Musik Arrangements in zirkusreifer Artistik

Das Ausnahme-Ensemble „Canadian Brass“ musizierte wegen des Wetters in der Bürenhalle in Wäschenbeuren. Die Spielfreude kam beim Publikum gut an.
Das Ausnahme-Ensemble „Canadian Brass“ musizierte wegen des Wetters in der Bürenhalle in Wäschenbeuren. Die Spielfreude kam beim Publikum gut an. © Foto: Giacinto Carlucci
Uhingen / Ulrich Kernen 23.07.2018

Das Auftaktkonzert zum Sommerfestival „Musik auf Schloss Filseck“ machte gewaltig Lust auf mehr: Zu Gast war niemand anderes als „Canadian Brass“. Das ist ein Elite-Ensemble, das keine technischen Schwierigkeiten kennt und über eine immense klangliche Vielfalt verfügt. Es trat allerdings nicht im Schloss, sondern witterungsbedingt in der Bürenhalle Wäschenbeuren auf.

Die Musiker spielten bei ihrem Auftritt ausschließlich Arrangements. Das hieß auf der einen Seite, dass sie auch zentrale Werke der Musikgeschichte für ihre Besetzung zugänglich machen. Auf der anderen Seite bedeutet das aber natürlich auch: Veränderung und Verwandlung des Originals. Hier gilt es dann genauer hinzuhören. Das Ziel von Könnern wie Canadian Brass ist nicht, dem Original möglichst nahe zu kommen, sondern sie schöpfen aus dem Vollen und formen selbstbewusst Neues, wobei sie das auswählen, was ihren Stärken und ihrem Stil entspricht. Konkret: Das sind unverkennbar ihre einmalige Virtuosität und ihre sehr feine Mischung der Stimmen.

Im Konzert beim Sommerfestival ging das meist äußerst rasant über die Bühne, mitunter in zirkusreifer Artistik. Die Zuhörer waren fasziniert, die Musik wurde dafür jedoch oft auf dieselbe Art zurechtgebügelt: Man muss zum Beispiel bei der Ouvertüre zur Zauberflöte und beim „Türkischen Marsch“ von Mozart nicht beweisen, dass man schneller spielt als die Geiger und der Pianist. Auch in „Penny Lane“ von den Beatles muss das Solo der Bachtrompete nicht noch weiter ausgedehnt werden, um vor allem das souveräne Können des Spielers zu unterstreichen.

Dennoch überzeugten die Fünf durch Lockerheit in allen Lagen und unbändigen Spielwitz. Noch eins setzten sie drauf bei einigen Ballettmusiken, darunter „Schwanensee“ von Tschaikowsky. Hier verbanden sich Ernst und Grazie mit ansteckendem Humor. Deutlicher als in den anderen Werken inszenierte das Quintett nebenbei mit Ironie und Situationskomik ihr Spiel: Wer  hat schon einmal einen Posaunisten beim Musizieren Pirouetten drehen sehen? Die zuhörenden Zuschauer waren total aus dem Häuschen – Tschaikowsky wäre es wohl eher schwindlig geworden.

Nimmt man das Gesamte in den Blick, so fallen zwei weitere Dinge auf: An drei Stellen zeigten die Ausnahmekünstler, dass sie abseits atemberaubender Artistik und Spielwitz auch Lyrisches präsentieren können: im satten Klang der tiefen Instrumente bei John Dowland, im beseelten Spiel bei einem Orgel-Choralvorspiel von Johannes Brahms und in einer Ada­ption der „West Side Story“ von Leonard Bernstein. Hier ließ sich das Quintett endlich  einmal Zeit, die Musik aufblühen zu lassen. Im Programmheft wurde zwar auf mögliche Programmänderungen hingewiesen, diese bestanden jedoch vorwiegend in Programmkürzungen. Zwei Zugaben griffen  noch einmal die beiden Seiten des Programms auf: der „Hummelflug“, bei Canadian Brass  ein blitzartiger Sturzflug, und  der augenzwinkernde „Beal Street Blues“ von Louis Armstrong: Das machte Lust auf mehr. Das Festival geht weiter!

Eines der erfolgreichsten Ensembles seiner Art

Erfolg  Im Jahr 1970 in Toronto, Kanada, gegründet, entwickelte sich das aus führenden Künstlern bestehende Blechbläser-Quintett zu einem der besten Ensembles seiner Art:  Über 100 Alben wurden eingespielt, mehr als zwei Millionen verkauft. Auf über 5000 Auftritte weltweit bringen es die Künstler. In Konzerthäusern begeistern sie ihr Publikum mit einzigartiger Bühnenpräsenz und einer Mischung aus Unterhaltung, Spontanität und Spaß.

Wechsel Die im Lauf der Jahre wechselnde Besetzung geht inzwischen in die zweite und dritte Generation. Nur der Tubist Chuck Daellenbach ist als Gründungsmitglied auch heute noch an Bord. Canadian Brass spielt vorwiegend Arrangements von berühmten Werken, die großteils eigens für das Ensemble erstellt wurden.

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