Ulm/Eislingen Ahnungslosen plötzlich in Brust gestochen

Ein junger Mann soll auf einen anderen Mann eingestochen haben. (Symbolbild)
Ein junger Mann soll auf einen anderen Mann eingestochen haben. (Symbolbild) © Foto: Ingo Wagner/dpa
Ulm/Eislingen / Michael Seefelder 12.09.2018
Prozessauftakt für einen schockierenden Fall: Ein 21-Jähriger soll in Eislingen  versucht haben, einen  Mann grundlos mit einem Messer zu töten.

Die rätselhafte Gewalttat geschah im Januar vergangenen Jahres in Eislingen. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass reine Geltungssucht das Motiv des bei der Tat 21-jährigen Angeklagten war. Am Dienstag hat die Verhandlung gegen den Angeklagten im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Ulm (Dritte Große Strafkammer als Jugendkammer) begonnen, die auf sechs Sitzungstermine angesetzt ist. Dem bislang nicht vorbestraften 21-Jährigen wird versuchter Mord zur Last gelegt. Einen großen Teil der Vorwürfe räumte er in einer Erklärung, die sein Verteidiger Uwe Böhm vortrug, gleich zu Beginn der Sitzung ein.

Wie aus der Anklageschrift hervorgeht, ereigneten sich die dramatischen Szenen in den frühen Abendstunden des 4. Januar unweit des Bahnhofs in Eislingen. Ein 49-Jähriger war dort zunächst mit seinem Hund Gassi gegangen und hatte sich dann in seinen Wagen gesetzt. Plötzlich öffnete der Angeklagte die Fahrertür und fragte nach dem Weg zu einem unweit gelegenen Schnell-Restaurant. Der 49-Jährige erschrak zunächst, fasste dann aber Vertrauen zu dem 21-Jährigen, da dieser höflich und in ruhigem Tonfall sprach. Als der noch immer völlig ahnungslose Mann die Wegbeschreibung abgegeben hatte, stach ihm der Angeklagte unvermittelt mit einem Messer zweimal in die Brust. Nur durch großes Glück waren die Verletzungen nicht lebensbedrohlich.

Wie sich der 49-Jährige bei seiner Aussage vor Gericht erinnerte, sei er daraufhin aus seinem Auto ausgestiegen und habe vor Verzweiflung und Schmerz laut geschrien. Dabei habe er den jungen Mann im Joggingtempo davoneilen sehen. Er habe noch kurz zu ihm geblickt und sei dann verschwunden. Ein Rettungswagen brachte den Verletzten anschließend ins Krankenhaus. Bis heute leide er unter Schlafstörungen und Angstzuständen, müsse weiterhin therapiert werden und finde keine Antwort auf die Frage, warum ausgerechnet er zum Opfer geworden sei, sagte der 49-Jährige.

Bei der Verhandlung unter dem Vorsitz von Richter Wolfgang Tresenreiter geht es auch darum, die Gründe für diese unbegreifliche Tat zu entschlüsseln. Der Angeklagte, der nach eigenen Angaben seit seinem 17. Lebensjahr regelmäßig Cannabis rauchte und bald auch Kokain schnupfte, soll laut Staatsanwaltschaft schon seit geraumer Zeit Anerkennung im Bekanntenkreis gesucht haben, indem er sich als „knallharter Drogenhändler“ stilisierte. Inspiriert von Gangster-Rap-Musik soll sich der junge Mann als Schwerkrimineller ausgegeben haben und – um dies zu beweisen – im Sommer 2017 einen Überfall auf sich selbst erfunden haben.

Ein Polizist schilderte im Gerichtssaal das dilettantische Vorgehen des 21-Jährigen, der sich damals selbst oberflächliche Schnittwunden zugefügt und widersprüchliche Aussagen zu den angeblichen Tätern gemacht habe. Unter die Lupe genommen wird auch, woher der Angeklagte, der nach abgebrochener Lehre arbeits- und perspektivlos bei seiner Mutter wohnte, das Geld für seinen täglichen Drogenkonsum und sogar gelegentliche Bordellbesuche gehabt haben könnte. Ein Polizeibeamter, der für die Finanzermittlungen in diesem Fall zuständig ist, berichtete dem Gericht von kleineren bis mittleren Geldbeträgen, die der Angeklagte überwiesen bekommen habe.

Der 21-Jährige, der in Handschellen in den Gerichtssaal geführt wurde, beantwortete fast nur biografische Fragen. Er sprach jedoch von „guten Kontakten“, die es ihm ermöglicht hätten, oft  kostenlos an Drogen zu kommen, erwähnte aber auch finanzielle Probleme. Auf alle Nachfragen zu Personen aus seinem Umfeld in der Drogenszene schwieg er beharrlich. Er wirkte bei der Verhandlung stets kühl, ab und an grinste er.

Gerichtspsychiater Dr. Peter Winckler erwähnte, dass der Angeklagte in der Vergangenheit bereits in Göppingen in neurologischer Behandlung gewesen sei, nachdem er mehrmals Ohnmachtsanfälle bekommen habe. Auch die Frage, ob der Angeklagte schuldunfähig ist, muss in der Verhandlung geklärt werden. Fortgesetzt wird der Prozess am Dienstag, 18. September, um 8.30 Uhr.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel