Das Handy wird zum Sprechfunkgerät. Vom Kirchenschiff aus dirigiert Dorothee Kraus-Prause die Männer auf der Bühne. Langsam lassen sie die Drahtseile ab, an denen das Lichtkunstwerk von Hitoshi Kuriyama hängt. Meter um Meter senkt es sich dem Boden entgegen. Dann verharrt es in Höhe des Taufsteins. „Super“, gibt Dorothee Kraus-Prause durch. Der Auftakt ist geschafft.

Es muss abgebaut werden, das einzigartige und so viele Herzen berührende Kunstwerk, das der Japaner über viele Wochen den Bad Bollern und Auswärtigen beschert hat. Es ist längst in der Verlängerung. Das Lichtkunstfestival „Aufstiege“ der Kulturregion endete am 9. Oktober. Aber weil der „Stern“, wie ihn manche empfanden, so schön ist, durfte er bis in den Advent hinein leuchten. Viele sind noch gekommen, als sie hörten, dass jetzt Schluss ist, berichtet Dorothee Kraus-Prause. Für sie selbst endet damit ein Kapitel mit viel Herzblut. Sie verlinkt Bad Boll mit den Kulturfestivals der Region und hat die Dinge vor Ort organisiert. Wenn sie jetzt in sich hineinhorcht, spürt sie „ein bisschen Wehmut“, dass sie das Lichtkunstwerk gehen lassen muss. Aber auch große Dankbarkeit, weil dieses Projekt so ganzheitlich gewesen sei. Fünf Wochen hat der Künstler in Bad Boll gelebt, es war ein Miteinander und so viele Begegnungen. „Das ist anders, als wenn einer ein Bild aufhängt“, sagt sie.

Der Kurator des gesamten Lichtkunstfestivals, Joachim Fleischer, hilft beim Abbau. Für ihn ein Freundschaftsdienst. Er kennt den Künstler-Kollegen Kuriyama durch seine Kontakte nach Japan und hat ihn für die Teilnahme gewonnen. Sein Werk sei schon auch ein Highlight gewesen, sagt er, eines von mehreren des Festivals. Er zählt es zu den Kunstwerken mit weißem Licht, die hätten eine andere geistige Dimension. Kümmern musste sich Fleischer um alle, er hatte 37 „Baustellen“, und neun Installationen sind länger geblieben. Kuriyamas mit am längsten, zusammen mit „cloud@infowars“ in Sindelfingen, das auch dieser Tage abgebaut wird.

Das erste kurze, klickende, durchtrennende Geräusch. Das Knipsen einer Zange. Jetzt wird es ernst. Kuriyamas Kunstwerk „0=1-fluctuation“ wird zerlegt. „Es wird nie mehr genauso aufgebaut werden können“, macht Dorothee Kraus-Prause klar, sondern nur so ähnlich. Auch wenn es nach allen Regeln der Kunst fotografiert wurde. Weil man unmöglich 400 Teile im Raum genauso wieder zusammenbringt. Die Zange ist das banale Werkzeug, mit der man die Konstruktion auflöst. Sie durchtrennt Kabelbinder, mit denen etwa 50 Leuchtröhren, mundgeblasene Röhren mit kolbenförmigen Enden und einfache Röhren aneinander gekettet waren. Kuriyama hat drei Wochen an der Anordnung gearbeitet, zur Stabilisierung zog er einige Drähte durch. Jetzt geht es knips knips schnell voran. „Bis Mittag sind wir fertig“, mutmaßt Annemone Hilsenbeck. Aber es gibt auch die elektrischen Teile, die man oberhalb des Gitterrahmens abnehmen muss.

Für das Gros des „Sterns“ braucht es nicht mal ein feines Zängle. Fritz Bitterling, ein gestandener Forstwirtschaftsmeister mit Händchen fürs feine Regulieren von Heizungen, ist mit der groben Beißzange genauso erfolgreich. Es könnte die Stille in einer Kirche zerreißen, was Bitterling in das geschäftige Knipsen hinein sagt: „Wir zerstören ein Kunstwerk.“ 

Christian Siller aus Hattenhofen nimmt Abschied auf seine Weise. Er kommt mit der Kamera, um den Abbau zu dokumentieren. Siller ist ein großer Fan des Kunstwerks, er hat es bereits fotografiert ohne Ende und daraus eine DVD zusammengestellt, die in der Stadtbücherei Göppingen ausliegt. In der Bad Boller Bücherei auch. Jetzt macht er vielleicht eine zweite.

Die Kirche wird noch einmal zum Arbeitsraum. Auf dem abgedeckten Taufstein liegt Werkzeug, auf dem Altar werden die Gläser abgelegt. Sie müssen sortiert und auf ein Dutzend Kisten verteilt werden, die alle möglichen Größen haben. Die hat Kuriyama selber gebaut, erläutert Kraus-Prause. Sie erinnert daran, dass auch im Kunstwerk selbst viel Handwerk steckt, in den mundgeblasenen Gläsern. Was in welche Kiste kommt, ist eine Wissenschaft. Es gibt dafür eigens Beiblätter, eine „Shipping List“.

Die Hoffnung stirbt zuletzt


Abwarten Die Kisten mit den 400 Teilen der Lichtinstallation bleiben vorerst in Bad Boll. Viele hoffen, dass sich doch noch ein Platz für den Neuaufbau hier oder im Umkreis findet. Das Problem: Es braucht einen hohen Raum mit einem passenden Charakter.

Perspektive Wieviel Zeit für die Suche noch bleibt? „Wenn sich keine Perspektive ergibt, werden wir sicherlich kein Vierteljahr warten“, sagt Dorothee Kraus-Prause.

Schiffsreise Im negativen Fall würden die Kisten per Schiff nach Japan zurückkehren. Ein Vierteljahr wären sie unterwegs. Nach Bad Boll kamen sie als Luftfracht, da war nicht soviel Zeit. Kuriyama würde das Kunstwerk in Deutschland lassen. Was er in Japan damit machen würde, weiß Kraus-Prause nicht.