Kreis Göppingen Online-Bibliothek wächst und wächst

Benjamin Decker von der Stadtbücherei Geislingen und Angela Asare von der Stadtbücherei Göppingen waren vor zehn Jahren mit der Einführung der Online-Bibliothek ganz vorne dran.
Benjamin Decker von der Stadtbücherei Geislingen und Angela Asare von der Stadtbücherei Göppingen waren vor zehn Jahren mit der Einführung der Online-Bibliothek ganz vorne dran. © Foto: Peter Dietrich
Kreis Göppingen / Peter Dietrich 10.04.2018
In zehn Jahren hat die 24*7-Online-Bibliothek ein rasantes Wachstum hingelegt.

Angela Asare, Leiterin der Stadtbibliothek Göppingen, kann sich noch gut erinnern: „2005 oder 2006 wurde bei einem Workshop des ekz-Bibliothekservices die virtuelle Zweigstelle vorgestellt. Das gab es in Deutschland noch nirgends.“ Es folgten vier Pilotprojekte in Hamburg, Köln, München und Würzburg. „Das war ein Modell für die Großstadt. Mir war klar, dass die kleinen Bibliotheken entweder abgehängt werden oder sie schließen sich zusammen.“ Das lag zum einen an den Kosten, zum andern am nötigen Fachwissen in den Bibliotheken.

Für Benjamin Decker, Leiter der Stadtbücherei Geislingen, war die gemeinsame Download-Plattform der Bibliotheken in Göppingen und Geislingen eine Pioniertat: „Das war die erste Download-Plattform für digitale Medien in Baden-Württemberg und die erste interkommunale ‚Onleihe‘ in Deutschland.“

Die technische Plattform und die notwendigen Medienlizenzen bietet die Firma DiViBib an.

„Jeder Nutzer sollte auf den gleichen Bestand zugreifen“, sagt Decker. „Aber jede Bibliothek hatte ihre eigene Benutzeroberfläche, an die eigene Website angelehnt.“ Der Nutzer sollte sich in seiner Bibliothek „zu Hause fühlen“. Das Titelangebot war erst mal sehr beschränkt. „Anfangs haben wir Romane komplett ausgeschlossen“, sagt Asare. „Am PC vor dem Röhrenbildschirm, dachten wir, liest doch keiner einen Roman.“ Ihr Kollege aus Geislingen fügt hinzu: „Das Rocket eBook gab es zwar schon vor der Jahrtausendwende aber das Gerät hatte grüne Schrift auf schwarzem Grund, und es gab dafür kaum deutsche Bücher. So verschwand es schnell wieder.“

Am 1. April 2008 ging die ­gemeinsame Online-Bibliothek Göppingen/Geislingen ans Netz. Im ersten Jahr gab es bei 10 000 Medien insgesamt 3600 Entleihungen. Ein halbes Jahr später trat die Stadtbücherei Esslingen bei, damit wurde das Projekt landkreisübergreifend. Drei Jahre später waren es bei fast identischer Medienzahl 13 300 Entleihungen.

Angebot unter aller Kanone

Pro Medium nur gut eine ­Ent­leihung im Jahr? Asare will nichts beschönigen: „Das waren ganz fürchterliche Zahlen. Das ­An­gebot war unter aller Kanone. ­Die Lizenzverhandlungen waren schwierig, große Verlage waren gar nicht dabei, allgemein traten die Verlage eher auf die Bremse.“ Decker erinnert sich: „Am Anfang bestand der Lesestoff nur aus pdf-Dateien, der Schwerpunkt waren Informationen für Schüler und Berufstätige.“

Ein einheitlicher EPUB­Standard und die Verbreitung der eBook-Reader brachten die Wende: Von 2012 an stiegen die Entleihungen exponentiell an. Im Jahr 2017 wurden rund 51 000 Medien 439 000-mal ausgeliehen. Vor allem Belletristik und Jugendbibliothek haben einen rasanten Anstieg hinter sich. 2017 entfielen 55 Prozent der digitalen Entleihungen auf Belletristik und Unterhaltung – Dank der mobilen Lesegeräte wie eBook-Reader, Tablets und Smartphones. In der Göppinger Stadtbibliothek wird mittlerweile jeder vierte Roman online entliehen.

Ein Teil des Wachstums an Entleihungen kam durch immer mehr teilnehmende Bibliotheken: Aus dem Zweierverbund zwischen Göppingen und Geislingen sind in beiden Landkreisen aktuell 34 Bibliotheken geworden. Auf Esslingen folgten 2012 Filderstadt, Aichtal und Süßen. 2013 folgten weitere elf Bibliotheken von Leinfelden-Echterdingen im Westen bis Donzdorf im Osten. Der Zuwachs ging in den Folgejahren weiter, jüngster Neuzugang ist Wolfschlugen.

Viel Abstimmung erforderlich

Das erfordert inzwischen viel ­Organisation und Abstimmung, etwa beim Einkauf: Jede Bibliothek hat ihr eigenes Budget und bringt ihre Lizenzen in den Pool ein. Eine Lizenz darf gleichzeitig nur an einen Nutzer vergeben werden, die Nutzungsdauer reicht von ein bis drei Stunden für eine Tageszeitung, über einen Tag für eine Zeitschrift, bis hin zu 21 Tage für ein eBook. Mahngebühren gibt es nicht, nach Ablauf der Frist lässt sich die Datei nicht mehr öffnen. Haben manche Titel eine lange Vormerkliste, werden eventuell weitere Lizenzen gekauft. Für die Nutzer kostet die Online-Bibliothek nichts extra, der Büchereiausweis genügt.

Der Nutzer kann wählen

Digital oder Papier? Der Nutzer hat die Wahl, die Vorlieben sind da ganz verschieden. Decker hat auch schon einen Satz wie „Das gibt es nicht digital – das lese ich nicht“ gehört. „Wir waren sehr früh dran“, sagt er rückblickend. „Das hat Lehrgeld und Experimente gekostet. Aber es war richtig.“