Geislingen Als es in der Fischhalle Fisch gab

Geislingen / RODERICH SCHMAUZ 26.05.2012
Die nun erweiterten Marken- Fabrikverkäufe flankieren den WMF-Werksverkauf in der "Fischhalle". Letztere gibts just seit 100 Jahren - mit einem großen Unterschied: Damals war die "Fischhalle" noch Fischhalle.

Als er jüngst den dritten Bauabschnitt der Fabrikverkäufe seiner Bestimmung übergab, wies der WMF-Vorstandsvorsitzende Thorsten Klapproth darauf hin, dass das Unternehmen vor exakt hundert Jahren die Fischhalle als Sozialeinrichtung für ihre Beschäftigten gebaut hat. Der Name ging dann über auf den Werksverkauf. Und der (zwischenzeitlich völlig neu gestaltete) Werksverkauf bildete wiederum den Nukleus der heutigen Fabrikverkäufe, in denen mittlerweile 30 renommierte Marken präsent sind. Ein Blick zurück.

1887 gründete sich auf Initiative von Direktor Carl Haegele der WMF-Wohlfahrtsverein, der im Wesentlichen von der Firma finanziell getragen wurde sowie durch Stiftungen. Seine Ziele: Schutz der Gesundheit, Hilfeleistung in Not, Förderung der Sparsamkeit, Beschaffung guter und billiger Lebensmittel sowie behaglicher Wohnungen, Jugenderziehung und Hebung der Bildung und Gesittung.

Was bedeutete das konkret? Der Verein richtete eine Badeanstalt ein, welche WMFler unentgeltlich benutzen konnten. Er organisierte Betriebsfeste.

En gros und damit zu günstigen Konditionen beschaffte der Verein Grundnahrungsmittel und gab sie zum Selbstkostenpreis an die Beschäftigten weiter. Als Fleisch nach 1910 immer teurer wurde, organisierte der Verein die Lieferung von Seefischen - wofür 1912 die Fischhalle gebaut wurde. In seiner Geislinger Stadtgeschichte berichtet Karlheinz Bauer von Jahresumsätzen von 600 Zentnern Frischfischen und 50 000 Stück Bücklingen. Allein stehende Arbeiter konnten in der Fabrikwirtschaft günstig essen. Aus Kuchen verkehrte ab 1891, aus Eybach ab 1912 täglich die "Knöpfles-Post": Auf diesem Wagen mit Warmhaltefächern schickten Frauen ihren Angehörigen das Mittagessen ins Werk - zuvor mussten sie es noch selbst in die Fabrik tragen.

Dem waren bereits weitere Sozialleistungen vorausgegangen: Als 1880, im Zug der Fusion mit der Esslinger Firma Ritter, 350 Arbeiter nach Geislingen umzogen, baute die WMF für sie Wohnungen in der Kaiser-Wilhelm-Straße und im Rorgensteig. Als die Glashütte aus der Taufe gehoben wurde und die WMF Glasbläser und -schleifer aus dem Bayerischen und Böhmerwald anwarb, entstand 1884 das "Böhmerhaus" in der Straubstraße. Bis zum Ersten Weltkrieg verfügte die WMF über 114 werkseigene Wohnungen, für die sie niedrige Mieten verlangte sowie ein Wohnheim für alleinstehende Jugendliche. Für Werksangehörige vermittelte die WMF günstige Bauplätze und gab Darlehen zum Häuslesbau. Auf firmeneigenem Gelände verpachtete das Unternehmen 500 Parzellen für Kleingärten. Schon 1881 gründete die WMF eine Betriebskrankenkasse mit Zwangsmitgliedschaft. Die Leistungen der Kasse waren weit überdurchschnittlich. 1883 kam eine Fabrikssparkasse hinzu, später eine Jugendsparkasse und ein Jugendheim (1907).

Aus den Anfängen der WMF ist überliefert, dass bereits Firmengründer Daniel Straub einmal pro Woche sein Haus öffnete; seine Frau verteilte dann Brot und Mehl an Bedürftige. Dies war aber wohl noch eher der Ausdruck dessen, dass ein Patriarch Almosen verteilt.

Die späteren systematischen Sozialleistungen verfolgten die Absicht, dass sich die Beschäftigten mit ihrem Unternehmen identifizieren. Leitbild war die große Werks-Familie - die Antwort der WMF auf die "soziale Frage" des Frühkapitalismus, der vielerorts zur Ausbeutung und Verelendung der Arbeiter geführt hatte. Die WMF-Betriebszeitschrift "Die Feierstunde" trug ab 1890 das Ihre dazu bei.

Und es funktionierte, konstatiert Karlheinz Bauer: Klassenkämpferische Töne fehlten am Industriestandort Geislingen. Es gab fast nie Streiks, erst 1891 gründete sich ein Sozialdemokratischer Arbeiterverein, 1894 gewann die Metallgewerkschaft ihr erstes Geislinger Mitglied.

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