Sie lauern in Platten, die in Dächern, Fassaden oder Luftschächten verbaut sind. Aber auch in Fliesenkleber oder Fensterkitt sind die tödlichen Fasern zu finden. Die Rede ist von Asbest. Der Stoff gilt als extrem gesundheitsgefährdend und ist daher seit Anfang der Neunzigerjahre in Deutschland verboten. Doch auch heute noch sind viele Mieter, Wohnungs- und Hausbesitzer dieser versteckten Gefahr ausgesetzt. Oft unwissentlich. Reißen sie ihre asbestverseuchte Fassade ohne Schutzvorkehrungen herunter, ist dies nicht nur tödlicher Leichtsinn, sondern auch eine Straftat, sagt Rudi Bauer, Pressesprecher beim Polizeipräsidium in Ulm. Der Paragraph 326 im Strafgesetzbuch regelt den unerlaubten Umgang mit Abfällen. „Darunter fällt Asbest, weil der Stoff krebserregend ist“, sagt Bauer. Wird ein Abfallsünder erwischt, droht ihm – je nach Schwere des Vergehens – eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren.

In den vergangenen zweieinhalb Jahren sind der Polizei 35 Fälle im Kreis Göppingen bekannt geworden, bei denen Privatleute ohne Schutzkleidung, Asbestsauger und Restfaserbindemittel mit asbestverseuchtem Material hantierten, berichtet der Polizeisprecher. Zum Teil seien die giftigen Platten auch noch im Bauschutt versteckt worden, sagt Bauer. In der Regel werde dieses Treiben von aufmerksamen Nachbarn angezeigt. „Die Polizei schaut dann vorbei und unterbricht die Arbeiten. Im Anschluss gibt es eine Anzeige“, erklärt Rudi Bauer. Der Heimwerker gefährde letztlich nicht nur sich selbst, sondern eben auch seine Mitmenschen und die Umwelt.

Feine Fasern gelangen in die Lunge

Wird Asbest verarbeitet, zerteilt er sich in feine Fasern, die leicht eingeatmet werden. Das kann zu schweren Lungenkrankheiten und schließlich zum Tod führen – oft jedoch erst Jahrzehnte später. Seit 1994 sind nach Angaben der Berufsgenossenschaften in Deutschland mehr als 25.000 Beschäftigte an den Folgen asbestbedingter Erkrankungen gestorben. „Jährlich sterben in Deutschland 1800 Menschen an Asbestose“, ergänzt Dieter Schmid, Sachbearbeiter für den Umgang mit Asbest bei der Gewerbeaufsicht im Göppinger Landratsamt.

Die Asbest-Demontage unterliegt daher strengen gesetzlichen Richtlinien. „Die Firmen müssen nachweisen, dass bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Dazu gehört geschultes Personal, das entsprechende Lehrgänge absolviert hat“, erklärt Doris Bernhard, stellvertretende Abteilungsleiterin für Emissionsschutz, Arbeitsschutz und Abfallrecht im Umweltschutzamt des Göppinger Landratsamts. Die Profi-Sanierer müssten sich zudem einer arbeitsmedizinischen Untersuchung unterziehen. Will ein Unternehmen Asbest entfernen und entsorgen, muss es dies mindestens 14 Tage vorher beim Landratsamt bekannt geben. „Bei Privatleuten gibt es keine Anzeigepflicht, das ist aber auch der einzige Unterschied“, betont Schmid.

Dennoch kommt es vor, dass sich Haus- und Wohnungseigentümer im Umweltschutzamt erkundigen, was beim Asbest-Rückbau zu beachten ist. „Dann sagen wir ihnen, dass man die Platten nicht zersägen und nicht vom Dach werfen darf. Und dass sie nicht länger irgendwo herumliegen dürfen, sondern verpackt entsorgt werden müssen“, sagt die stellvertretende Abteilungsleiterin.

Gefahr für Nachbarn und Umwelt

Letztlich hielten sich aber die wenigsten Privatleute an die Vorschriften beim Umgang mit Asbest, weiß ihr Kollege Dieter Schmid. Er spricht von einem „höchst brisanten Thema“, denn die Laien-Sanierer gefährdeten in höchstem Maße sich, ihre Nachbarn und ihre Umwelt. „Wir können nur an die Privatleute appellieren, die Finger davon zu lassen und eine Firma zu beauftragen, die nicht nur geschultes Personal, sondern auch das entsprechende Equipment hat.“ Werden durch die unsachgemäße Demontage von Asbest-Platten Fasern freigesetzt, verteilen sie sich nach einem Windstoß blitzschnell in der Umgebung. „Das betrifft letztlich jeden“, macht der Sachbearbeiter die Brisanz deutlich. Das Ende der Fahnenstange sei nach seiner Einschätzung auch noch lange nicht erreicht: „Alte Industriegebiete und auch Wohnviertel sind voll mit Asbest. Wir sind noch nicht am Höhepunkt angekommen, was den Asbest-Rückbau betrifft.“ Allein in der vergangenen Woche rückte die Gewerbeaufsicht zusammen mit der Polizei drei Mal aus, um nicht fachgerechten Arbeiten einen Riegel vorzuschieben. „Jedes Jahr haben wir einige Straftaten mit bis zu 3000 Euro Geldstrafe“, verdeutlicht Dieter Schmid die Dimension.

Sanierungs-Boom nach dem Hagelsturm

Seiner Kollegin Doris Bernhard fiel auf, dass es gerade in den vergangenen zweieinhalb Jahren einen „Boom“ gab: Die Anfragen sowohl gewerblicher als auch privater Asbest-Sanierer häuften sich nach dem Hagelsturm, der im Juli 2013 eine Spur der Verwüstung im Landkreis hinterlassen und viele Dächer beschädigt hatte. Mit der verstärkten Renovierungstätigkeit steige auch der sorglose Umgang mit dem gefährlichen Material: Vor etwa drei Wochen habe ein Anrufer von möglicherweise asbesthaltigen Platten berichtet, die mit einem Schild versehen „Zum Mitnehmen“ bereit lagen. „Das geht natürlich gar nicht“, betont Bernhard. Zumal eben oft die Eigentümer selbst nicht wüssten, ob die giftigen Stoffe in ihren eigenen vier Wänden schlummerten.

Und was tue ich, wenn ich mir nicht sicher bin? „Eine Probe im Labor untersuchen lassen“, rät Doris Bernhard. Handelt es sich um Materialien, die Asbestfasern enthalten, müssen sie ordnungsgemäß entfernt und auch entsorgt werden. „Am einfachsten sind sogenannte ,Big Bags’, die gibt es in jedem Baumarkt. Diese Tüten reißen nicht und passen für die gängigen Größen von asbesthaltigen Platten“, empfiehlt die Expertin des Landratsamts. Entsorgt werden die gefährlichen Stoffe auf einer dafür zugelassenen Deponie. „Die Entsorgung kostet nur 100 Euro“, ergänzt Dieter Schmid, der hin und wieder asbesthaltigen Baustoff in Wald und Flur sieht – abgelegt von verantwortungslosen Zeitgenossen.

Von der „Wunderfaser“ zum gefährlichen Stoff

Versteckte Gefahr: Asbest ist auch heute noch häufig zu finden. Kein Wunder: Der Stoff war in den 60er bis 80er Jahren ein beliebtes Baumaterial und wurde auch „Wunderfaser“ genannt, weil er eine große Festigkeit besitzt, hitze- und säurebeständig ist, gut dämmt und die Asbestfasern zu Garnen versponnen und diese verwebt werden können. Mit diesen Voraussetzungen konnte sich Asbest in der Werftindustrie für die Schifffahrt, in der Wärmedämmung, der Bauindustrie, der Autoreifenindustrie und für Textilien im Bereich des Arbeitsschutzes und der Filtration durchsetzen. Doch vor etwa 30 Jahren wurde bekannt, dass diese Fasern Lungenkrebs auslösen können. Der Einsatz ist daher in vielen Staaten verboten, unter anderem in der ganzen EU und in der Schweiz.

Ein Kommentar von Susann Schönfelder: Tödlicher Leichtsinn

Das Szenario klingt furchtbar: Neben einem Kindergarten hantieren Asbest-Sanierer dilettantisch mit einem hochgiftigen Stoff, der sich in Windeseile in der Luft verteilt und den die kleinen Jungen und Mädchen einatmen. 20 Jahre später werden sie schwer lungenkrank und sterben womöglich an den Folgen dieses stümperhaften Umgangs mit Asbest. Kann das ein Hauseigentümer verantworten?

Leider ist dieser tödliche Leichtsinn – ob wissentlich oder unwissentlich – bittere Realität im Landkreis. Die Zahlen, die Polizei und Landkreis bekannt gegeben haben, sind alarmierend: Allein in der vergangenen Woche mussten die Gesetzeshüter drei Mal ausrücken, um einem laienhaften Asbest-Rückbau einen Riegel vorzuschieben. Viel zu oft legen Privatleute selbst Hand an, anstatt eine Firma zu beauftragen, die den gefährlichen Baustoff fachgerecht entfernt und entsorgt. Und das, obwohl die Sanierung ohne jeglichen Schutz strafrechtlich verfolgt und mit einer saftigen Geldstrafe geahndet wird.

Die tägliche Nachrichtenflut hat das Schreckgespenst Asbest in den Hintergrund gedrängt. Dennoch ist die versteckte Gefahr allgegenwärtig: Sie lauert in vielen älteren Häusern, das Landratsamt spricht von steigenden Faserwerten in der Luft. An deren tödlicher Wirkung sterben jährlich 1800 Menschen in Deutschland. Es gibt Gründe genug, diesen giftigen Stoff dem Profi zu überlassen – auch wenn das mehr Geld kostet.