Serie Astrid Vöhringer: Nur ihrem Herzen gefolgt

Frauenpower in drei Generationen: Astrid Vöhringer in ihrem renovierten Bauernhaus vor Porträts von sich, ihrer Tochter und ihrer Enkelin. Auch Erinnerungsstücke aus Nepal finden sich überall.
Frauenpower in drei Generationen: Astrid Vöhringer in ihrem renovierten Bauernhaus vor Porträts von sich, ihrer Tochter und ihrer Enkelin. Auch Erinnerungsstücke aus Nepal finden sich überall. © Foto: Andrea Maier
Überall Elefanten / Andrea Maier 04.07.2018

Überall Elefanten. „Die sollen Glück bringen“, erklärt Astrid Vöhringer. Unter niedrigen Decken auf schiefen Böden des uralten renovierten Bauernhauses in Ebersbach-Weiler liegen Teppiche, stehen Buddha-Skulpturen in allen Ecken, handgeschnitzte Schränkchen, kunstvoll gemalte Gottheiten – und Elefanten. „Dabei hab‘ ich doch schon so viel Glück.“ Die freundliche Frau mit den strahlenden Augen sitzt in ihrem Wintergarten.

„Ich brauche nicht zu reisen, ich hab‘ Nepal hier“, scherzt Astrid Vöhringers Mann. Sie selbst jedoch reist seit über 20 Jahren in das Land, das sie bezaubert, in dem sie Gefährtinnen getroffen hat, für die und mit denen sie Überwältigendes leistet: Kindergärten, Schulen, ja Bildungszentren, ein Geburtshaus, Lebens- und Lerneinrichtungen für Menschen mit Behinderung, medizinische Versorgungsstationen, ökologisch nachhaltige und vor allem Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten schaffende Forstprojekte – die Liste ihrer vollendeten Projekte ist lang, die Liste ihrer Vorhaben hat kein Ende.

„Bin ich deshalb eine ‚starke Frau‘?“ Astrid Vöhringer winkt ab: „Wir sind viele.“ Ein ums andere Mal rückt sie den Verein in den Vordergrund, ‚Nepal Schulprojekt – Zukunft für Kinder e.V.‘, den sie im Jahr 2000 gegründet hat. Sie pocht auf die Tragfähigkeit der über Jahre gewachsenen Netzwerke in Nepal, einem der ärmsten Länder dieser Erde.

Ob sie ‚mutig‘ ist? „Nein, aber ich habe keine Angst und ich sehe allem positiv entgegen.“ Die engagierte Frau schaut nach draußen, während sie erzählt: Mitten im Krieg in Bremen geboren, ihr Vater fiel, noch bevor er sein Kind im Arm halten durfte. Ihre Mutter floh mit den beiden kleinen Kindern, Tante und Großmutter nach Ebersbach. „Ebersbach in Sachsen.“ Astrid Vöhringer lacht leise, weil sie später wieder ein Ebersbach ihre Heimat nennt. Nach ihrer Ausbildung in Cuxhafen kam die Industriekauffrau nach Geislingen. Sie gebar eine Tochter, wechselte den Arbeitsplatz und zog, nach kurzer Zeit in Nassachmühle, nach Ebersbach-Weiler. Seit 1972 lebt sie hier und fühlt sich „zuhause“.

Es war im Jahr 1990, als Astrid Vöhringer einen Reisebericht über Nepal las und wusste: „Ich will genau das erleben.“ Ihr Reiseführer sortierte erst einmal Fön und Lockenstab aus dem Rucksack. „Ich komme aus Norddeutschland, ich kannte keine Berge.“ Sie schüttelt lachend den Kopf und erinnert sich, wie sie in eine Teppichfabrik geführt wurde. „Die modernen Teppiche gefielen mir nicht.“ Da brachte sie ihr Guide in eine kleine Teppichknüpferei. Astrid Vöhringer war begeistert, kaufte bei der freundlichen Dolma und hielt den Kontakt.

Sie wollte mehr von diesem Land entdecken, also buchte sie wieder Nepal. Mit im Gepäck hatte sie aussortierte Kleidung ihrer Tochter „für die bettelnden Kinder.“ Zu Besuch in einem Dorf kamen alle Kinder angerannt. Sie zankten um die Mitbringsel, eine Frau entriss ihr den Beutel und lief davon. Tiefe Scham überkam die Deutsche, die Gutes tun wollte und damit Streit und Missgunst säte. Das nächste Mal verteilte sie die mitgebrachte Kleidung gezielt an die Kinder der Arbeiterinnen bei Dolma. Längst war Astrid Vöhringer von der vielfältigen Schönheit des Landes, „vor allem von den Menschen, ihrer Zufriedenheit und Freude, die sie selbst in tiefster Armut ausstrahlen,“ bezaubert.

Eines Tages saß sie im Wintergarten und stellte alles in Frage. „Die Geschenke helfen doch nicht wirklich.“ Sie fragte Dolma, was sie von einem Kindergarten in ihrer Fabrik halte. Die Nepalesin schien auf diese Idee gewartet zu haben. Vöhringer bat in ihrem Tennisverein um Spenden, ein Bekannter riet ihr zu einen Informationsabend. Es kamen über 100 Leute. An diesem 8. September 2000 wurde der Verein ‚Nepal Schulprojekt – Zukunft für Kinder‘ gegründet. Astrid Vöhringer war überwältigt von der Hilfsbereitschaft.

Mit 6000 D-Mark Spendengeld flog die Ebersbacherin nach Kathmandu und räumte gemeinsam mit Dolma einen Lagerraum frei, stellte eine Arbeiterin und eine Erzieherin an, die sich um die 26 Kinder kümmerten. Bald waren über 50 Kinder täglich zu versorgen, weitere Räume wurden umfunktioniert und als die ersten Kinder schulreif wurden, bezahlte der Verein das Schulgeld, das sich die Eltern niemals hätten leisten können.

Die politische Situation wurde schwierig, gefährlich für viele. Ein Lehrer floh vor der Brutalität der Maoisten in die Stadt und arbeitete bei Dolma. Zu ihm flüchteten viele Kinder seines Dorfes, die von ihren Eltern aus Furcht weggeschickt wurden. Sie alle lebten auf den Straßen Kathmandus unter unvorstellbar elenden Bedingungen. Der Verein mietete ein Haus für den Lehrer und über 20 Kinder.

Astrid Vöhringer erzählt sachlich und doch mitreißend, es erklärt von selbst, dass sie alsbald in Schulen berichtete, ihre Projekte in Firmen vorstellte, Botschafter und Politiker hier und in Nepal überzeugte. „Eines hat sich aus dem anderen ergeben, das Ganze wurde ein Selbstläufer.“ Kein Projekt war ihr zu kühn, kein Weg zu weit, kaum ein Risiko zu groß. „Ich habe so viele Unterstützer, alles ist auf viele Schultern verteilt.“ Mittlerweile begleiten Freiwillige einzelne Projekte über Wochen, gar Monate, deutsche Ärztinnen und Mediziner impfen, versorgen und beraten während ihrer Urlaubszeit. Ziel des vielfältigen Engagements ist es, eine nachhaltige Entwicklung in Nepal zu fördern, die von staatlichen Einrichtungen, lokalen Kommunen und den Menschen vor Ort getragen und vorangetrieben werden.

Der Grundsatz „Hilfe zur Selbsthilfe“ ist oberste Leitlinie. Astrid Vöhringer schien all die Jahre nie müde zu werden, neben ihrer Familie und ihrem Beruf brachte sie schier Unglaubliches auf den Weg. „Ich hatte das nicht geplant, ich bin meinem Herzen gefolgt.“ So einfach ist das? „Nein, es war nicht alles einfach, aber es musste und muss weiter gehen, um sinnvoll zu sein.“ Woher sie all die Kraft nimmt? Sie weiß es nicht. „Vielleicht“, überlegt sie, „ist es das Gefühl, etwas wirklich Sinnvolles zu tun?“

Ihr Mann und ihre Tochter haben sie immer ziehen lassen, „solange es zuhause an nichts gefehlt hat“, Astrid Vöhringer ist dankbar für diese Freiheit und glücklich, dass ihre Enkel sie bereits nach Nepal begleitet haben. Hin und wieder spürt sie das Nachlassen ihre Kräfte, vor allem bei den teils mehrtägigen Fußmärschen in die entlegenen Regionen. Sie schaut ein bisschen wehmütig, lächelt aber sogleich und strahlt: „Es sind ganz wunderbare Menschen, hier und dort, die weiter machen – auch wenn ich nicht mehr kann.“

Info Die Projekte des Vereins ‚Nepal Schulprojekt - Zukunft für Kinder e.V.‘ sind allein durch Spenden und ehrenamtliches Engagement möglich. So bleiben die Verwaltungskosten sehr gering und jede Spende kommt dort an, wo Not herrscht. Am 14. September ist der alljährliche Nepal-Abend, an dem Astrid Vöhringer und ihre Helfer über die Projekte berichten. Informationen gibt es auf der Website unter www.nepal-schulprojekt.de. Spendenkonto: 458647507, BLZ 611 800 04 Commerzbank AG, IBAN: DE 5461 1800 0404 5864 7507.

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