist ein unerschöpfliches Thema", freut sich die 55-jährige Psychotherapeutin, die ihre Bilder häufig ausstellt, aber auch die Praxis in Göppingen oder ihre Wohnung mit den kreativen Werken verschönt.

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