Rechberghausen Alte Dokumente statt Süßes

Rechberghausen / MARGIT HAAS 17.08.2013
Archivarbeit ist spannend und vielfältig. Wir wollen in den kommenden Wochen die großen und kleinen Archive des Landkreises, die "Archivarbeiter" und besondere Schmuckstücke vorstellen.

Seit einem knappen Jahr sichtet und ordnet Dr. Wolfram Haderthauer das Archiv der Gemeinde Rechberghausen. Die hat in unmittelbarer Nachbarschaft des Rathauses ein ehemaliges "Tante-Emma-Lädchen" angemietet, das geeigneten und ausreichenden Raum für die schriftlichen Überlieferungen zur Geschichte der Schurwaldgemeinde bietet.

In mehreren, teilweise abgedunkelten Räumen lagert das Archivgut der Kommune in großen Metallschränken. In der ehemaligen Küche ist die kleine Bibliothek untergebracht. Haderthauer ist kein ausgebildeter Archivar, war aber "immer geschichtsinteressiert" und hat jahrzehntelang in Archiven als Nutzer gearbeitet. So habe er sich die Grundregeln der Archivarbeit angeeignet. Ein Sachbuch über die Einführung in die moderne Archivarbeit tut sein Übriges, und so ist der pensionierte Lehrer gut gerüstet für seine neue Passion. "Eine sinnvolle Beschäftigung" für seinen Ruhestand hatte er gesucht, wollte neben seinen Reisen, dem Lesen und der Arbeit im Garten eine weitere Aufgabe, die ihn ausfüllt.

Besonders alt sind die Bestände des Rechberghäuser Gemeindearchivs nicht. Denn im November 1856 hatte das Rathaus gebrannt. "Mit ihm waren alle Archivbestände verbrannt." Das älteste Dokument stammt deshalb aus dem Jahr 1857. Damals war ein Verwaltungsactuar Amos damit beauftragt worden, die wichtigsten Amtsbücher neu anzulegen. Dazu zählten auch die Güterbücher. Allerdings sei nicht bekannt, wie er die Daten erhoben hat. Auch aus der Zeit nach dem Brand sind die Unterlagen nicht vollständig. "Da hat jemand gewütet", vermutet Dr. Haderthauer angesichts der mageren Aktenlage.

Als er sein Amt im Herbst 2012 angetreten hatte, glaubte der Adelberger, auf gut geordnete Bestände aufbauen zu können, denn in den 80er Jahren hatte die Gemeinde jemanden beauftragt, das Archiv zu ordnen. Tatsächlich waren damals zahlreiche Archivordner der Jahre 1857 bis 1970 angelegt worden - freilich nicht sehr professionell. "Der Hauptfehler war, dass unterschiedliche Klassifizierungssysteme vermischt wurden", hat der Archivar immer wieder festgestellt. "Ein weiterer großer Mangel ist, dass zahlreiche Büschel falsch einsortiert sind." "Die wunderschöne Beschriftung der Boxen täuscht also." So kamen etwa Personalakten "aus den Bekanntmachungen des Büttels aus den zwanziger Jahren heraus." Und das Wehrwesen der beiden Weltkriege hätte wohl niemand bei Unterlagen zur Bundeswehr gesucht. Und so hat er ungezählte gelbe Klebezettel angebracht, die belegen, dass fast alle Boxen neu geordnet werden müssen. "Es wird eine längerfristige Aufgabe sein, den Aktenbestand zu erschließen und zu verzeichnen", ist er sich sicher. "Da liegt eine Herkulesarbeit vor mir", vermutet Haderthauer. Am Ende des Sichtens und Verzeichnens "werde ich wohl jede Akte in Händen gehabt haben"".

Neben den Beständen der Verwaltung, die teilweise noch im Rathaus aufbewahrt werden, hat der Archivar begonnen, Dokumente zu einer breiten Palette von Einzelthemen anzulegen. Das Stichwortverzeichnis reicht von A wie Archiv bis W wie Wasserversorgung, von Brunnen bis Kunst, von Friedhof bis Ortssanierung. Dieses "im Wesentlichen nicht amtliche Schriftgut aus Zeitungsausschnitten, Prospekten oder Firmen- und Vereinschroniken" sei eine wichtige Ergänzung. Zum Archiv gehören auch "zwei bedeutende Nachlässe". Der Ortschronist Karl Hornung und Professor Konrad Plieninger haben ihre umfangreichen Sammlungen der Gemeinde überlassen. Im Benutzerraum können sie - wie alle Bestände des öffentlichen Gemeindearchivs - von dem Mitgliedern des Arbeitskreises Heimatgeschichte, aber auch von interessierten Schul-klassen oder Gruppen an einem großen runden Tisch gelesen werden.

An diesem runden Tisch stellt Wolfram Haderthauer auch die Besonderheiten "seines" Archivs vor. Gerade hat er eine ungewöhnliche Geschichte recherchiert. In der Akte "Selbstmorde, Unglücksfälle, Vermisste" fand sich eine Postkarte aus Ochsenfurt. Die hatte ein eigentlich vermisster Rechberghäuser nach Hause geschickt. Wie er freilich nach Ochsenfurt kam und wie er seine Reisepläne nach Köln, die er auf der Karte an seine Mutter angekündigt hatte, realisieren wollte, das hat Haderthauer noch nicht recherchiert. Dr junge Mann scheint aber zu dem Heer von Wohnsitzlosen gehört zu haben, die Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre aus schierer Not auf Wanderschaft gingen. 1931 waren es rund zwei Millionen. Das Schicksal des jungen Rechberghäusers jedenfalls hat den Archivar berührt, er will versuchen, den weiteren Lebensweg des Mannes nachzuzeichnen.

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